Nicole arbeitet seit 2014 im Fair-Play-Team 12. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Ali sorgt sie in Meidling für ein friedliches Miteinander. © PID/Markus Wache

 

Ein Tag unter Fair-Play-Team-MitarbeiterInnen "Wir sind immer da, wo wir gebraucht werden."

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. CLUB WIEN hat Nicole einen Tag bei ihrer Arbeit begleitet. Als Fair-Play-Team-Mitarbeiterin ist sie in den Straßen Wiens unterwegs und sorgt dort für ein verständnisvolles Miteinander.

Nicole arbeitet im Fair-Play-Team 12 in Meidling. Gemeinsam mit zwei Teammitgliedern ist sie auf Wiens Straßen, Plätzen und Parks unterwegs und sorgt dort für ein friedliches und freundliches Miteinander. Das Fair-Play-Team bietet mobile Sozialarbeit im öffentlichen Raum sowie eine Kommunikations- und Konfliktbearbeitung. Fair-Play-Teams gibt es in fast allen Bezirken. Ausnahmen sind der 1., 19. und 21. Bezirk. Ihre Arbeit ist eng mit der Jugendarbeit der Stadt Wien (JUVIVO) verbunden. Gemeinsam versuchen sie, das Miteinander im öffentlichen Raum zu verbessern. Das Fair-Play-Team 12 gibt es seit 2014. Es besteht aus drei Teammitgliedern: Nicole, Ali und Antonia. "Wir verstehen unsere Arbeit eher als Grätzelarbeit, da wir hier in einem bestimmten Gebiet für alle Personen im öffentlichen und halböffentlichen Raum zuständig sind. Halböffentlich sind zum Beispiel Einkaufszentren wie die Arkade im 12. Bezirk", so Nicole. Dabei gleicht kein Arbeitstag dem nächsten und jede Runde durch den Bezirk verspricht eine neue Herausforderung. "Wir sind vorwiegend in Parks und auf Plätzen unterwegs. Da gibt es in Meidling immer viel zu tun, weil der 12. Bezirk auch sehr groß ist", erklärt das Fair-Play-Teammitglied. Unterwegs sind die Teams immer zu zweit, sie sind ganzjährig im 12. Bezirk anzutreffen.

 

Rat und Tat auf der Straße

Ein gewöhnlicher Arbeitstag beginnt bei Nicole zu Mittag, häufig auch nachmittags. Je nach Jahreszeit ändern sich ihre Arbeitszeiten. So sind Nicole und ihr Team im Winter meist am frühen Nachmittag, teils auch am Vormittag unterwegs. "In den kalten Monaten kümmern wir uns vorwiegend um marginalisierte Personen, das heißt um Wohnungs- und Obdachlose. Wir arbeiten eng mit dem Kältetelefon zusammen, mit der Gruft und auch mit Obdach unterwegs. In den warmen Monaten treffen wir sehr viele neue und auch bekannte Gesichter in den Parks oder auf den Plätzen. Wir sprechen mit ihnen, versuchen, bei Streitgesprächen zu schlichten oder helfen, wenn sie Hilfe brauchen", erklärt Nicole.

Heute ist Nicole mit ihrem Teamkollegen Ali unterwegs. Ali kommt aus der Türkei und spricht fließend Türkisch. Das ist oft ein großer Vorteil, denn häufig treffen die zwei auf neue Menschen, die ihre Hilfe benötigen, aber kein Deutsch sprechen. "Wenn wir neue Leute treffen, schauen wir, ob und wie es mit der Kommunikation funktioniert. Da ist es immer hilfreich, wenn jemand von uns mehrere Sprachen spricht. Wir fragen sie, ob sie Infos brauchen oder wir ihnen irgendwie weiterhelfen können. Viele von ihnen kommen direkt vom Meidlinger Bahnhof und wir sind dann mehr oder weniger ihre erste Anlaufstelle", so Nicole. Viele Menschen, die Nicole und Ali treffen, haben auch kein Zuhause und schlafen auf der Straße. "Wir versuchen, für sie eine Unterkunft zu finden und leiten sie an die zuständigen Organisationen wie die sozialen Rückkehrberatungen von der Caritas weiter. Wir geben ihnen die Öffnungszeiten oder zeigen ihnen den Weg. Dort bekommen sie Hilfe und werden an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weitergeleitete, mit denen sie sich in ihrer Muttersprache verständigen können", erklärt die Teamleiterin. Oft begleiten Nicole und Ali die Leute auch zu den Anlaufstellen oder zeigen ihnen, wo sie gratis Essen bekommen oder übernachten können.

Lösungen finden für ein friedliches Miteinander

Bevor Nicole und Ali sich auf den Weg machen, überlegen sie sich die heutige Route. "In Meidling gibt es sehr viele Parks und Plätze. Wir können nicht jeden Tag überall sein. Daher überlegen wir zuerst, wo wir schon länger nicht mehr waren oder wo wir aktuell stärker gebraucht werden", erklärt Nicole. Die heutige Route führt die Teamleiterin und ihren Kollegen in den "Stonepark", den Steinbauerpark. "In Wien erhalten Parks von den Jugendlichen einen 'Slang'-Namen. Das finde ich immer sehr nett. Der Steinbauerpark heißt so Stonepark", erklärt Nicole. Dort wartet bereits ein Beschwerdeführer: ein Nachbar, der eine Beschwerde einreichen möchte und Nicole deshalb kontaktiert hat.

Häufig wird das Fair-Play-Team angerufen oder bekommt Mails von Personen, die sich von jemandem oder etwas vor Ort gestört fühlen. "Wir gehen dann zu den Personen, versuchen, mit ihnen zu sprechen und eine Lösung zu finden", erklärt Nicole. In den letzten Monaten gab es vermehrt Beschwerden von Erwachsenen, dass Kinder zu laut Fußball spielen und die vorgesehenen Käfigplätze zu viel Lärm machen. Viele fühlten sich belästigt, doch den Kindern das Fußballspielen zu verbieten, war auch keine Lösung. "Das war ein großes Problem. Wir haben uns dann überlegt, was wir tun könnten und sind dann auf die Idee mit den Flüsterzäunen gekommen", so die Teamleiterin. Flüsterzäune sind spezielle Zäune, die den Lärm, wenn ein Ball gegen das Gitter trifft, abfedern. Anstelle der herkömmlichen Bälle haben die Kinder zudem Softbälle bekommen. "Das ist natürlich immer eine Sache des Budgets, aber die Flüsterzäune waren eine einfache und auch machbare Lösung, die hier gut funktioniert hat." In den Parks finden auch oft Aktionen mit der MA 48 (Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark) statt. Durch die Aktionen soll ein Bewusstsein für das eigene Grätzel geschaffen und so auch der Park oder der Platz gerne sauber gehalten werden.

"Wir sind für alle da"

Am Weg durch den Park treffen sie auf bekannte Jugendliche, die ihnen freundlich zuwinken. Zuständig ist das Fair-Play-Team 12 für die Anliegen aller Altersgruppen, doch fokussiert das Team besonders Jugendliche. "In den Parks halten sich vorwiegend junge Menschen auf, deshalb arbeiten wir sehr viel mit Jugendlichen zusammen." Wann immer jemand ein Problem hat oder etwas braucht, kann sie oder er sich an Nicole, Ali oder Antonia wenden. Gekennzeichnet sind sie mit Rucksäcken oder Taschen, auf denen ganz groß "Fair-Play-Team 12" zu lesen ist.

Nicoles Arbeit bringt auch viele lustige und beeindruckende Momente mit sich. Das sieht man auch beim nächsten Stopp in der "Linse". Hier haben sich Menschen zusammengetan und Wiens erstes Guerilla Gardening gegründet.

 

Guerilla Gardening für alle

Der 12. Bezirk hat viel zu bieten. Neben vielen Parkanlagen, Spielplätzen und öffentlichen Anlagen gibt es den Längenfeldgarten. Dieser besteht aus dem Guerilla Gardening und einem Jugend- und Freizeitpark, genannt "Die Linse". Auf rund 4.100 Quadratmetern gibt es dort einen Skatekanal, einen Streetball-, einen Basketball- und einen Volleyballplatz. Beim Guerilla Gardening treffen sich die unterschiedlichsten Menschen zum gemeinschaftlichen Gärtnern. Der Längenfeldgarten wird ebenfalls vom Fair-Play-Team 12 ebenfalls regelmäßig besucht.

Als mit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 viele Menschen aus Afghanistan und Syrien nach Wien gekommen sind, hat es auch im 12. Bezirk einige Flüchtlingsheime gegeben. Das Fair-Play-Team 12 war damals ebenfalls vor Ort und half den neu angekommenen Menschen, sich in Wien besser einzuleben. Viele von ihnen sind weitergezogen, einige von ihnen sind im 12. Bezirk geblieben. "Die Leute, die hier geblieben sind, haben die 'Linse' und den Längenfeldgarten für sich entdeckt und begonnen, dort Gemüse und Obst anzupflanzen", erzählt Nicole.

Wer in Wien selbst gartln möchte, kann sich direkt bei der MA 42 (Wiener Stadtgärten) oder bei der Gebietsbetreuung Stadterneuerung melden. Wenn mehrere Leute auf einer größeren Fläche wie in der Linse gemeinsam gartln wollen, sollten sie einen Verein gründen, um mit der MA 42 einen Nutzungsvertrag abschließen zu können.  "Die Menschen in der Linse wollten sich nicht als Verein anmelden. Sie haben gesagt, dass es ein Guerilla Gardening ist, das allen zur Verfügung steht", erzählt Nicole. Nach langem Hin und Her hat die MA 42 das Guerilla Gardening akzeptiert. Jahrelang hat das auch gut funktioniert und es hat nie Probleme gegeben. Bis das Fair-Play-Team 12 plötzlich viele Beschwerden bekommen hat. "Wir wurden sogar von der Bezirksvorstehung angerufen. Das Problem war, dass dort einige Leute begonnen haben, den ganzen Garten umzugraben. Das heißt, auch dort, wo kein Garten vorgesehen war, wie beim Volleyballplatz, und auch Zäune und Hütten wurden aufgebaut. Die MA 22 hat das nicht sehr toll gefunden. Viele Spaziergängerinnen und -gänger beschwerten sich und wir mussten das kurzerhand alles wieder abbauen", so Nicole. Gemeinsam mit der Stadt Wien stellte das Fair-Play-Team 12 einen Plan auf, welche Flächen im Längenfeldgarten als Garten genützt werden dürfen und welche nicht. "Nach anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten waren die Hobbygärtnerinnen und -gärtner sehr verständnisvoll, als wir ihnen erklärt haben, dass sie hier nicht alles umgraben dürfen. Es war ein sehr lustiges Erlebnis. Zumal sie überall Schnittlauch angepflanzt haben, der fast wie Gras aussieht", erzählt die Teamleiterin.

Heute wird in der "Linse" noch immer fleißig gegärtnert, doch nicht überall. So bleiben noch genügend freie Flächen für Spaziergängerinnen und -gänger, zum Fußballspielen oder für andere Freizeitaktivitäten im Grünen. "Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass unsere Arbeit auch sehr lustig sein kann und wir mit ein paar einfachen Lösungen ein rücksichtsvolles und friedliches Zusammenleben ermöglichen können."