Im Simmeringer Nebel kümmert sich Chemielabortechniker Gerald Nolz, hier mit einem Probennehmer, um die Qualität des Wiener Abwassers. © PID/Christian Fürthner

 

Ein Tag unter ChemielabortechnikerInnen: "Unsere Arbeit schützt Wiens Natur"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. CLUB WIEN hat Gerald Nolz einen Tag lang bei seiner Arbeit begleitet. Er und seine KollegInnen sorgen dafür, dass Wiens Abwasser wieder in den Naturkreislauf zurückkehren kann.

Gerald Nolz geht durch die Nebelschwaden auf dem Gelände der ebswien hauptkläranlage in Simmering. Der klirrend kalte Wintermorgen und das rund 13 Grad warme Abwasser sorgen für die dunstige Kulisse. Geralds erste Aufgabe am heutigen Tag ist das Sammeln einiger Gewässerproben zur späteren Analyse im Labor. "Unsere Hauptaufgabe sind Analysen des Abwassers und des Klärschlamms. Vor allem prüfen wir die Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte an Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor. Das machen wir, damit das von uns gereinigte Wasser wieder in die Natur fließen kann, ohne diese zu gefährden", sagt Gerald.

Die Hauptkläranlage ist Teil des Umweltzentrums Simmering. Dahinter stecken mehrere Anlagen, die für den Schutz der Wiener Umwelt gebaut wurden. Weitere Teile sind das Werk Simmeringer Haide der Wien Energie, die Müllverbrennungsanlage Pfaffenau der MA 48 (Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark) und die Biogas Wien sowie ein Abfalllogistikzentrum. Abwasserreinigung und Abfallentsorgung gehen hier Hand in Hand. Der Klärschlamm der ebswien etwa wird im Werk Simmeringer Haide verbrannt, um daraus Energie zu gewinnen. In Wien begann man schon 1980 den Schlamm zur Energiegewinnung zu nutzen, in vielen anderen Ländern wird das erst jetzt ein heißes Thema.

 

Umweltzentrum Simmering ist Vorzeigeprojekt Wiens

Station Nummer eins ist der sogenannte Zulauf in die Vorklärung. Hier fließt das Abwasser aus ganz Wien ein, mehr als 6.000 Liter pro Sekunde. Schon davor durchlief es einen Schotterfang, das Hebewerk sowie Grob- und Feinrechen, in denen viele der Grob- und Feinpartikel im Abwasser - pro Tag mehr als 20 Tonnen - ausgefiltert werden. Gerald kontrolliert den pH-Wert des Wassers. Der Wert bezeichnet, ob eine Flüssigkeit sauer oder basisch ist. 0 ist sehr sauer und ätzend, daher der Begriff Säure, 14 ist alkalisch. "Der Wert liegt aktuell bei 7,33. Das ist ein sehr guter, neutraler Wert, genau so, wie das sein soll." Hier am Zulauf gibt es auch einen 24-Stunden-Probennehmer. Der Automat sammelt den ganzen Tag Proben, Gerald, seine Kolleginnen und Kollegen müssen die nur noch abholen. Gerald nimmt aber auch noch eine zusätzliche Stichprobe.

Mikroorganismen reinigen Wasser

Die Kläranlage selbst ist ein komplexes Werk mit mehreren Teilstufen, die das Wasser verschiedenen chemischen Reaktionen unterziehen, die Schadstoffe entfernen. Nach dem Zulauf fließt das Abwasser zur Vorklärung. Dort wird es eingebremst und erster Schlamm setzt sich ab. Dann geht es weiter zur Hochlaststufe, der ersten biologischen Reinigungsstufe. Mikroorganismen und Bakterien reinigen hier das Abwasser. Wie in der Natur, nur wesentlich konzentrierter. "Da Phosphor nur zu 30 Prozent biologisch abgebaut werden kann, geben wir hier Eisensulfat zu, um nachzuhelfen", sagt Gerald. Nach einer Beruhigungszone, in der sich der Sekundärschlamm sammelt, folgt die zweite biologische Reinigungsstufe. "Hier wird Ammonium, ein für Fische gefährliches Gift, zu Nitrat oxidiert, welches danach wiederum zu Stickstoff reduziert wird. Der flüchtige Stickstoff kann dann einfach aus dem Becken an die Luft abgegeben werden."

Umweltschutz wird auch beim Zurücklegen der Wege im Areal großgeschrieben. Mit 42 Hektar ist es fast so groß wie der Vatikan in Rom. Dem Team stehen Elektroautos zur Verfügung, die eine Reichweite von 90 Kilometern haben und direkt vor dem Labor-Gebäude betankt werden. Gerald fährt damit zur letzten Station des Abwassers: den Nachklärbecken. Sie dienen als Absetzbecken, um das gereinigte Abwasser vom Klärschlamm zu trennen. Aus dem Abwasserablauf der Nachklärbecken nimmt Gerald Proben und checkt die Messwerte auf den Anzeigen. "Der Feststoffwert etwa zeigt, wie viele Partikel im Abwasser sind. Mit 3,5 Milligramm pro Liter ist der Wert sehr gut. Auch die Leitfähigkeit passt", sagt Gerald. Die Leitfähigkeit gibt an, wie viel Salz im Wasser ist. Reines Wasser leitet Strom nur schlecht, die Leitfähigkeit steigt mit dem Salzanteil. „Hier können wir zum Beispiel deutlich ablesen, ob in der Stadt Salz gestreut wurde. Da kann der Wert von 100 Milligramm Chlorid pro Liter ganz schnell auf über 1.000 Milligramm pro Liter klettern.“

Laborergebnisse zeigen Belastung

Mit dem Elektroauto geht's retour zum Labor. Gerald wechselt von der warmen Arbeitsjacke in den weißen Laborkittel. Zuerst gießt er Proben von Zulauf und Nachklärbecken in zwei sogenannte Imhoff-Trichter. In den keilförmigen Trichtern setzen sich die Partikel im Wasser ab und erreichen je nach Sauberkeit einen gewissen Ablesewert an der Markierung. Dieser wird zur statistischen Erfassung aufgenommen. "Hier sieht man das Ergebnis unserer Arbeit", sagt Gerald. Das Wasser aus dem Zulauf ist braun und reich an Partikeln, etwa Fäkalien. Das Abwasser aus dem Nachklärbeckenablauf ist sauber, kaum etwas setzt sich im Imhoff-Trichter ab.

Die Schmutzstoffe, etwa Phosphor, misst Gerald mit einem Photometer. Zuerst kommen die Proben in einen Mikrowellenaufschluss. Der bringt die Feststoffe im Abwasser in Lösung. Dadurch können die nun flüssigen Feststoffe gemeinsam mit dem Wasser analysiert werden und man bekommt ein einheitliches Bild. Alternativ müsste man Feststoffe getrennt auswerten. Die Ergebnisse liegen alle im grünen Bereich. Die laufende Erfassung der Laborergebnisse ermöglicht der ebswien, die Belastung im Abwasser genau zu verfolgen und entsprechende Maßnahmen zu setzen. "Hätten wir zum Beispiel einen auffallenden Anstieg an Phosphor, würden wir mehr Eisensulfat in den biologischen Reinigungsstufen zugeben."

Eine wichtige Methode, die Schlammqualität zu kontrollieren, ist das Mikroskop. Gerald legt eine Probe unter das hochauflösende Gerät und überträgt die Bilder direkt auf den Computer. "Hier schauen wir uns die Mikroorganismen ganz genau an. Denn die verraten uns viel über die Qualität des Schlamms", sagt Gerald. "Auf diesem Bild etwa sehen wir einen Baum von Glockentierchen. Das ist ein sehr gutes Zeichen, denn die leben nur in hochwertigem Schlamm."

Wartung der Sonden

Nach der Arbeit am Mikroskop erreicht Gerald ein Anruf aus der Leitwarte. Die Leitwarte ist das Hirn des Areals. Auf den riesigen elektronischen Bildschirmen sind Messwerte sämtlicher Sonden und Analysegeräte, die quer über das Gelände verteilt installiert sind, zu sehen. Eine Sonde liefert momentan keine Daten. Gerald geht einen Stock höher und schaut sich die Position auf dem Bildschirm an. "Dass Sonden ausfallen, kann viele Gründe haben. Möglicherweise ist das Gerät verschmutzt, vielleicht ist es aber auch ein technisches Problem. Generell werden alle Sonden nach einem festen Plan gereinigt und gewartet", sagt Gerald.

Prüfung und Planung der Wartung der Sonden gehören auch zu Geralds Aufgaben. Er schnappt sich seinen Putzkübel und fährt zur "stummen" Sonde. Das Gerät befindet sich in der zweiten biologischen Reinigungsstufe. Schnell ist klar: Einige Partikel blockieren den Sensor, Gerald entfernt diese mit der Bürste. Ein kurzer Anruf in der Leitwarte bestätigt: Alles funktioniert wieder.

Legenden des Abwassercups

Auf seine Arbeit ist Gerald stolz. "Wir leisten hier einen gewichtigen Beitrag dazu, die Wiener Natur und Tierwelt zu schützen." Gerald ist seit zehn Jahren Teil des Teams, startete hier seine Lehre und hat es mittlerweile zum Werkmeister gebracht: "Chemie und Biologie haben mich schon in der Schule sehr interessiert. Umso mehr freue ich mich, dass es hier so gut für mich geklappt hat."

Gerald ist nicht nur ein Teamplayer im Labor, sondern auch auf dem Fußballfeld: "Wir tragen zwei Mal im Jahr den Abwassercup auf einem Kleinfeld aus. Dabei spielen wir gegen andere Abteilungen, aber auch gegen Teams von Wien Kanal", sagt Gerald. In seiner Jugend hat er schon bei Rapid Wien und beim Wiener Sportklub gekickt. Er führte sein Team als Außenverteidiger zweimal in Folge zum Gewinn des Abwassercups. Die Trophäe steht stolz im Büro der Labormannschaft und ist der beste Beweis dafür, dass im Team auch abseits der Reagenzgläser die Chemie stimmt.