Anica Dimitrijevic ist Buslenkerin aus Leidenschaft und arbeitet von der Garage Rax in Favoriten aus. © PID/Markus Wache

 

Ein Tag unter BuslenkerInnen: "Ich bin für die Fahrgäste verantwortlich"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. CLUB WIEN hat Anica Dimitrijevic einen Tag lang bei der Arbeit begleitet. Die Buslenkerin der Wiener Linien und ihre KollegInnen sorgen dafür, dass die WienerInnen sicher ans Ziel kommen.

Vom Fahrgast zur Buslenkerin. Anica Dimitrijevic beginnt jeden Arbeitstag als Passagierin des 66A. Mit dem Bus fährt sie bis zur Station Laxenburger Straße/Raxstraße direkt neben der Garage Rax in Wien-Favoriten. Beim Aussteigen verabschiedet sie sich herzlich vom Kollegen. Kann Anica die Fahrt genießen oder schaut sie den Fahrerinnen und Fahrern lieber über die Schulter? "Gar nicht, ich weiß, ich bin in guten Händen."

Anica ist eingefleischte Buslenkerin. Die Fahrlehrerin begann 2011 bei den Wiener Linien eine Ausbildung zum Erhalt des D-Scheins, der zum Lenken von Kraftwagen mit mehr als acht Insassen berechtigt. Offensichtlich hat es ihr gefallen, schließlich ist sie jetzt immer noch im Unternehmen. "Mir war schnell klar, dass das mein Traumjob ist. Ich liebe es zu fahren, ich liebe den Kontakt zu Menschen und ich mag es nicht, ständig nur im Büro zu sitzen. Die Mischung in dem Beruf ist einfach perfekt."

 

Zwischen Bus und Büro

Mittlerweile ist Anica Teamleiterin. In der Garage Rax gibt es elf Teams mit jeweils 35 bis 40 Personen. 15 Linien werden von hier aus gefahren: 13A, 14A, 15A, 61A, 62A, 64A, 65A, 66A, 69A, 74A, N6, N62, N66, N67 und N71. Manche Tage verbringt Anica zur Gänze im Büro. Heute macht sie dort aber nur kurz Station, um ihre E-Mails zu checken. "Wir Teamleiterinnen und Teamleiter kümmern uns um personelle Anliegen. Wenn jemand beispielsweise Sonderurlaub braucht, eine Hochzeit anmelden will oder eine Beschwerde oder ein Lob hat, sind wir die Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner", sagt Anica. Anliegen, die den Verkehr oder die Dienste betreffen, behandelt sie nicht. Dafür gibt es eigene Kanzleien sowie Disponentinnen und Disponenten bei den Wiener Linien.

Der zweite Weg führt Anica in den Gemeinschaftsraum. Dort prüft sie den Dienstplan und tauscht sich mit Kolleginnen und Kollegen aus. Heute steht der 15A auf dem Plan. "Ganz ehrlich gesagt, ist das nicht meine Lieblingslinie, weil es da fast nur geradeaus geht. Wie beim 62A. Das ist nicht so herausfordernd. Meine Lieblingslinie ist der 13A. Da ist immer was los, besonders auf der Mariahilfer Straße, und man ist wirklich beansprucht. Da vergeht auch die Zeit viel schneller", sagt Anica.

Arbeitsplatz 15A

Viel Zeit, sich aufzuhalten, hat Anica nicht. In der Garage haben die Lenkerinnen und Lenker eine Meldezeit von 20 Minuten, bevor sie mit dem Bus ausfahren. In der Zeit kontrolliert sie noch den Bus. Sie schnappt sich die 15A-Karte, auf der alle Stationen verzeichnet sind. Die wird sie gleich im Bus anbringen, wo sie den Fahrgästen zur Orientierung dient. Im Hof stehen zu diesem Zeitpunkt rund ein Dutzend Busse, die darauf warten, auf ihre Strecke zu fahren. Auf der Linie 15A sind nur Gelenkbusse unterwegs. Die Fahrzeuge sind 18 Meter lang, zweieinhalb Meter breit und über drei Meter hoch. Die Busse bringen 17,5 Tonnen auf die Waage. Alle sind mit Klimaanlage ausgestattet und barrierefrei. Insgesamt haben 106 Personen im Bus Platz, es gibt 40 Sitz- und 66 Stehplätze.

Sicherheit geht vor

Vor der Fahrt steht eine Inspektionsrunde auf dem Programm. Anica beginnt damit, eine Runde um den Bus zu gehen. "Ich prüfe jetzt auf äußerliche Schäden. Das machen wir vor jeder Fahrt", sagt Anica. Zu beanstanden hat sie nichts, alles ist im grünen Bereich. Weiter geht es mit den Türen. Muss sie den Schließmechanismus testen? "Nein", sagt Anica. "Denn wenn der nicht funktioniert und sich die Türen nicht schließen, kann der Bus überhaupt nicht losfahren. Ich überprüfe die Fühlerkanten und die Lichtschranken." Probeweise lässt sie jede Türe schließen und hält kurz die Hand dazwischen. Jedes Mal geht die Tür wieder auf; der Beweis, dass die Lichtschranke passt.

"Die Türen überprüfen wir nur in der Garage. Wenn wir auf der Linie wechseln, dann nicht", sagt Anica. Im Gegensatz dazu werden die Fahrscheinentwerter auch unterwegs überprüft. Der Test ist simpel: Anica hält ein leeres Blatt Papier hinein, wartet das charakteristische Klack ab und checkt dann den Stempel. Jetzt wird noch der Fahrplan im Innenraum angebracht. So wird aus einem anonymen Bus ein 15A und die Tour kann losgehen.

Verkehr ist unberechenbar

Auf der Straße ist Anica konzentriert und lässt sich nicht ablenken. Sie schlägt die Route Richtung Enkplatz ein und wirft stets ein Auge auf die anderen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer. Nach kurzer Zeit biegt sie in die erste Haltestelle ein. Mit einem Knopfdruck gibt sie die Türen frei. Nun können diese auch von außen geöffnet werden. Auf der Bremse stehen muss sie nicht. "Die Haltestellenbremse ist aktiv und die Hinterräder sind daher gebremst." Bei der Weiterfahrt meldet der Disponent aus der Leitstelle Anica über Funk einen Stau in der Grenzackerstraße. Anica fährt zum Enkplatz, die Situation könnte also interessant werden.

Bei der Haltestelle kommen Anica Erinnerungen an eine nicht ganz so schöne Situation: "Ich wollte aus der Haltestelle ausfahren und ein Autofahrer hat mir signalisiert, dass ich fahren soll. Plötzlich ist er zeitgleich mit mir los und wir sind leicht kollidiert." Seitdem ist Anica noch aufmerksamer unterwegs und beobachtet den Verkehr noch genauer. Mittlerweile hat sie schon einen siebten Sinn für solche Situationen, sagt sie: "Wenn ich in den Rückspiegel schau und den Blinker setze, erkenne ich gleich, ob das Auto stehen bleibt oder nicht." Von der Hektik mancher Autofahrerinnen und Autofahrer lässt sich Anica nicht anstecken. "Ich bin für die Fahrgäste in meinem Bus verantwortlich. Das ist das Einzige, das zählt."

In der Ruhe liegt die Kraft

Anica fährt die Raxstraße entlang und kommt zum dritten Mal an diesem Tag zur Haltestelle Laxenburger Straße/Raxstraße, diesmal jedoch als Lenkerin und in Richtung Schedifkaplatz. Die Passagierinnen und Passagiere steigen ein, jemand fragt sie, ob der Bus zur Krankenkasse fährt. "Ja", sagt Anica mit einem Lächeln. "Noch fünf Stationen."

Eine der wichtigsten Eigenschaften in diesem Beruf ist Gelassenheit. Im Verkehr braucht man immer einen kühlen Kopf. "Auch bei den Passagierinnen und Passagieren hilft das. Es kommt natürlich vor, dass ein Gast einmal einen schlechten Tag hat und eine blöde Bemerkung fallen lässt. Da muss man drüberstehen", sagt Anica. Dass sie als Frau mehr einstecken muss als männliche Kollegen, glaubt sie aber nicht. Und es gibt auch positive Kontakte. "Manche Gäste grüßen immer und sind sehr freundlich. Da wäre zum Beispiel eine Rentnerin, die mit dem 14A fährt. Die kennt jede und jeder in unserer Garage", sagt Anica.

Am frühen Nachmittag hält sich der Verkehr in Grenzen und der 15A kommt gut weiter. Vom Enkplatz über die Swatoschgasse, die Siedlung Südost und den Verteilerkreis kommt Anica zur Grenzackerstraße, in der sich der Stau in der Zwischenzeit wieder aufgelöst hat.

Der Kreis schließt sich

Retour geht es auf derselben Route. Wie lange sie bei einer Schicht im Bus sitzt, variiert stark und hängt von der Länge der Runden der jeweiligen Linien ab. "Der 74A etwa braucht für eine Runde etwa 30 Minuten. Der 66A eineinhalb Stunden. Mit dem 15A brauchen wir rund eine Stunde." Auf dem Rückweg passiert Anica die Raxstraße, fährt weiter über die Triester Straße und die Wienerbergstraße bis zur zweiten Endstation: Bahnhof Meidling/Schedifkaplatz. Je länger der Nachmittag sich hinzieht, desto voller wird es im Bus.

Am Ende der Schicht lenkt sie den Bus wieder zur Garage Rax. Dort wird geparkt, der Fahrplanaushang eingepackt und der Bus wieder versperrt. Im Hauptgebäude bringt Anica den Aushang zurück.

Danach steuert sie dem Feierabend entgegen. Ein letztes Mal am heutigen Tag geht sie zur Station Laxenburger Straße/Raxstraße und wartet auf den 66A.