Der Spezialscanner wird für die wertvollsten Schätze in Betrieb genommen. Nicole Hebenstreit geht vorsichtig damit um. © PID/Alexandra Kromus

Ein Tag unter BibliothekarInnen: Amtsblatt ist spannend wie ein Kriminalroman

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. Wir begleiten Bibliothekarin Nicole Hebenstreit einen Tag lang bei der Arbeit. Sie ist im Bereich Digitale Services der Wienbibliothek im Rathaus (MA 9) tätig.

Der Umgang mit alten Büchern und moderner Technologie ist am Arbeitsplatz von Nicole Hebenstreit (36) ideal vereint. Wenn sie morgens den Dienst antritt, macht sie sich eine Tasse Tee und das, was sehr viele Kolleginnen und Kollegen tun: Sie fährt ihren Computer hoch, checkt ihre E-Mails und Anrufe in Abwesenheit am Festnetzgerät. Täglich erreichen sie Reproduktionsaufträge für Materialien aus der Druckschriften-, Handschriften-, Musik- und Plakatsammlung sowie der Dokumentation. Die Leserinnen und Leser der Wienbibliothek können Kopien und Digitalisate, per Onlineformular über die Website www.wienbibliothek.at, bestellen. Anschließend werden die betreffenden Objekte aus den Depots ausgehoben und von Nicole Hebenstreit entgegengenommen. Seit 2013 ist sie Mitarbeiterin im Bereich Digitale Services der Wienbibliothek im Rathaus (MA 9).

Nahe der Wienbibliothek im Rathaus hat Bibliothekarin Nicole Hebenstreit ihr Büro. © PID/Alexandra Kromus

Wenn keine konservatorischen oder urheberrechtlichen Gründe gegen eine Digitalisierung sprechen, beginnt der eigentliche Scanvorgang. In einem abgedunkelten Bereich des Büros steht ein Spezialscanner: "Die Scanplatte ist geteilt und höhenverstellbar. Das erleichtert, die Bücher schonend zu digitalisieren. Die Seite muss die Glasplatte möglichst eben berühren, um einen schönen Scan zu erhalten", weiß die Expertin. Nach diesem Vorgang erscheint die Seite am Bildschirm und kann weiter bearbeitet werden.

Die Reproduktion ganzer Bücher erfolgt als "eBooks on Demand", sofern diese urheberrechtsfrei sind, also Werke, deren Autorin oder Autor vor mindestens 70 Jahren verstorben ist. Das Buch wird dafür gescannt und kostenpflichtig an Interessierte verschickt. Die digitalisierten Bücher werden in ein europaweites Netzwerk (Europeana Collections) eingespeist, um eine mehrfache Digitalisierung derselben Bücher weitgehend zu verhindern. 

Die Digitale Wienbibliothek

Neben den Reproduktionsaufträgen für den Kundinnen- und Kundenbereich arbeitet Nicole Hebenstreit an der Erweiterung der digitalen Wienbibliothek. Der erste Bestand, der ab 2009 digitalisiert und 2011 online gestellt wurde, war der sogenannte "Lehmann", die Wiener Adressbücher von 1859 bis 1942. Dieser digitale Service ermöglicht unter anderem die Onlinesuche nach Personen, Adressen und Branchen in Wien.

Sukzessive wurden weitere Teilbereiche der fünf Sammlungen der Wienbibliothek digitalisiert. Etwa im Zuge von Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg und zum Ringstraßenjubiläum oder auch unikale Bestände wie beispielsweise die Bühnenwerke aus dem Nachlass Johann Nestroys, Musikhandschriften der gesamten Familie Strauss sowie Häuserschematismen und Straßenverzeichnisse. "Einmal digitalisierte Werke werden nur mehr in Ausnahmefällen ausgehoben, um den Bestand zu schonen", betont Nicole Hebenstreit.

Die Wienbibliothek Digital, wie auch der "eBooks on Demand"-Service, erleichtert vielen Studierenden, Wissenschafterinnen, Wissenschaftern und Interessierten aus aller Welt den Zugang zu Wien-spezifischen Büchern und Materialien enorm. Das bezeugen auch die Zahlen der Besucherinnen und Besucher der Wienbibliothek digital: Im Jänner 2013 waren es rund 10.000, im Jänner 2017 bereits mehr als 20.000 Userinnen und User.

125 Jahre Amtsblatt der Stadt Wien

In der Wienbibliothek sind die gebundenen Ausgaben des Amtsblattes auch physisch vor Ort. Nicole Hebenstreit kennt sie mittlerweile in- und auswendig. © PID/Alexandra Kromus

Ihr jüngstes Projekt im Bereich der digitalen Wienbibliothek war die Bearbeitung des zuvor außer Haus digitalisierten Amtsblattes der Stadt Wien. Die erste Ausgabe ist vor 125 Jahren, am 8. Jänner 1892, erschienen, auf der Basis eines Gemeinderatsbeschlusses. Bis 1921 war es zwei Mal wöchentlich als "Amtliches Verlautbarungsorgan" verfügbar. "Die Inhalte sagen viel über die Gesellschaft aus. Es lassen sich Zusammenhänge feststellen und es spiegelt sich die Geschichte der Stadt in allen Facetten wider", erzählt Nicole Hebenstreit.

Die Bibliothekarin zitiert aus dem Amtsblatt 1945: "Will der Chronist die Wandlungen unserer Stadt im letzten halben Jahrhundert verfolgen, dann findet er im Amtsblatt alle jene Daten, die zu historischen Marksteinen unserer Stadtentwicklung geworden sind." Enthalten waren anfangs "stenographische Protokolle der Sitzungen des Gemeinderathes und Stadtrathes", Ausschreibungen betreffend Erd- und Pflasterungsarbeiten oder Neubauten, weiters Ausschreibungen und Kundmachungen der Verwaltung oder ein neues Reservoir der Hochquellenleitung in Breitenfurt, Petroleumlieferungen für die Wiener Bürger-Versorgungsanstalt, die neuen Bereiche der Gemeinderatsausschüsse aufgrund der neuen Stadtverfassung im Jahr 1920 und vieles mehr.

Strukturknoten zur einfacheren Suche

Fast detektivisch nähert sich Nicole Hebenstreit dieser sogenannten Verwaltungsliteratur, die sie detailliert strukturiert hat. Anhand der vergebenen Strukturknoten sind die einzelnen Abschnitte des Amtsblattes sichtbar: "Datum und Ausgabe-Nummer sind die ersten Strukturknoten, weitere sind entsprechend des Inhaltsverzeichnisses zum Beispiel Gemeinderats- und Stadtratssitzungen, Bezirksausschüsse sowie Ausschreibungen über verschiedene Neubauten oder Aufbauarbeiten", erzählt die Bibliothekarin. Während des Ersten Weltkrieges gab es Sondernummern und es wurden zum Beispiel ein Manifest des Kaisers, Spendenaufrufe des Bürgermeisters, Verzeichnisse der gefallenen Angestellten der Stadt Wien und die Berichte der Obmänner-Konferenz im Amtsblatt veröffentlicht. Theodor Körner schrieb 1945 im Geleitwort, dass in erster Linie der Bevölkerung die Verwaltungsarbeit nähergebracht werden und "zu sozialem Pflichtgefühl" angeregt werden soll.

"Wiener Bilder" wurden ab den 1950er-Jahren zur Auflockerung der amtlichen Mitteilungen eingebaut. © Wienbibliothek im Rathaus

Ab den 1950er-Jahren erschienen auf der letzten Seite, später bei den jeweiligen Artikeln, die "Wiener Bilder". Zum Beispiel Abbildungen vom damals neuen Rathaus, von Modeschauen, ehemals modernen medizinischen Geräten, sozialen Einrichtungen oder ein Foto der Brückenbelastungsprobe 1955: 42 voll beladene Lastwagen stehen gleichzeitig auf der Rotundenbrücke. Damals wie heute beinhaltet das Amtsblatt Kundmachungen über Stadtteilplanung und Flächenwidmungen, Protokolle der Gemeinderatsausschüsse, neue Gewerbeberechtigungen, Vergabe von Leistungen wie Auftragskundmachungen und Firmeninserate.

Aussagekräftige Lücken in der Verwaltungsliteratur

Ein ausgeklügeltes Ablagesystem ermöglicht den reibungslosen Ablauf. © PID/Alexandra Kromus

Das "Amtsblatt der Stadt Wien" erschien durchgängig von 1892 bis zu den Februarkämpfen 1934. Zwischen 1936 und 1938, im Ständestaat, hieß es "Amtsblatt der bundesunmittelbaren Stadt Wien". Nach dem "Anschluss" im März 1938 erschien das Amtsblatt in ungebrochener, wöchentlicher Kontinuität unter dem Titel "Amtsblatt der Stadt Wien", bis es im Februar 1940 in zwei verschiedene Schriften geteilt wurde: "Verordnungsblatt für den Reichsgau Wien" und "Nachrichtenblatt der Stadt Wien", wobei Letzteres 1942 wieder eingestellt wurde. "In der Zweiten Republik wurde das Amtsblatt der Stadt Wien seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe am 15. August 1945 bis heute durchgehend publiziert. Gerade die Erscheinungslücken sind sehr spannend", findet Nicole Hebenstreit. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Jahrgänge 1892 bis 1966 online abrufbar unter www.digital.wienbibliohek.at. An der Fortsetzung bis 2000 wird bereits gearbeitet.

Mit dem Bücherlift werden die Bestellungen aus den umfangreichen Depots der Wienbibliothek befördert. © PID/Alexandra Kromus

Zur Verwaltungsliteratur gehören weiters der Wiener Kommunal-Kalender, der von 1863 bis 1922 erschienen ist, sowie das Handbuch der Stadt Wien, das von 1934 bis 2005 unter wechselnden Titeln mit Unterbrechungen veröffentlicht wurde. Beide Publikationen gehen auf Privatinitiativen zurück und sollten der Bevölkerung als Nachschlagewerk dienen. Mittlerweile übernehmen die Website wien.at und das Intranet des Magistrats für Bedienstete der Stadt Wien diese Funktionen. In der digitalen Wienbibliothek sind der Kommunal-Kalender und das Handbuch der Stadt Wien online abrufbar.

Analoger Service für KundInnen

Beratung, Empfehlungen, Buchausgabe: Zwei Mal in der Woche macht Nicole Hebenstreit Dienst in der Wienbibliothek. © PID/Alexandra Kromus

Neben ihren Hauptaufgaben rund um die Digitalisierung arbeitet Nicole Hebenstreit zwei Mal in der Woche in der "Buchausgabe" der Wienbibliothek. Forscherinnen und Forscher, Journalistinnen und Journalisten sowie die interessierte Bevölkerung können Bücher zu verschiedensten Themen über den Onlinekatalog suchen und bestellen. Diese werden unter anderem mit dem Bücherlift aus den Depots in die Buchausgabe transportiert und bereitgestellt. Da die Wienbibliothek eine Präsenzbibliothek ist, können Bücher nur in den Publikumsräumen gelesen und, abhängig vom konservatorischen Zustand, selbst kopiert und gescannt werden. Unterstützend beantwortet Hebenstreit Anfragen, berät bei Bestellungen, gibt Buchempfehlungen ab und leitet die Nutzung des Onlinekatalogs an. "Die Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden, mit Kolleginnen und Kollegen aus internen Bereichen machen diesen Aufgabenbereich spannend und vielseitig", sagt Nicole Hebenstreit abschließend.

Mehr Infos

Wienbibliothek im Rathaus (MA 9)
1., Rathaus, Stiege 4, 1. Stock (Eingang über Felderstraße)
Wienbibliothek: www.wienbibliothek.at
Wienbibliothek Digital: www.digital.wienbibliothek.at

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