Archivarin Liane Tiefenbach im Wiener Stadt- und Landesarchiv. Die mobilen Regalanlagen des Archivs sind den Buch- beziehungsweise Aktengrößen angepasst. © PID/Christian Fürthner

Ein Tag im Stadt- und Landesarchiv: Blick zurück in die Vergangenheit

Das Bewahren, Bewerten und Bereitstellen sind die Kernaufgaben des Wiener Stadt- und Landesarchivs. Außerdem sorgen ArchivarInnen wie Liane Tiefenbach mitunter auch dafür, dass so manches Familiengeheimnis endlich gelüftet werden kann.

Das Wiener Stadt- und Landesarchiv ist nach dem Staatsarchiv eines der größten Archive Österreichs. 55.000 Laufmeter umfassen die Bestände am Standort in Simmering. Davon sind rund 8.600 Laufmeter Gerichtsakten. Außerdem werden im Archiv historische Melderegister, Totenbeschauprotokolle und Verlassenschaftsabhandlungen aus den vergangenen Jahrhunderten aufbewahrt. Zuständig für den historischen Wissensschatz sind Archivarinnen und Archivare wie Liane Tiefenbach. Sie ist seit November 2016 im Wiener Stadt- und Landesarchiv angestellt und eine von insgesamt 13 Archivarinnen und Archivaren. Alle haben am Institut für österreichische Geschichtsforschung studiert. "Das Studium bereitet sehr gut auf die Tätigkeit als Archivarin oder Archivar vor. Es umfasst etwa das Lesen von Handschriften vom Mittelalter bis heute, Verwaltungsgeschichte genauso wie Urkundenlehre. Dabei lernt man zum Beispiel, wie ein altes Grundbuch funktioniert." Insgesamt beschäftigt das Archiv 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Mit rund 50 Prozent der Aushebungen sind die Gerichtsakten die am häufigsten verwendeten. Viele Wissenschafterinnen und Wissenschafter nutzen die Akten für ihre Forschung. Liane: "Gerade erst habe ich eine Studentin bei der Recherche nach Sexualstraftaten für ihre Dissertation unterstützt." Derzeit besteht ein großes Interesse an Frauen- und Geschlechterforschung. Die Archivarin weiß: "Auch die Forschung unterliegt Moden. War in den 1980er-Jahren die Mittelalterforschung beliebt, stand in den letzten Jahren die NS-Zeit im Mittelpunkt."

Mobile Regalanlagen mit historischem Inhalt. © PID/Christian Fürthner

Das Wiener Stadt- und Landesarchiv ist auch für viele Ahnen- und Provenienzforscherinnen und -forscher die erste Anlaufstelle. Die im Wiener Stadt- und Landesarchiv aufbewahrten historischen Melderegister, die Totenbeschauprotokolle und Verlassenschaftsabhandlungen sind eine gute Möglichkeit, mehr über die eigene Familiengeschichte und Vorfahren zu erfahren. Zu den Kostbarkeiten gehören auch das Testament Ludwig van Beethovens und die Verlassenschaftsabhandlung Wolfgang Amadeus Mozarts. Die Archivarin erklärt: "Unsere Nutzerinnen und Nutzer erforschen zum größten Teil ihre eigene Geschichte. Sie haben einen Namen, oft ein Todesdatum oder eine Meldeadresse und wollen etwa wissen, auf welchem Friedhof jemand begraben wurde. Viele kommen auch zu uns, weil sie ein Grab auf dem Zentralfriedhof übernehmen wollen und die Besitzverhältnisse klären müssen."

Der erste Schritt auf der Suche nach Unterlagen zu einem Vorfahren ist, eine Auskunft aus dem historischen Meldearchiv zu beantragen.

Wie alle Archivarinnen und Archivare absolviert Liane Dienste im Lesesaal, wo sie Menschen bei ihren Recherchen berät, Anfragen aus dem Ausland bearbeitet oder Überprüfungen vornimmt, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Bücher aus dem Archiv holen, ein bestelltes Dokument nicht finden können.

Liane zeigt Archiv-Besucherinnen und -Besuchern, wie im Archivinformationssystem nach Akten gesucht wird und wie diese dann bestellt werden können. Einen Tag später liegen die Akten im Lesesaal zur Einsicht bereit. Liane: "Ich bin gerne im Lesesaal und mag den Kontakt mit unseren Kundinnen und Kunden. Dabei konnte ich schon bei der Lösung von so manchem Familienrätsel behilflich sein. Etwa zuletzt, als eine Dame den Namen der zweiten Frau ihres Urgroßvaters wissen wollte. Dabei kam heraus, dass der Urgroßvater nicht zwei Mal, sondern gleich vier Mal verheiratet war und die vermeintliche Mutter eigentlich die Stiefmutter war."

Liane in ihrem Büro. Sie ist im Wiener Stadt- und Landesarchiv auch für Gerichtsakten zuständig. Alte Akten sind in Kurrentschrift verfasst, diese müssen die Archivarinnen und Archivare lesen können. © PID/Christian Fürthner

Liane betont: "In meinem Beruf hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Während eine Archivarin oder ein Archivar früher neben der Betreuung der Bestände auch eigenständige historische Forschung betreiben konnte, sehen wir uns heute in erster Linie als Dienstleister für die Öffentlichkeit und den Magistrat. Wenn wir aber im Zuge unserer Arbeit neue Erkenntnisse gewinnen, teilen wir unser Wissen. Etwa über die historische Wissensplattform Wien Geschichte Wiki."

Die historischen Meldeunterlagen sind nicht alphabetisch geordnet, sondern phonetisch. Das heißt danach, wie die Namen ausgesprochen werden. © PID/Christian Fürthner

Bewerten, Bewahren und Bereitstellen

Das Bewerten, Bewahren und Bereitstellen von Schriftgut sind die drei Kernaufgaben des Wiener Stadt- und Landesarchivs. "Wir entscheiden, was dauerhaft für die Nachwelt überliefert werden soll", sagt Liane. Insgesamt werden rund fünf Prozent der vom Magistrat produzierten Schriftstücke aufbewahrt. Die Frage "Was wird bewahrt?" stellt sich immer wieder, da sich die Verwaltung laufend verändert. Dienststellen werden etwa zusammengelegt, die Tätigkeiten ändern sich, es gibt neue Gesetze und so weiter. Deshalb suchen die Archivarinnen und Archivare regelmäßig die Dienststellen auf und besprechen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort, welche Akten aufgehoben und welche vernichtet werden. "Kriterien für die Bewertung sind etwa: Welche Dokumente sind historisch wichtig? Welche Dokumente werden benötigt, um Jahre später Rechtsansprüche zu sichern? Was kann die Stadt in 100 Jahren noch brauchen? Der Ankauf von Büromaterial gehört beispielsweise nicht zu den historisch relevanten Dokumenten, solche Akten werden vernichtet."

Beim Bereitstellen geht es darum, die Akten der Nachwelt zugänglich zu machen. "Das ist oft schwierig, weil Akten, im Gegensatz zu Büchern, nicht dafür verfasst werden, dass sie später gelesen werden. Bei historischen Akten gibt es immer wieder Abkürzungen oder Bezugnahmen auf Personen, die heute nicht mehr verständlich sind." Darüber hinaus sind auch die rechtlichen Bedingungen andere als in Bibliotheken. Bei Akten sind Schutzfristen einzuhalten. So darf etwa in Krankenakten keine Einsicht gegeben werden, solange die betroffene Person noch lebt. Scheidungsakten dürfen nur von den beiden Ehepartnern eingesehen werden.

Gerichtsakten aus den Jahren um 1966

Auch die Übernahme von Strafakten aus dem Landesgericht für Strafsachen gehört, ebenso wie die Betreuung aller Bauabteilungen der Stadt Wien, zu Lianes Aufgaben. Wenn ein Akt geschlossen wird, bleibt er bis zu 50 Jahre bei Gericht. Anschließend werden die Strafakten ins Stadt- und Landesarchiv transportiert. Derzeit sind es Akten aus den Jahren um 1966. Sobald Liane die Meldung erhält, dass eine von ihr betreute Behörde ihre Unterlagen abgeben möchte, fährt sie dorthin, um diese zu begutachten. "Um den Transport zu organisieren, mache ich mir vor Ort ein Bild. Denn ein Akt kann wenige Seiten, aber auch ein, zwei volle Regale umfassen. Weiters kontrolliere ich den Zustand der Akten und gebe den Dienststellen Tipps, wie die Akten am besten gelagert werden."

Im "Ordnungsraum" liegt der Geruch von altem Papier in der Luft. Hier bewerten die MitarbeiterInnen unter Anleitung von Liane die Gerichtsakten. Zum Schutz vor Staub und Schmutz tragen sie bei ihrer Arbeit Staubmasken, Staubmäntel und Handschuhe. © PID/Christian Fürthner

Sobald die Gerichtsakten im Haus sind, müssen Liane und ihr Team sie bewerten. Im sogenannten "Ordnungsraum" wird jeder Akt einzeln durchgeschaut. Mord verjährt beispielsweise nicht. Solche Strafakten werden aufgehoben. Anders ist es bei Diebstählen oder Wirtshausschlägereien. Liane: "Wenn es beispielsweise um einen Lebensmitteldiebstahl geht, der im Jahr 1945 erfolgt ist, weil eine Familie eine Woche lang nichts zu essen hatte, ist der Strafakt als historische Quelle interessanter als ein Lebensmitteldiebstahl 20 Jahre später."

Liane zeigt ein Sterberegister aus dem frühen 20. Jahrhundert. © PID/Christian Fürthner

Immer wieder finden sich in den Strafakten Gegenstände, angefangen von Mordwaffen, Tatortfotos, Unterwäsche von Vergewaltigungsopfern bis hin zu Devotionalien aus der NS-Zeit. "Mitunter brauche ich einen starken Magen, wenn ich die Akten durchschaue. Ich bin mit sehr tragischen Geschichten und viel Leid konfrontiert. Es sind Belege für die Abgründe so mancher Seele. Da ist es wichtig, Abstand gewinnen zu können", meint Liane.

Liane Tiefenbach prüft Unterlagen an ihrem Arbeitsplatz. Für die digitale Langzeitarchivierung überlegt sie, wie digitale Akten in Zukunft aussehen sollen. © PID/Christian Fürthner

Digitale Langzeitarchivierung

Ein wichtiges Projekt des Wiener Stadt- und Landesarchivs ist die digitale Langzeitarchivierung. "Die digitalen Daten der Stadt Wien sollen wie in einem Depot gesichert werden. Wir haben das Problem, dass sich Software sehr rasch ändert. Die Akten sollen aber auch in 200 Jahren noch abrufbar sein." Für dieses Mammutprojekt wurde eine länderübergreifende Arbeitsgruppe eingerichtet. Liane erarbeitet gemeinsam mit zwei weiteren Archivaren Kriterien, wie digitale Akten in Zukunft auszusehen haben. Wie kann die Rechtsgültigkeit des Aktes gewährleistet werden? Wie können wir Informationsverlust vermeiden? Die Archivarinnen und Archivare legen die Parameter fest, wonach sie beziehungsweise spätere Benutzerinnen und Benutzer suchen können. IT-Spezialistinnen und -Spezialisten setzen die Vorgaben technisch um.

"Es ist eine sehr spannende Aufgabe, Akten für die Zukunft aufzubereiten und zugänglich zu machen", meint Liane. Sie schätzt es, dass an ihrem Arbeitsplatz neue Ideen und Wege befürwortet werden und sie sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen fachlich austauschen kann. Die landläufige Vorstellung von der Archivarin, die alleine im staubigen, finsteren Kammerl sitzt und forscht, oder dem scheuen Archivar, der sich durch seinen Beruf dem Kontakt mit anderen Menschen entzieht, entspricht ganz und gar nicht der Realität.

Wiener Stadt- und Landesarchiv

11., Guglgasse 14
Zugang über Gasometer A, Foyer im 4. Stock

WAIS - Wiener Archivinformationssystem
www.wais.wien.at

INFODAT - Informationsdatenbank des Wiener Landtags und Gemeinderats
www.infodat.wien.at

Wien Geschichte Wiki
www.geschichtewiki.wien.at

Webkatalog der Archivbibliothek
www.wstla.dabis.org

Vorteilspartner CLUB WIEN

Tennisanlage Hrubesch

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung auf alle Angebote in der Tennisanlage Hrubesch!

Erfahren Sie mehr 29623

Vegetarisches Restaurant "HOLLEREI"

Mit der CLUB WIEN-Vorteilskarte erhalten Mitglieder 10 Prozent Ermäßigung.

Erfahren Sie mehr 30834

Tschauner Bühne

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung für den Programmpunkt Stegreif Klassik der Tschauner Bühne.

Erfahren Sie mehr 34724

Urlaubsbox

Urlaubsbox - Freu Dich drauf! 10 Prozent Ermäßigung für CLUB WIEN-Mitglieder!

Alle Vorteilspartner