Lichttechniker Horst Pribitzer am Nahfeld-Goniophotometer. Hier werden Leuchten vom kleinen LED-Modul bis hin zur 20 Kilogramm schweren Tunnelleuchte geprüft. © PID/David Bohmann

 

Ein Tag im Lichttechniklabor: "Wir prüfen, ob eine Leuchte 100.000 Stunden hält"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. CLUB WIEN hat Lichttechniker Horst Pribitzer bei der Arbeit begleitet. Er und sein Team überprüfen Leuchtmittel auf Herz und Nieren und sorgen dafür, dass alles so leuchtet, wie es soll.

Die Bezeichnung des Geräts, das einen ganzen Raum einnimmt, hat das Zeug zum Zungenbrecher: Nahfeld-Goniophotometer heißt der Apparat, an dem Horst Pribitzer zu Gange ist. Bis zu einer Stunde kann es dauern, bis das Leuchtmittel in der Haltevorrichtung eingebaut ist. Geprüft wird vom kleinen LED-Modul bis hin zur 20 Kilogramm schweren Tunnelleuchte. "Bei Designleuchten, die gebogen und nicht gerade sind, dauert es zwei bis drei Tage, eine Halterung zu bauen. Dafür haben wir Schlosserei und Tischlerei sowie einen 3D-Drucker im Haus", erklärt Horst, stellvertretender Leiter des Lichttechniklabors der MA 39. Ist die Leuchte einmal montiert, wird sie vom Nahfeld-Goniophotometer mit drei Sensoren vermessen. Dabei rotiert das Messsystem auf zwei Achsen kugelförmig um die Lichtquelle herum.

Straßenbeleuchtung auf den Meter genau planen

Mit dem Photometer wird dabei zunächst der Lichtstrom, also die Lichtmenge, gemessen. "Damit weiß ich, wie viel Leistung im sichtbaren Licht vorhanden ist", erläutert Horst. "In der Mitte sitzt eine Leuchtdichtekamera, mit der die Lichtstärke gemessen wird: Wie viel Licht wird in welche Richtung abgestrahlt? Das ist eine Information, die man bei einer klassischen Glühbirne nicht wirklich benötigt. Aber mit neueren LEDs plant man jede Straßenbeleuchtung auf den Meter genau. Mit jeder eingesparten Leuchte entfallen Anschaffungs-, Wartungs- und Energiekosten. Um das berechnen zu können, benötige ich diesen 3D-Datensatz. Ohne müssen wir den Angaben des Herstellers blind vertrauen." Das ist auch einer der Gründe, warum dieser Aufwand überhaupt betrieben wird. Gemeinsam mit anderen Magistratsabteilungen wird daran gearbeitet, Straßen und Gehwege so sicher, aber auch so sparsam wie möglich auszuleuchten.

 

Das dritte Messinstrument ist ein Spektrometer, das, vereinfacht gesagt, die Lichtqualität misst, etwa Farbtemperatur und Farbkoordinaten. "So kann ich überprüfen, ob es Farbunterschiede gibt. Sonst entstehen Lichtflecken aus wärmerem und kälterem Licht", erzählt Horst. Das Nahfeld-Goniophotometer befindet sich in einem Raum im Raum des schwarz ausgemalten Lichttechniklabors, das nur ohne Straßenschuhe betreten werden darf. Während der Messung, die je nach Aufwand mehrere Stunden dauern kann, ist die Tür zum Messgerät geschlossen. Die Daten werden auf einem Computerbildschirm unter anderem in Form eines Lichtstärkeverteilungskörpers dargestellt. Es zeigt Lichtrichtung und -intensität an.

Quer durch Österreich unterwegs

Das Nahfeld-Goniophotometer mag zwar das größte und imposanteste Instrument im Lichttechniklabor der MA 39 sein, es ist aber nicht das einzige. Und lichttechnische Prüfungen im Labor gehören auch nicht zu den einzigen Aufgaben von Horst Pribitzer, der seit zwölf Jahren im Lichttechniklabor tätig ist, und seinem Team. Seine Arbeit ist abwechslungsreich - und nicht nur auf Wien beschränkt. Ein Bruchteil der Aufträge kommt direkt von der Stadt Wien. Der Rest aus der Privatwirtschaft sowie von Kommunen und Infrastrukturbetreibern aus ganz Österreich, aber auch aus dem benachbarten Ausland.. "Wie auch andere Labors der MA 39 sind wir quer durch Österreich unterwegs. Bei uns läuft allerdings nichts nach Schema F ab. In einigen Labors der MA 39 weiß man für gewöhnlich, wie viel in welchem Zeitraum zu erledigen ist. Bei uns ist das anders. Da kommt einmal ein Schub Leuchtenprüfungen rein, dann haben wir wieder einen Außeneinsatz, etwa in der Nacht Tunnellichtmessung in Linz. Am nächsten Tag kommt man zurück, schreibt eine Stellungnahme zu einer geplanten Werbeanlage."

Außerhalb des Labors werden unter anderem die Beleuchtungen von Fußballstadien und Eishallen sowie Straßen geprüft. Zusätzlich ist Horst als Sachverständiger für die Stadt Wien bei behördlichen Verfahren im Einsatz. "Das sind zum Beispiel Gewerbeverhandlungen, wenn etwa bei einem neuen Kaffeehaus ein beleuchtetes Werbeschild aufgestellt wird. Dort sind die Kolleginnen und Kollegen von unterschiedlichen Magistratsabteilungen und wir fürs Licht zugegen. Da fährt man dann mit der Bim in ein Bezirksamt, wo üblicherweise am Vormittag die Sitzungen beginnen."

Wichtige Richtlinien, Standards und Normen

Ein weiteres Thema ist bei aller Beschäftigung mit künstlichen Leuchtkörpern in jeglicher Form das Tageslicht. "Wir sind nicht darauf spezialisiert, ob Wohnungsinhaberinnen und Wohnungsinhaber oder Mieterinnen und Mieter genügend Licht haben. Es geht vielmehr um Blendungsverhalten, etwa von Photovoltaikanlagen, die reflektieren. Auch dazu gibt es eine Richtlinie." Richtlinien, Standards und Normen sind bei dieser Arbeit unerlässlich. Zum Tragen kommen dabei die Richtlinien der EU, die Kriterien der Internationalen Organisation für Normung (ISO) oder des Instituts Austrian Standards, das heuer seinen 100. Geburtstag feiert. Was Standards in Sachen Lichtimmissionen anbelangt, nimmt Österreich sogar eine Vorreiterrolle ein. "Österreich hat dazu als einziges Land keine Richtlinie, keinen Leitfaden, sondern eine Norm", so Horst. "Vor Gericht und bei Streitigkeiten ist das sehr wertvoll. Ohne Standards herrscht Chaos. Ohne Standards könnte ich nicht gleich bewerten. Das wäre nicht wirklich objektiv. Gerade Licht wird von jeder und jedem anders empfunden."

Im Lichttechniklabor werden auch rein elektrotechnische Daten erhoben, etwa, ob etwas acht oder 100 Watt hat. "Wir haben sehr viel Arbeit damit, alles zu fotografieren und zu dokumentieren. Je nach Auftragsgröße dauert der Prüfprozess zwischen zwei Wochen und drei, vier Monaten." In einer Temperaturkammer werden die Leuchtmittel Temperaturen zwischen minus 30 bis plus 60 Grad Celsius ausgesetzt. Auch einen Stresstest müssen die Leuchten bestehen. Neben extremen Temperaturwechseln kommt dabei auch ein Schaltzyklustest zum Einsatz, also ein ständiges "Ein/Aus". Damit wird die Lebensdauer hochgerechnet. "Wir überprüfen dahingehend, um sagen zu können: Diese Leuchte ist nicht nach 2.000 Stunden defekt, sondern hält wirklich 100.000 Stunden."

Netzhautschädigungen und Verbrennungen vermeiden

Von großer Bedeutung ist die photobiologische Sicherheit. Sie ist eine der wenigen lichttechnischen Prüfungen, die nicht auf Freiwilligkeit basiert, sondern verpflichtend ist. Dabei werden sämtliche Leuchten dahingehend getestet, ob beziehungsweise ab welchem Punkt sie schädlich für das menschliche Auge, aber auch für die Haut sind. "LED-Taschenlampen oder -Stirnlampen können zum Beispiel zu Netzhautschädigungen führen, wenn man direkt hineinblickt. Diese Schäden lassen sich nicht operieren, sie sind dauerhaft", erklärt Horst. Dabei teilt man in vier Risikogruppen von null bis drei ein. Jede Klasse sagt aus, wie lange in die jeweilige Leuchte maximal hineingeschaut werden darf, damit es zu keinen Schädigungen kommt.

Hin und wieder finden im Lichttechniklabor Führungen statt. Dann zeigt Horst, wie unterschiedliche Leuchtkörper durch Leuchtdichtekameras gesehen wirken. Etwa bei einer Messung vor und nach dem Umbau der Südosttangente: Hat sich da etwas geändert? An einer Leuchtmittelwand wiederum strahlen verschiedene Straßen- sowie Shopleuchtmittel im direkten Vergleich. Die orange Natriumhochdruckdampflampe etwa kennen wir alle. Sie ist sehr effizient, sehr oft im Einsatz und wird aufgrund ihrer langen Lebensdauer gern in Tunnels eingesetzt. Warum? "Einen Tunnel wegen Lampenwartung oder -wechsel zu sperren, kostet Geld."

Lineale und Müllsäcke

Auch ungewöhnlichere Leuchtmittel, etwa beleuchtete Rollwegweiser für den Flughafen Wien, die als Hinweisschilder für Pilotinnen und Piloten dienen, werden auf deren Leuchtdichte geprüft: "Wir weisen nach, dass Farben wie Rot und Gelb sowie die Helligkeit passen." Außerdem wird die Transmission von im Unterricht verwendeten Linealen geprüft: Wenn man durchschaut, darf es zu keiner Verzerrung kommen. Regelmäßig schreibt der Wiener Gesundheitsverbund Müllsäcke zum Test aus. Denn im Spitalsektor soll nicht gesehen werden, was sich im Beutel befindet, er soll blickdicht sein. Auch das ist Lichttechnik, auch das gehört zu Horsts täglich Brot.