Hans-Peter Hutter ist Profiskateboarder der ersten Stunde und übt diese Leidenschaft immer noch aus. © Bohmann/Bubu Dujmic

 

Skateboarding: Auf den Brettern die Welt erobern

Für die einen ist es ein Lebensstil, für die anderen Vandalismus. Die aktuelle Ausstellung "Takeover" im Wien Museum beschäftigt sich mit Street-Art und Skateboarding. Zwei Subkulturen, die seit ihren Anfangszeiten ambivalente Reaktionen hervorrufen.

Von Skatekursen bis zu Graffiti-Workshops bietet die aktuelle Ausstellung "Takeover" im Wien Museum jede Menge Einblicke in zwei Alternativszenen. Die für den Um- und Ausbau leer geräumten Bereiche bieten einmalige Möglichkeiten zur Interaktion und mehr als

2.000 Quadratmeter werden zur Spielfläche. Street-Art-Künstlerinnen und -Künstler sowie Skateboarderinnen und Skateboarder können sich im Zuge der Ausstellung frei auf der ungenutzten Fläche entfalten und so das Verständnis für die Mitgestaltung des öffentlichen Raums herausfordern.

Während die zwei Subkulturen in den 1990ern und 2000ern hauptsächlich als aufdringlich und störend wahrgenommen wurden, sind mittlerweile beide, die von jeher miteinander verflochten sind, ein Phänomen der Popkultur. Immer häufiger finden sie Einzug in unseren Alltag in Form von Werbekampagnen, in die Modewelt oder als Ausstellungsstücke in Museen. CLUB WIEN hat sich mit Hans-Peter Hutter getroffen. Der Umweltmediziner steht seit 1978 auf dem Brett und zählt in der Wiener Skateboard-Szene zu den Skateboard-Veteranen. Im Gespräch erzählt er uns von seinen Anfangszeiten, von der Entwicklung des Skateboards und welche Auswirkung der Mainstream auf die Subkultur "Skateboarden" hat.

 

Surfen auf dem Asphalt

Die Sonne knallt runter, der Beton glüht, es hat gefühlte 40 Grad. Hans-Peter Hutter steht mit Kehrschaufel und Besen im Betonpool des Wiener Bednarparks und kehrt kleine Kieselsteine zusammen. Für das Gespräch hat er uns in den Skaterpark im 2. Bezirk eingeladen. Denn heute wird nicht nur über das Skateboarden geredet, heute wird auch geskatet. Doch bevor es auf das Board geht, wird ordentlich geputzt. "Schon ein winziger Kieselstein oder ein Zigarettenstummel kann die Rolle blockieren und dich unvermutet vom Brettl reißen. Nicht nur deshalb verwende ich zumindest Helm und Knieschützer beim Poolskaten", so Hutter. Der Mediziner spricht aus Erfahrung, denn während seiner langen Skateboard-Karriere erlebte er den einen oder anderen wilden Slam. Ans Aufhören denkt er jedoch nicht. Zudem hält Skateboarden fit, sowohl körperlich als auch mental. "Für einen Trick musst du dir schon vorher überlegen, wie du an die Sache rangehst. Es spielt alles zusammen: Kopf, Körper und die Überwindung dran zu bleiben", so Hutter.

Der Skatepark befindet sich im Rudolf-Bednar-Park im 2. Bezirk. Er ist einer von vielen Skateparks, die die Stadt Wien erbaut hat und für Skateboarderinnen und Skateboarder gratis zu Verfügung stellt.

Ein Mediziner auf dem Board

Dass es beim Skaten kein Alterslimit gibt, beweist der Skateboard-Veteran eindrucksvoll. Mit Mitte fünfzig steht er noch immer so unerbittlich auf dem Brett wie seine jüngeren Skateboard-Kolleginnen und -Kollegen. Beruflich ist Hutter in einer anderen Sparte zu Hause. Er hat Medizin sowie Landschaftsökologie und Landschaftsgestaltung studiert und ist Professor an der Medizinischen Universität Wien. Dort beschäftigt er sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Klimawandel, Luftverschmutzung, Lärm und Mobilfunk und im Weiteren speziell mit Risikoabschätzungen. Letzteres kann er auch in seiner Freizeit beim Skaten gut einsetzen. So spiegelt sich seine Arbeit auch in seiner Rollbrett-Leidenschaft wider und umgekehrt.

Sein erstes Skateboard hat Hans-Peter von seiner Tante Ende der Siebzigerjahre geschenkt bekommen. "Mein erstes Board war klein und aus Plastik. Damals gab es hierzulande noch keine Infrastruktur, weder Skateboards zum Kaufen noch Halfpipes oder Parks zum Fahren", erzählt Hutter. Trotz des schlechten Equipments packte ihn schnell die Faszination. Den ersten Skateboard-Shop in Wien gab es erst in den Neunzigerjahren. Bis dahin hieß es, Material aus England, Deutschland oder USA mühsamst zu besorgen. Vieles wurde kurzerhand einfach selbst gebaut. "Mein Vater hat mir dabei geholfen. Wir haben Holz gesägt und gepresst und so unsere eigenen Skateboards hergestellt. an die Originale aus den USA ist das nie rangekommen. Dort gab es in den Achtzigerjahren bereits etliche Skateboard-Marken und -Shops. Ein Trip nach Kalifornien war für uns immer wie ein Ausflug ins Schlaraffenland", erzählt Hutter. Während in Wien in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Skateboard-Szene noch immer sehr klein und überschaubar war, entwickelte sich in den USA Skateboarden zu einer etablierten Bewegungsart. Abseits des Mainstreams wurde Skateboarden so nach und nach zu einem richtigen Trend.

Von Subkultur zur Popkultur

Skateboarden erlebte in den 2000ern dann endgültig einen Image-Wandel. Große Unternehmen wie Red Bull, Nike oder Adidas nutzen das Image der Straßenkultur für ihre Kampagnen. Sneakers, Sportswear und Caps wurden alltagstauglich und auch außerhalb der Skateboard-Szene gerne und häufig getragen. So hat sich Skateboarding in den letzten 20 Jahren von einer Subkultur für Außenseiterinnen und Außenseiter zu einem Trendsport und mittlerweile zu einem Lifestyle entwickelt, der es bis auf die Laufstege der teuersten Designer-Labels der Welt geschafft hat. 2020 geht es einen Schritt weiter. Skateboarding soll eine eigene Disziplin bei den Olympischen Spielen in Tokio werden. Für die einen eine tolle Möglichkeit, der Welt zu zeigen, was hinter dem Skateboarden wirklich steckt. Für die anderen eine "Versportlichung" in Richtung Leistungssport und eine Entfremdung vom eigentlichen Grundgedanken des Skateboardens. Auch Hutter ist bezüglich der Teilnahme an der Olympiade zwiegespalten. So fürchtet er um den authentischen Lifestyle des Skateboardens durch die noch intensivere Kommerzialisierung bzw. Vereinnahmung. Bei der Olympiade 2020 in Tokio sollen über 80 Frauen und Männer in den Disziplinen "Street" und "Park" teilnehmen.

Zeit fürs Museum

Die Ausstellung "Takeover" findet der Mediziner hingegen äußerst gelungen. "Ich finde es bewundernswert und mutig, dass ein etabliertes Museum, wie eben das Wien Museum, ein Experiment wie dieses eingeht. Einfach extrem toll, vor allem da sich Graffiti und auch Skateboarden oft in der Grauzone der Legalität befinden. Dementsprechend finde ich dieses Projekt sehr wichtig, weil dadurch auch die Sichtweise auf zwei Subkulturen geändert werden kann, die allzu oft eher negativ in der Kritik stehen", so der Skateboard-Veteran.

Einmal Skater, immer Skater

Hans-Peter Hutter ist dem Skateboarden treu geblieben. Ans Aufhören dachte er nie. Auch mit Mitte fünfzig skatet er regelmäßig. Während andere golfen, Nordic walken oder Tennis spielen gehen, carvt er lieber eine Runde im Betonpool. Denn "Skateboarding hält jung, zumindest bremst es gewisse Alterserscheinungen“, sagt der Mediziner und droppt in den Pool. "Du brauchst schon eine Grundfitness und eine gewisse mentale Stärke, wenn du noch etwas Herzeigbares in der Vertikalen zusammenbringen möchtest. " Für ihn ist Skaten nicht einfach nur eine Sportart oder eine Freizeitbeschäftigung, für ihn ist es eine Lebenseinstellung. 

"Takeover" Street-Art & Skateboarding im Wien Museum

  • Wann: bis Sonntag, 1. September 2019
  • Wo: Wien Museum, 4., Karlsplatz 8
  • Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag und Feiertag 14 bis 22 Uhr
  • Eintritt: frei
  • Führungen: gratis (Plätze nach Verfügbarkeit)
  • Öffis: U1, U2 oder U4 bis Karlsplatz
  • Weitere Infos unter www.wienmuseum.at