Pädagogin Sonja Hirmer zeigt ihrer Kleinkindergruppe das Blätterbad. © Bohmann/Andrew Rinkhy

 

Mit allen Sinnen die Welt entdecken

Riechen, schmecken, tasten, spüren, sehen und hören - mit unseren Sinnen lernen wir von klein auf die Welt wahrzunehmen. Doch auch das muss entsprechend geübt werden. Im Kindergarten Degengasse liegt ein Fokus auf frühkindlicher Sinneswahrnehmung.

Kinder brauchen verschiedene Sinneserfahrungen, um ihre Umwelt wahrnehmen und sich gut entwickeln zu können. Mit ihren Sinnen riechen, schmecken, tasten, spüren, sehen und hören sie. Ohne viel darüber nachzudenken, machen sie das beim Spielen oder bei bestimmten Handlungen wie zum Beispiel beim Anziehen oder beim Essen. Sie wiederholen bestimmte Tätigkeiten immer wieder und erwerben so ganz nebenbei neue Kompetenzen. Kinder, die ihre Sinne nicht frühzeitig richtig einzusetzen lernen oder sie gar nicht wirklich kennenlernen, haben im weiteren Leben oft Schwierigkeiten mit ihrer Wahrnehmung. Denn Lernen und auch die persönliche Weiterentwicklung gelingen dann am allerbesten, wenn Kinder mit all ihren Sinnen bei der Sache sind.

Der städtische Kindergarten in der Degengasse in Ottakring setzt einen besonderen Schwerpunkt auf die frühkindliche Sinneswahrnehmung. Anhand verschiedener Experimente, Übungen und Spiele werden Kinder bereits im frühen Alter bestens mit ihren Sinnen bekannt gemacht. Wie das aussieht? CLUB WIEN hat den Kindergarten in der Degengasse in Ottakring besucht und ist gemeinsam mit Kindergartenleiterin Gabriele Schmit, Kindergartenpädagogin Sonja Hirmer und vielen neugierigen Kindern den Sinnen auf den Grund gegangen.

 

Kindergarten Degengasse

Seit 2009 gibt es in Wien den beitragsfreien Kindergarten. Anfänglich gab es 60.000 Plätze, jetzt sind es über 86.000 Plätze und das Angebot wird stetig weiter ausgebaut. Mittlerweile wird auch in der Öffentlichkeit der Kindergarten immer öfter als erste Bildungseinrichtung wahrgenommen, in der Kinder ganzheitlich gefördert werden und ihre ersten wichtigen Lern- und Bildungserfahrungen machen.

Der Kindergarten in der Degengasse ist einer von rund 350 städtischen Kindergärten in Wien und bietet in fünf Gruppen Mädchen und Buben ausreichend Platz zum Spielen, Entdecken sowie Forschen. Die über 100 Kinder werden dabei von Pädagoginnen und Pädagogen begleitet. Assistentinnen und Assistenten unterstützen das pädagogische Personal. Pro Kleinkindergruppe gibt es so zwei Pädagoginnen und Pädagogen und eine Assistentin oder einen Assistenten zur Unterstützung. Für Kindergartengruppen von drei bis sechs Jahren gibt es eine Pädagogin oder einen Pädagogen, eine Co-Pädagogin oder einen Co-Pädagogen sowie eine Assistentin oder einen Assistenten zur Unterstützung. Der Kindergarten beherbergt Gruppen für Kleinkinder unter drei Jahren und für Kinder von drei bis sechs Jahren. Zusätzlich zu den Gruppenräumen steht den Kindern ein Bewegungsraum mit Therapieschaukel zur Verfügung.

Eine Besonderheit ist die große Flügeltür zwischen zwei Gruppen, die eine intensive Zusammenarbeit ermöglicht. "Wir legen sehr viel Wert darauf, dass diese Tür zwischen den Gruppen immer offen ist und die Kinder miteinander spielen können", erklärt Hirmer. Die Pädagogin ist für die Kleinkinder von 0 bis drei Jahren zuständig. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen bemüht sie sich, die Kinder bestmöglich in ihrer Entwicklung zu begleiten. Besonderes Augenmerk legt sie dabei auf die Sinneswahrnehmung. "Als Pädagogin eines städtischen Kindergartens habe ich von der Stadt Wien die Möglichkeit bekommen, Weiterbildungen zum Thema sensorische Integration zu besuchen", erklärt die Pädagogin. Unter sensorischer Integration wird die Aufnahme und Verarbeitung von Sinnesreizen verstanden. Sie bildet die Grundvoraussetzung für Handlungsfähigkeit, emotionales Gleichgewicht und Selbstbewusstsein. "Ich habe von dem Kurs sehr viel mitgenommen und baue viele Übungen und Spiele in den Kindergartenalltag ein", so Hirmer.

Wühlwanne, Gewichtssäcke und Glitzer-Plastilin

Die Sinneswahrnehmung der Kinder früh zu fördern, bedeutet auch, ihre Bildungschancen zu erhöhen. Ganzheitliches Lernen funktioniert so wesentlich besser. Deshalb wird im Kindergarten in der Degengasse anhand verschiedener Übungen, Experimente und Spiele das komplexe Zusammenspiel aller Sinne geübt und ausprobiert. Vom Blätterbad bis hin zur Wühlwanne, die mit Reis gefüllt ist, lernen bereits die Kleinsten in der Gruppe ihre Sinne kennen.

Balancieren

Bei Kindern funktioniert Lernen sehr gut in der Kombination mit Bewegung, weshalb in der Degengasse der Bewegungsraum sehr oft genutzt wird. "Damit die Kinder ihr Gleichgewicht üben und kennenlernen können, machen wir mit ihnen sehr viel in unserem Bewegungsraum. Eine beliebte Übung ist das Gehen über schräge Bänke", so die Pädagogin.

Blätterbad

Eine weitere Übung zum Schärfen der Sinneswahrnehmung ist das Blätterbad. Ein Becken wird mit vielen verschiedenen Blättern gefüllt, darunter befinden sich aber auch Kastanien und weitere kleine Dinge zum Entdecken. "In dieser Übung ist ganz viel enthalten: das Ertasten der Blätter, das Riechen, das Suchen von Kastanien oder einem kleinen Igel. Die Übung fördert aber auch das soziale Miteinander, weil die Kinder gemeinsam im Blätterbad Dinge entdecken", so Hirmer.

Wühlwanne

In der Wühlwanne, die mit Reis gefüllt ist, befinden sich ebenfalls unterschiedliche Dinge wie Muscheln und kleine Figuren. Durch das Wühlen in der Kiste lernen die Kinder, besser mit ihrem Tastsinn umzugehen. "Ganz wichtig dabei ist, dass die Kinder alles mit viel Spaß erleben und niemals unter Druck etwas erlernen müssen", so die Kindergartenleiterin Gabriele Schmit.

Gewichtssäcke

Ein weiteres Material, mit dem im Kindergarten gerne gearbeitet wird, sind Stoffsäcke, die mit Reiskörnern gefüllt sind. Mit diesen Gewichtssäcken werden die Tiefenwahrnehmung und generell die Wahrnehmung gefördert. Den Kindern werden dazu Gewichtssäcke auf den Oberschenkel, die Oberarme, Hände oder auch Füße gelegt. "Wenn man einem Erwachsenen einen Gewichtssack auf den Oberschenkel legt, hinterfragt sie oder er die neue Situation. Wenn man aber Kindern einen Gewichtssack auf die Oberschenkel legt, dann nehmen sie das auf, ohne es zu hinterfragen. Man nennt das auch den 'absorbierenden Geist'. Kinder nehmen etwas unbewusst auf, absorbieren es und verwenden es dann für ihre weitere Lebensgestaltung. Es gibt Kinder, die mögen das und welche, die mögen das nicht", so die Pädagogin. Ein Kind nimmt über den absorbierenden Geist von Geburt an Eindrücke aus der Umwelt auf sowie die Menschen aus seiner Umgebung wahr.

"Unsere Übungen zur Stärkung der Sinneswahrnehmungen sind enorm wichtig, denn man muss die Sinne im weiteren Leben nutzen und sich auch auf sie verlassen können. Wenn man sie im Vorfeld nicht erlebt hat, was für einen gut riecht, schmeckt oder sich gut anfühlt, fällt es einem im späteren Leben schwer, das richtig wahrnehmen zu können - in allen Belangen. Denn wie schon einst Aristoteles sagte: 'Es ist nichts im Geiste, was nicht zuvor in den Sinnen war', begreifen und erlernen die Kinder alles, was sie für ihr späteres Leben benötigen, durch ertasten, schmecken, riechen, sehen und hören", erklärt Hirmer.