Kerstin Thonhauser hat ihr Doktorat am Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung gemacht. Ihr vorgestelltes Forschungsprojekt wird vom Büro für Forschungsförderung und Innovation der Veterinärmedizinischen Universität Wien gefördert. © Foto Weinwurm

Spermien unter Stress

Wiener JungwissenschafterInnen schreiben über ihre Forschung. Diesmal spricht Kerstin Thonhauser über "Spermien unter Stress".

Mittwochabend im Park. Eine Gruppe junger Männer spielt Fußball. Es ist ein heißer Tag, die Luft schwül. Sie rennen, keuchen und kämpfen. Die Burschen kennen einander nicht, aber das ist egal. Es geht nicht darum Freunde zu finden; es geht darum, sich durchzusetzen und zu gewinnen. Als Verhaltens- und Evolutionsbiologin erforsche ich den Einfluss von Konkurrenten auf den männlichen Fortpflanzungserfolg. Sie wissen schon: Der Stärkere setzt sich durch und das Alpha-Männchen erobert die Herzen aller Weibchen. Stimmt, meistens zumindest.

Paarung mit Mehreren

Ich befasse mich aber weniger damit, was Männchen tun, um ihre Konkurenten zu übertreffen, sondern damit, welchen Einfluss diese Konkurrenten auf die Spermienproduktion des anderen haben. Sie haben richtig gelesen: Männchen nehmen Einfluss auf die Spermienproduktion anderer Männchen. Mehr als 90 Prozent aller Weibchen im Tierreich verpaaren sich innerhalb einer Fortpflanzungszyklus mit mehreren Männchen. Das heißt, die Männchen stehen in einem permanenten Wettkampf. Das bedeutet Stress, und Stress kann sich negativ auf die Fruchtbarkeit auswirken. Aus evolutionsbiologischer Sicht kann Konkurrenzdruck aber auch zu einer Steigerung der Spermienqualität führen. Jene Männchen, die bessere Spermien haben, setzen sich trotz der Stressbelastung gegen die Konkurrenz durch und zeugen somit mehr Nachkommen, die ihrerseits wieder bessere Spermien produzieren. Ziel meiner Forschung ist herauszufinden, ob sich die Spermienqualität eines Männchens durch die Manipulation seines sozialen Umfelds gezielt steigern lässt. Dafür arbeite ich mit Hausmäusen. Männliche Hausmäuse etablieren Territorien, die sie gegen Konkurrenten verteidigen. In meinen Versuchen verändere ich die Anzahl potenzieller Konkurrenten in den Territorien der Männchen und untersuche anschließend ihre Spermienproduktion. Sollte dieser Versuch erfolgreich sein, könnten soziale Faktoren gezielt zur Fruchtbarkeitssteigerung auch bei anderen Arten eingesetzt werden.