Schäfer Maniszewska sorgt sich liebevoll um die Schafsherde auf der Donauinsel. © Bohmann Verlag

 

Wenn Schafe den Rasenmäher mimen

50 Schafe hegen und pflegen seit Mai die Grünflächen im Norden der Donauinsel. Die Schafsherde soll die maschinelle Wiesenmahd ersetzen und so den Schadstoffausstoß im Naherholungsgebiet verringern. CLUB WIEN besuchte das Pilotprojekt von LIFE DICCA.

Als natürliche "Rasenmäher" sorgen seit Mai 2019 50 Krainer Steinschafe im nördlichen Teil der Donauinsel für eine naturnahe Wiesenpflege. In einem Pilotprojekt werden unter Aufsicht eines Schäfers die Tiere bis zum Herbst auf verschiedenen Flächen grasen und so die maschinelle Wiesenmahd ersetzen. Extensive Schafbeweidung kann einen Beitrag zur Erhöhung der Artenvielfalt und zur Vernetzung von Biotopflächen leisten. Denn Schafe lassen beim Grasen immer auch Pflanzen übrig. Dadurch entstehen Wiesenbereiche mit längerem oder kürzerem Pflanzenstand. Zudem stoßen Schafe als umweltfreundliche Rasenmäher keine Abgas-Schadstoffe aus und sind leiser als maschinelle Rasenmäher.

 

EU-Projekt LIFE DICCA

Mit 21 Kilometern Länge ist die Donauinsel Wiens größtes Naherholungsgebiet an einem Gewässer. Sie ist künstlich errichtet worden und sozusagen ein Nebenprodukt des Wiener Donauhochwasserschutzes. Das Naherholungsgebiet zählt zu den beliebtesten Ausflugszielen der Wienerinnen und Wiener. Denn die Insel hat für Menschen, Tiere und Pflanzen viel zu bieten: Für Freizeitaktivitäten wie Baden, Grillen oder Radfahren gibt es ausreichend Platz, aber auch viele Tiere und Pflanzenarten können sich hier gut entwickeln.

Klimawandel setzt auch der Insel zu

Der Klimawandel setzt der Vegetation und der Tierwelt auf der Donauinsel enorm zu. Mit dem EU-Projekt LIFE DICCA soll den negativen Auswirkungen des Klimawandels mit gezielten Maßnahmen entgegengewirkt werden. Das Projekt wurde von der Fachabteilung Wiener Gewässer ( MA 45) gemeinsam mit externen Expertinnen und Experten im Rahmen des EU-Förderprogramms LIFE entwickelt. Die Maßnahmen, die in den nächsten fünf Jahren umgesetzt werden, sollen dazu beitragen, die Donauinsel als Ökosystem einerseits und als Naherholungsgebiet andererseits zu schützen. Dafür werden auf der Insel neue Teichbiotope angelegt, Uferbereiche naturnah umgestaltet oder ein windkraftbetriebenes Bewässerungssystem errichtet. Die Schafbeweidung ist Teil des Projektes und versteht sich als Pilotversuch. Doch warum muss die Donauinsel überhaupt gemäht werden? Grund dafür ist der Hochwasserschutz, für diesen die Donauinsel angelegt worden ist. Ohne eine Wiesenpflege würde die Insel verbuschen und schließlich zu Wald werden. Das Wasser könnte nicht mehr ungehindert durchfließen und ein Rückstau würde entstehen. Ein Jahrtausendhochwasser könnte als Folge der Verwaldung dann nicht mehr ausgeglichen werden. Deshalb wird die Donauinsel regelmäßig gemäht – ab jetzt von Schafen.

Der Schäfer und seine Schafe

Doch was genau steckt hinter diesem Pilotprojekt und wie können Schafe zum Umweltschutz beitragen? CLUB WIEN hat Reinhard Maniszewska getroffen und mit ihm über das natürliche Mähprojekt gesprochen. Maniszewska ist Schäfer beim Betrieb WUK bio.pflanzen und kümmert sich im Auftrag der Stadt Wien um die Schafherde.

WUK bio.pflanzen

Die Schafe auf der Donauinsel sind Leiharbeiter. Sie gehören nämlich nicht der Stadt Wien, sondern dem Verein WUK bio.pflanzen. Der Verein bildet in Gänserndorf Langzeitarbeitslose in der Landwirtschaft aus. Dort werden erwerbslose Personen im Alter von 24 bis 60 Jahren in der biologischen Produktion von Zierpflanzen und Kräutern sowie in der Pflege von Grünflächen beschäftigt. 19 alters- und leistungsgerechte Transitarbeitsplätze, sozialarbeiterische Begleitung, gezielte Weiterbildung sowie fachliche Unterstützung zur Erlangung eines außerordentlichen Lehrabschlusses als Landschaftsgärtnerin oder –gärtner können hier erlernt werden. Mit dem Projekt Schafe auf der Donauinsel werden zusätzliche Inklusionsarbeitsplätze für Menschen mit geringen Vermittlungschancen geschaffen. Zu den ökologischen und für den Klimaschutz positiven Aspekten der Beweidung kommt so eine arbeitsmarktpolitische Perspektive hinzu. Schäfer Maniszewska ist ein fester Mitarbeiter des Vereins WUK bio.pflanzen und unterstützt Langzeitarbeitslose auf ihrem Weg zurück in die Arbeitswelt. So bekommt er von WUK Gänserndorf Arbeiterinnen und Arbeiter bereitgestellt, die ihm mit den Schafen helfen und auf der Weide mitarbeiten. "Ich helfe den Leuten mit den Schafen und zeige Ihnen, wie alles funktioniert", erklärt der Schäfer.

Mäh, Schäfchen, mäh

Die Schafe auf der Donauinsel sind durch einen mobilen, hüfthohen elektrischen Weidezaun geschützt, den man beliebig verlegen kann. Ist ein Teilstück abgegrast, wird die Herde auf eine andere Fläche umgesiedelt. "Zurzeit findet man die Schafe im Norden der Insel - etwa auf der Höhe vom Segelhafen Nord. Vom Hauptweg aus sind sie sehr gut zu sehen", erklärt der Schäfer. Dieser Teil wird von Donauinsel-Besucherinnen und -Besuchern nicht so intensiv genutzt und ist daher weitgehend naturbelassen. So haben die Schafe bisher bereits rund 9.000 Quadratmeter Wiesenfläche beweidet - und sie grasen weiter.

Doch was für Schafe sind unsere neuen umweltfreundlichen Rasenmäher? "Es handelt sich um Krainer Steinschafe, die vor langer Zeit als Milchschafe gehalten und aufgrund ihrer robusten Natur zur Beweidung in kargen Höhenlagen eingesetzt wurden", erklärt Herr Maniszewska. Diese Schafe halten so einiges aus. So kommen diese auch bei extremen Wetterlagen wie Regen, starker Hitze oder Sturm gut zurecht und sind aufgrund dessen sehr pflegeleicht. Wenn die Tiere sich dennoch mal vor dem Wetter schützen wollen, gibt es auf der Weidefläche einen speziellen Weidetunnel. In diesem finden die Tiere Schutz vor Kälte, Regen und Sonne. Wenn ein Bereich abgegrast ist und die Weide verschoben wird, wird auch der Weidetunnel weitertransportiert. Die Hauptpflege der Schafe findet im Frühjahr statt. "Da werden die Schafe medikamentiert, die Klauen geschnitten und ihr Fell wird geschoren", so der Schäfer. Auf der Weide beschränkt sich die Pflege hauptsächlich auf die Wasserversorgung. Nicht nur die Schafe sind auf der Donauinsel fleißig am Werken und grasen sich durch das satte Grün, auch Schäfer Maniszewska hat so einiges zu tun.

Bitte Schafe nicht füttern!

Neben der Verpflegung der Schafherde, der Kontrolle ihres Gesundheitszustands, der Versorgung mit Wasser sowie der Kontrolle der Zäune gehört zu den Aufgaben des Schäfers, stets ein Auge auf die Besucherinnen und Besucher zu haben. "Die speziellen Aufgaben auf der Donauinsel sind natürlich, die Besucherinnen und Besucher über das Projekt und des Weiteren über die Schafe zu informieren. Aber am wichtigsten ist zu schauen, dass die Schafe nicht gefüttert werden. Das bringt mehr Schaden als Nutzen und im schlimmsten Fall kann es sogar so weit kommen, dass die Schafe durch falsche Zufütterung Koliken bekommen und daran verenden", so Maniszewska. Zudem müssen Hunde im Weidebereich stets an die Leine genommen werden. Reinhard Maniszewska ist in seinem Beruf als Insel-Schäfer voll in seinem Element. Doch wie kommt man heutzutage noch zu solch einem Beruf?

"Ich bin eigentlich ein Quereinsteiger, was die Schäferei betrifft, habe immer schon mit Tieren gearbeitet, hauptberuflich aber mit Hunden. Ich habe auch selbst eine kleine Lamaherde mit fünf Lamas im Erlebnispark Gänserndorf stehen, mit denen ich gerne Lamaführungen mache. Da ich es liebe, mit Tieren zu arbeiten, meinte meine Chefin, ich soll das Projekt Schafe fürs WUK übernehmen. Nach einem Praktikum bei einem erfahrenen Schäfer bin ich ins kalte Wasser gesprungen. Seit mittlerweile drei Jahren mache ich die Schäferei und denke, dass es ein wunderschöner Beruf ist, gerade in unserer hektischen Welt", erzählt Maniszewska.

Informationen zum EU-Projekt LIFE DICCA: www.life-donauinsel.wien.at