Für Portos Bürgermeister findet die Zukunft der Städte im öffentlichen Raum statt. © Miguel Nogueira

Wasser und Kultur für mehr Nachhaltigkeit

Seit fünf Jahren ist Rui Moreira Bürgermeister der portugiesischen Stadt Porto. Dabei macht er sich für die Nutzung öffentlichen Raums und kulturelle Angebote stark. Als Redner kommt er für die Urban Future Global Conference nach Wien.

Seine Wahl zum Bürgermeister der nordportugiesischen Stadt Porto ließ 2013 auch außerhalb der Iberischen Halbinsel aufhorchen: Erstmals gelang es mit Rui Moreira einem parteiunabhängigen Kandidaten, das höchste Amt einer Stadt zu bekleiden. In Portugal war der ehemalige Unternehmer auch schon davor kein Unbekannter. Er war und ist ein gern gesehener Kommentator im Fernsehen und schreibt als Kolumnist für mehrere Zeitungen. Darüber hinaus ist er Autor einiger Wirtschafts- und Politikbücher und war zwölf Jahre lang Präsident der Handelskammer von Porto.

Mit rund 41 Quadratkilometern macht die Fläche Portos gerade einmal ein Zehntel Wiens aus. Die 250.000 Einwohnerinnen und Einwohner der hügeligen Stadt leben zwischen Atlantikküste und dem für den traditionellen Weinbau wichtigen Fluss Douro. Bürgermeister Rui Moreira tritt bei der Urban Future Global Conference, die von 28. Februar bis 2. März 2018 in Wien stattfindet, als Redner auf. Im Interview mit CLUB WIEN erklärte er, inwieweit Wasser zur Lebensqualität beitragen kann und welchen Stellenwert öffentlicher Raum für die Zukunft der Städte hat.

CLUB WIEN: Wie weit hat sich Porto im Laufe der Jahre und Jahrzehnte verändert?

Rui Moreira: Am meisten hat sich die Innenstadt verändert. Vor fünfzehn Jahren lebten wir in einer Stadt, die sich in konzentrischen Kreisen entwickelt hatte. Für uns war sie ein bisschen wie ein Donut: In der Mitte war nichts übrig, es war wie eine Geisterstadt. Das historische Zentrum, das auf das 17., 18. Jahrhundert zurückgeht, war menschenleer. Die einzigen Menschen, die blieben, waren alte Leute, die nicht wegziehen wollten oder sich keinen Umzug leisten konnten. Innerhalb von 30 Jahren verlor die Innenstadt 40 Prozent ihrer Einwohnerinnen und Einwohner.

Der Beginn der Veränderung kam langsam, als Porto 1996 der Status als Weltkulturerbe zugesprochen wurde. Denn glücklicherweise wurden diese alten Gebäude weder zerstört noch baulich verändert. Wenn man sich heute das prächtige Herz dieser Stadt ansieht, ist es voller Aktivitäten. Hier leben viele Menschen, es flanieren Touristen und es gibt kulturelle Angebote.

Welche weiteren Schritte unternimmt Porto, um die Nachhaltigkeit zu steigern?

Sich um die Wasserversorgung zu kümmern ist einer der Hauptaspekte. Porto ist eine Stadt voller Unebenheiten, voller Hügel und Täler. Deshalb wurde viel in Pumpsysteme für Wasser und Elektrizität investiert. Wir haben ein Modell entwickelt, das übersetzt "Schwerkraft nutzen" heißt. Dabei fördern wir das Wasser ein einziges Mal, sodass es sich über die Stadt ausbreiten kann, ohne dass dafür Wasserpumpen benötigt werden. Dadurch ist der Wasserverlust von etwa 30 auf 16 Prozent reduziert worden. Und das Wasser ist von hoher Qualität.

Sie haben die Bedeutung von Wasser angesprochen. Wie kann Wasser für eine nachhaltige Zukunft genutzt werden?

Noch vor 30 Jahren dachten wir, Wasser ist jene Ressource, über die wir uns keine Gedanken machen müssen. Wir betrachteten seine Verfügbarkeit als selbstverständlich. Aber die Wasserqualität ist quasi die Lebensader der Stadt.

Vor 50 Jahren wurden die meisten Flüsse Portos in unterirdische Kanäle, Tunnel und unterirdische Flussbette umgeleitet. In diese Flüsse wurde viel Abfall entsorgt, denn das konnte man ja nicht sehen. Das Ergebnis waren verschmutzte Flüsse und Strände. Also gingen wir dazu über, die verborgenen Flüsse wieder ans Tageslicht zu holen.

Dadurch änderte sich die gesamte Geografie der Stadt. Wir öffneten die unterirdischen Tunnel, machten die Flüsse sichtbar und reinigten sie. Dadurch lernen die Einwohnerinnen und Einwohner, sie wieder als Bereicherung zu sehen, nun da sie an der Oberfläche sind. Und sind die Flüsse verschmutzt, dann kümmert man sich darum.

Der richtige Umgang mit Wasser steigert auch die Lebensqualität einer Stadt. Was braucht eine Stadt, um besonders lebenswert zu sein?

Eines der großen Themen diesbezüglich ist Mobilität. In Porto leben nur rund 250.000 Menschen. Wir sind allerdings im Zentrum einer Region mit 1,8 Millionen Menschen. Dadurch haben wir gewaltige Verkehrsströme: In der Früh kommen die Leute rein, am Abend verlassen sie die Stadt. Wir haben in Porto tägliche Herzinfarkte. Unsere Arterien sind verstopft. Es ist, als hätten wir erhöhte Cholesterinwerte. Wir müssen uns den öffentlichen Raum wirklich von den Autos zurückerkämpfen.

Im 19. Jahrhundert hatten die Menschen keine Wohnzimmer, sie verbrachten ihre Zeit im Freien. Es gab keine Autos, und die Menschen nutzten den freien Raum, um miteinander zu leben. Im 20. Jahrhundert eroberten Autos den Raum. Gleichzeitig begannen wir, Wohnzimmer zu haben und vor dem Fernseher zu sitzen. Ich glaube, dass das 21. Jahrhundert eine Zeit wird, in der wir den öffentlichen Raum für unsere Freizeit zurückfordern. Meine Kinder und Enkelkinder wollen nicht mehr im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen, sie wollen ins Freie.

Sieht so die Zukunft der Städte aus: Dass sich die Menschen den öffentlichen Raum zurückerobern?

Ja, das glaube ich. Wir haben viel im Bereich Fußgängerzonen im Zentrum getan. Traditionellerweise sind die ersten Reaktionen schlecht. Die Geschäftsinhaber sagen, dass wir die Läden zugrunde richten. Und die Anwohnerinnen und Anwohner meinen, wir handeln über ihre Köpfe hinweg. Aber dank ordentlicher Planung, Parkplätzen in der Nähe, guter Straßenbeleuchtung und sauberer Wege gehen die Menschen in der Innenstadt viel mehr zu Fuß als früher.

Meine Mutter ist 84 Jahre alt. Vor zehn Jahren wäre sie nie zu Fuß gegangen, sondern wäre mit dem Auto oder dem Taxi gefahren. Heute kann sie zwei oder drei Kilometer zu Fuß zurücklegen, um ins Kaffeehaus oder einkaufen zu gehen. Und sie ist froh, dass sie auch zu Fuß zurückgehen kann. Und das erinnert sie daran, wie es vor 70 Jahren war.

Sie gelten als Förderer kultureller Aktivitäten. Mit welchem Hintergedanken?

Vor fünf Jahren, als ich mich der Wahl stellte, hatten wir fast 20 Prozent Arbeitslose in der Stadt, unter den Jüngeren fast 50 Prozent. Dagegen mussten wir etwas tun. Das Beste ist in diesem Fall, kleine Unternehmen zu unterstützen. Wir haben uns gedacht, Kultur ist ein Bereich, in dem wir schnell vorankommen.

Mittels Kultur können wir Bürgerinnen und Bürger mehr einbinden, soziale Unterschiede überwinden und ein Zugehörigkeitsgefühl schaffen. Das ist wichtig in einer Stadt, die gerade eine Krise durchmacht, wie auch in ganz Portugal. Diese Maßnahmen haben sich jedenfalls positiv auf die Wirtschaft der Stadt ausgewirkt. Es kam zu einem Touristenboom. Dadurch stellten wir fest, dass kulturelle Aktivitäten auch die Nachhaltigkeit erhöhen können.

Sie waren schon öfters in Wien. Haben Sie hier einen Lieblingsort?

Den Prater. Dort sah ich 1987 den FC Porto gegen Bayern München den Europapokal der Landesmeister, den Vorläufer der UEFA Champions League, gewinnen. Sie können sich vorstellen, dass ich mich diesem Ort besonders verbunden fühle. Aber ich mag auch die Wiener Kaffeehäuser sehr.

Urban Future Global Conference

Die Urban Future Global Conference findet von 28. Februar bis 2. März 2018 in der Messe Wien statt. Rui Moreira spricht am 28. Februar um 11.00 Uhr.

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