Pro Tag überprüfen die Fahrscheinkontrollorinnen und -kontrollore über 20.000 Fahrgäste im Wiener Liniennetz. © PID/Christian Fürthner

"Die Fahrscheine bitte"

Ob "Zettelzupfer" oder "Schwarzkappler", für die FahrscheinkontrollorInnen der Wiener Linien gibt es viele Bezeichnungen. Täglich sind rund 100 KontrollorInnen in Wien unterwegs. Michael ist einer davon. Seit 20 Jahren überprüft er die Wiener-Fahrkarten.

Ob mit der U-Bahn, dem Bus oder der Straßenbahn: Die Öffis sind in Wien das beliebteste Verkehrsmittel. Jeden Tag sind rund 2,6 Millionen Fahrgäste im Wiener Liniennetz unterwegs und täglich werden um die 20.000 Fahrgäste gebeten, ihr Ticket herzuzeigen. Aber nicht jede beziehungsweise jeder hat ein gültiges Ticket und kaum jemand ist über die Fahrscheinkontrolle erfreut. Deshalb gibt es heutzutage auch keine Uniformen mehr. Man setzt aus Sicherheitsgründen und zwecks Überraschungseffekts auf Anonymität. Kein leichter Job - für Fahrscheinkontrollor Michael allerdings Alltag. In seinem Beruf hat er schon vieles erlebt, von skurrilen Ausreden bis hin zu tätlichen Angriffen. CLUB WIEN besuchte Michael in seiner Dienststelle bei den Wiener Linien und sprach mit ihm über sein Arbeitsfeld und die Herausforderungen, die der Job als Kontrollor mit sich bringt.

Die ständigen Begleiter der FahrscheinkontrollorInnen: der Dienstausweis und das Fahrkartenlesegerät. © PID/Christian Fürthner

Die Fahrt geht los

Insgesamt gibt es in ganz Wien 16 Wiener-Linien-Dienststellen. Diese fungieren als Anlaufstellen für 8.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wiener Linien. Dazu gehören neben den Fahrscheinkontrollorinnen und -kontrolloren die Fahrerinnen und Fahrer der öffentlichen Verkehrsmittel, aber auch die Fahrzeugtechnikerinnen und -techniker, Ingenieurinnen und Ingenieure sowie das Büropersonal. Michaels Dienststelle befindet sich im Betriebsbahnhof Hernals und Gürtel und trägt die Bezeichnung Sektor Mitte. Die 16 Dienststellen decken den gesamten Raum Wien ab. Zusätzlich gibt es noch Betriebsbahnhöfe, Lagerhallen und Remisen, wo die Fahrzeuge gewartet und repariert werden. Die Fahrscheinkontrollorinnen und -kontrollore arbeiten in Schichtdiensten zu je acht Stunden. In der Regel fährt Michael zwei bis vier Linien pro Schicht ab. Kontrolliert wird mindestens zu zweit, wenn nicht sogar zu dritt oder zu viert. "Heutzutage kann man zu zweit kaum noch eine U-Bahn abgehen. Es ist zu viel los." Gewöhnlich ist er mit denselben Kolleginnen und Kollegen unterwegs. "Man hat sich mit den Jahren aufeinander eingespielt und weiß, wie der andere in bestimmten Situationen reagiert oder wann die Polizei zu rufen ist", erzählt er. Ausgestattet ist Michael mit einem Fahrkartenlesegerät, Erlagscheinen und seinem Dienstausweis. Uniform gibt es keine mehr. Getragen wird zivile Kleidung. Dennoch kommt es ab und zu vor, dass Michael auch privat von einigen Fahrgästen als "Schwarzkappler" enttarnt wird. "Das ist dann schon sehr lustig, wenn ich privat wohin fahre und plötzlich jemand ruft: 'Achtung Schwarzkappler!'", erzählt er.

Doch woher kommt eigentlich die bei vielen Wienerinnen und Wienern beliebte Bezeichnung "Schwarzkappler"? "Schwarzkappler stammt aus der Zeit, als die Fahrscheinkontrollorinnen und -kontrollore noch in Uniform unterwegs waren. Zur Uniform gehörte die bekannte schwarze Kappe, die schon von Weitem zu sehen war. Daher auch Schwarzkappler."

Die Dienstpläne ändern sich von Tag zu Tag. In der Regel fährt Michael zwei bis vier Linien pro Schicht ab. © PID/Christian Fürthner

Kein Tag gleicht dem anderen

Vor 27 Jahren begann Michael bei den Wiener Linien als Straßenbahnfahrer, nach sieben Jahren wechselte er zur Fahrscheinkontrolle. "Meine Kollegen haben mir damals viel Positives von der Arbeit erzählt und dann habe ich mir gedacht, ich probiere es."

Gesagt, getan. Nach einer sechswöchigen Schulung startete Michael seinen Job als Fahrscheinkontrollor und prüft seitdem täglich die Fahrkarten der Wienerinnen und Wiener. Eine Tätigkeit, die bei vielen nicht unbedingt beliebt ist. "Wir bekommen leider viel zu selten ein positives Feedback, die Mehrheit ist grantig, wenn man sie befragt. Ich bin da mittlerweile schon abgestumpft. Aber das ist auch die Zeit, die Leute sind alle in Hektik und nur noch am Handy."

Auch wenn sich über Michaels Erscheinen nicht viele freuen, legt er es nicht darauf an, jemanden abzustrafen. Denn: "Für mich gibt es nichts Schöneres, als wenn ich den ganzen Tag niemanden erwische. Dann war es für mich ein erfolgreicher Tag." Für Michael ist es die Abwechslung, die seinen Beruf besonders macht. "Kein Tag gleicht dem anderen. Man trifft auf die unterschiedlichsten Menschen und ist sehr viel unterwegs."

Um Michaels Anonymität zu wahren, ist er auch auf den Bildern nicht zu sehen. © PID/Christian Fürthner

Ausrede verlass mich nicht

In den letzten Jahren ging die Zahl der Schwarzfahrerinnen und -fahrer deutlich zurück. "Es hat sich sehr verbessert. In Zeiten der verbilligten Jahreskarten und der Mobilpässe ist die Schwarzfahrerinnen- und Schwarzfahrerquote extrem gesunken." Die Jahreskarte ist für alle Wienerinnen und Wiener erhältlich. Pro Jahr kostet die Karte 365 Euro, das heißt einen Euro pro Tag. Mit dem Mobilpass der Stadt Wien haben sozial schwache Menschen Anrecht auf eine vergünstigte Monatskarte. Der Mobilpass kann bei der Abteilung für Soziales, Sozial- und Gesundheitsrecht (MA 40) beantragt werden. Die Wiener Linien gehören europaweit zu den günstigsten öffentlichen Verkehrsmitteln.

Doch es gibt immer noch Schwarzfahrerinnen und Schwarzfahrer. Und so bescherte Michaels Arbeit ihm schon viele lustige Momente: "Einmal kontrollierte ich einen Mann mit seinem kleinen Sohn. Der Vater hatte keine Fahrkarte und auch keinen Ausweis dabei, weshalb ich ihn aufschreiben musste. Als er mir erzählte, wie er heißt und wo er wohnt, zupfte plötzlich sein Sohn an seiner Jacke und meinte: Aber Papa, du heißt ja gar nicht so und wir wohnen auch ganz woanders. Der Vater bekam einen knallroten Kopf und zeigte mir sofort seinen echten Ausweis."

Solche Vorfälle gehören zu Michaels heiteren Erlebnissen, leider läuft es nicht immer so friedlich ab. "Ich bin zum Glück noch nie direkt von einem Fahrgast angegriffen worden. Mein Kollege wurde einmal von einem wütenden Fahrgast attackiert. Das gehört natürlich nicht zum Alltag, aber kann leider schon passieren, vor allem wenn sich jemand ertappt oder ungerecht behandelt fühlt", erzählt Michael. In solchen Fällen wird von den Fahrscheinkontrollorinnen und -kontrolloren sofort die Polizei kontaktiert, die sich dann um den Fahrgast kümmert. Um eine Eskalation schon im Vorfeld zu vermeiden, bekommen die Fahrscheinkontrollorinnen und -kontrollore der Wiener Linien im Zuge ihrer Ausbildung eine Deeskalationseinschulung. "In der Ausbildung lernen wir, wie man eine brenzlige Situation ohne Gewalt in den Griff bekommt. Zum Beispiel sollte man mit den Leuten ruhig und sachlich sprechen", erzählt Michael.

Wer keine Fahrkarte hat, muss 105 Euro zahlen. Doch auch Schwarzkappler zeigen in besonderen Fällen häufig Kulanz gegenüber den Fahrgästen ohne Ticket. © PID/Christian Fürthner

Problemlöser

Grundsätzlich haben die Fahrscheinkontrollorinnen und -kontrollore einen recht großen Entscheidungsspielraum und drücken bei Kontrollen in Einzelfällen auch mal ein Auge zu. "Wir sind auch hier, um zu helfen. Wenn jemand ein falsches Ticket gekauft hat, der Automat streikt oder Touristinnen und Touristen vergessen, die Fahrkarte zu stempeln, strafen wir natürlich nicht sofort ab, sondern versuchen das Problem zu lösen", erzählt Michael. "Ich habe einmal einen jungen Mann kontrolliert. Er kam aus dem Krankenhaus und hatte weder Fahrkarte noch einen Ausweis dabei, nur seine Krankenakte. Er hatte gerade eine schwere Operation hinter sich und war mit dem Kopf ganz woanders. Ich habe dann zu ihm gesagt: Schau, dass du gut heimkommst, und kauf das nächste Mal einen Fahrschein." In solchen Fällen helfen die langjährige Erfahrung und ein gewisses Maß an Menschenkenntnis, um zwischen Wahrheit und Täuschung zu unterscheiden.

"Viele lügen einfach und erfinden kreative Aussagen. Das merkt man aber an ihren Bewegungen. Viele beginnen zu zittern oder zu stottern, speziell, wenn sie sagen, dass sie keinen Ausweis dabei haben", erzählt Michael. Doch grundsätzlich gilt: Wer keinen Fahrschein hat, muss 105 Euro zahlen. Wer später zahlt, zahlt mehr. Binnen 14 Tagen sind per Erlagschein 115 Euro zu bezahlen, nach weiteren 14 Tagen erhöht sich die Summe auf 145 Euro. Schwarzfahren rentiert sich auf kurz oder lang eben nicht.

Selten, aber doch sind Fälschungen im Umlauf. Das Fahrkartenlesegerät überprüft die Jahreskarte auf Gültigkeit und Echtheit. © PID/Christian Fürthner

Wiener-Linien-Mythen

Rund um das Thema Fahrscheinkontrollen ranken sich bei den Wienerinnen und Wienern viele Mythen. So soll in den Semesterferien und den Feiertagen vermehrt kontrolliert werden, einige Fahrgäste werden häufiger nach ihrem Ticket gefragt und auch die U6 soll aufgrund tätlicher Vorfälle nur vom erfahrensten Personal abgegangen werden. Was steckt dahinter?

"Die Mythen stimmen nicht. Natürlich wird am Semesterende oder in den Ferien nicht mehr als sonst kontrolliert. Das kommt den Leuten vielleicht so vor, weil sie dann öfter mit den Öffis unterwegs sind. Aber wir haben unsere Dienste und die ändern sich nicht", erzählt Michael. Auch der Mythos, dass man einigen Fahrgästen von Weitem schon das Schwarzfahren ansehen kann, stimmt nicht. "Früher hat man das schon abschätzen können, wer eine Fahrkarte hat und wer nicht. Ich probiere es zwar für mich selbst hin und wieder, aber mit der verbilligten Jahreskarte und dem Mobilpass kann man das kaum noch abschätzen." Dass die U6 aufgrund ihres schlechten Rufs und den vermehrten Polizeieinsätzen nur von den erfahrensten Kontrollorinnen oder Kontrolloren kontrolliert wird, ist ebenfalls falsch. "Bei uns wird jede Kontrollorin und jeder Kontrollor für jede Strecke in ganz Wien eingeteilt. Da gibt es keine Ausnahmen oder besondere Regelungen." Die Mythen sind und bleiben Mythen. 

Der Beruf der Fahrscheinkontrollorin oder des Fahrscheinkontrollors bringt einige Herausforderungen mit sich und benötigt vor allem gute Menschenkenntnis und viel Erfahrung. Dennoch würde Michael seinen Beruf niemals tauschen, denn keine Schicht gleicht der anderen und jede Fahrt verspricht ein neues Abenteuer im Liniennetz der Wiener Linien.

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