Schuhmacher Triebl wurde kürzlich als 100. Mitgliedsbetrieb des Reparaturnetzwerks ausgezeichnet.

 

Wer repariert, profitiert

Reparatur statt Neukauf schont Geldbeutel und Umwelt. Seit 1999 ist das Wiener Reparaturnetzwerk ein Vorzeigeprojekt. Heute deckt man mit 100 Mitgliedsbetrieben nahezu jeden Bedarf.

„Schmeiß weg, kauf ma lieber ein Neues.“ Ein Satz, der leider allzu oft fällt. Der sorglose Umgang mit Produkten, die man eigentlich noch sehr gut reparieren könnte, kostet viele Menschen Geld und belastet unseren Planeten. Dass es anders geht, zeiget das Reparaturnetzwerk mit seinen zahlreichen Mitgliedsbetrieben und zwar mit Erfolg: Schuhmacher Triebl wurde kürzlich als 100 Partner vorgestellt.

Markus Piringer, Ressourcenexperte von DIE UMWELTBERATUNG, erzählt im Interview über das nachhaltige Netzwerk, Ursachen der Wegwerfgesellschaft und die erfolgreiche Initiative Wiener Reparaturbon, die momentan Pause macht, aber noch 2021 ein Comeback feiern wird.

CLUB WIEN: Können Sie uns etwas über die Entstehungsgeschichte des und über die Idee hinter dem Reparaturnetzwerk erzählen?

Markus Piringer: Das Reparaturnetzwerk wurde 1999 gegründet - ein Vorreiterprojekt und damals einzigartig in Europa! 23 Betriebe waren bei der Gründung mit dabei. Das Ziel war, Kundinnen und Kunden mit Reparaturinteresse und Betriebe, die wirklich reparieren möchten, anstatt etwas Neues zu verkaufen, zueinanderzubringen und das Reparatur-Know-how zu erhalten. Das Reparaturnetzwerk wurde von Beginn an von der Stadt Wien gefördert. DIE UMWELTBERATUNG koordiniert das Projekt und betreut die Hotline und die Website.

Welche Betriebe findet man im Reparaturnetzwerk? Wie wird man Teil des Reparaturnetzwerks?

Mittlerweile arbeiten 100 Betriebe, die sich auf das Reparieren spezialisiert haben, im Reparaturnetzwerk zusammen. Sie reparieren beinahe alles: Mobiltelefone, Möbel, Haushaltsgeräte, Fahrräder, Kleidung, Unterhaltungselektronik, Lederwaren, Uhren und vieles mehr. Für die Aufnahme ins Netzwerk müssen Aufnahmekriterien erfüllt sein, zum Beispiel dass über die Hälfte der Arbeitsplätze Reparaturarbeitsplätze sind oder dass mehr als drei Marken repariert werden. Zur Bewerbung wird ein Bewerbungsbogen ausgefüllt. DIE UMWELTBERATUNG besucht den Betrieb und präsentiert ihn dem Beirat des Reparaturnetzwerks. Der Beirat entscheidet, ob der Betrieb die Bedingungen erfüllt und aufgenommen wird. Er bekommt im Netzwerk die Möglichkeit zu Erfahrungsaustausch und profitiert von der gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit und der Weitervermittlung von Kundinnen und Kunden über die Hotline und die Website. www.reparaturnetzwerk.at/mitglied-werden

Reparieren schont den Geldbeutel und die Umwelt. Hätten Sie da vielleicht ein paar Zahlen und Daten zur Veranschaulichung, wie groß der Vorteil des Reparierens wirklich ist?

Eine aktuelle Studie aus Frankreich zeigt anhand von elf untersuchten Elektronik- und Haushaltsgeräten, dass sich Haushalte bei Reparatur statt Neukauf in zehn Jahren bis zu 2.000 Euro sparen können. Je länger ein Gerät nach einer Reparatur noch genutzt wird, desto höher sind sowohl der finanzielle als auch der ökologische Nutzen. Eine Analyse des European Environmental Bureau - EEB zeigt: Die Verlängerung der Lebensdauer aller Waschmaschinen, Notebooks, Staubsauger und Smartphones in der EU um nur ein Jahr würde jährlich rund vier Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) einsparen. Das ist dieselbe Menge, die rund zwei Millionen weniger Autos auf den Straßen einsparen würde!

Letztes Jahr debütierte ja der Wiener Reparaturbon. Was hat es damit auf sich?

Ziel des Wiener Reparaturbons ist, die Reparatur durch finanzielle Unterstützung noch attraktiver zu machen. Bis zu 50 Prozent der Bruttoreparaturkosten bezahlt die Stadt Wien, wenn ein Bon eingelöst wird - maximal sind es 100 Euro pro Reparatur. Und falls keine Reparatur zustande kommt, werden bis zu 45 Euro für den Kostenvoranschlag übernommen. Der Bon kann bei jenen Netzwerksbetrieben eingelöst werden, die für den Wiener Reparaturbon eine Partnerschaft mit der Stadt Wien - Umweltschutz eingegangen sind. Diese Betriebe sind auf der Website der Stadt Wien ersichtlich.

Ist es wirklich so, dass viele Gegenstände, die eigentlich noch okay sind, entsorgt werden? Welche Produkte betrifft das hauptsächlich?

In den besonders schnelllebigen Branchen trennen sich viele Menschen frühzeitig von Produkten, die noch in Ordnung sind - zum Beispiel in der Modebranche oder bei der Unterhaltungselektronik. Die neueste Kollektion, ein größerer Bildschirm, neue Funktionen … es gibt viele Verlockungen, die zum Neukauf verführen, obwohl das Alte noch gut ist. Das zeigt auch die Studie der AK Wien „Die Nutzungsdauer und Obsoleszenz von Gebrauchsgütern im Zeitalter der Beschleunigung“ aus dem Jahr 2015.

Könnten Sie uns vielleicht ein paar Beispiele für zu reparierende Schäden nennen, die oft einfach nicht repariert werden?

Bei Handys gibt es oft günstige Angebote der Telekommunikationsanbieter, die dazu animieren, einem neuen Handy statt einer Reparatur den Vorzug zu geben.

Die Betriebe im Netzwerk bieten auch Secondhand-Ware an. Bei welchen Produkten macht das Sinn und wieso nehmen viele Menschen diese günstige Option einfach nicht wahr?

Das Secondhand-Angebot in den Reparaturnetzwerksbetrieben entspricht unserer Philosophie, dass Gegenstände so lange wie möglich genutzt werden. Das macht bei allen Produkten Sinn, die gut in Schuss sind. Secondhand-Produkte sind stark im Trend - das beweist unter anderem der Erfolg der großen Online-Plattformen, auf denen Gebrauchtwaren verkauft, verschenkt oder getauscht werden. Aber auch richtige Geschäfte mit Secondhand-Ware sind in - von Kleidern bis zu stylischen Vintage-Möbeln.

Zu guter Letzt: Auch das eigenhändige Reparieren, auf Neudeutsch die DIY-Philosophie, boomt. Gibt’s da digitale oder analoge Angebote oder Initiativen des Reparaturnetzwerks?

Das Reparaturnetzwerk hat auf der Website eine eigene Termineseite eingerichtet, auf der zum Beispiel Repair-Cafés, Reparaturworkshops und Kleidertauschbörsen zu finden sind. Leider sind diese Aktivitäten derzeit aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen abgesagt. Bis wieder mehr persönliche Kontakte möglich sind, helfen Online-Anleitungen. Sie können aber die persönliche Unterstützung und die gute Atmosphäre bei diesen Veranstaltungen natürlich bei Weitem nicht ersetzen!

DIE UMWELTBERATUNG hat mit Betrieben des Reparaturnetzwerks und weiteren Projektpartnerinnen und -partnern unter der Projektleitung des IHS auch zum Reparieren und Selbermachen geforscht -  in Wien, Berlin und London: www.umweltberatung.at/referenzen-r-diy-urban