Christian Härtel von der Wiener Umweltschutzabteilung zeigt wie die Muldenversickerung funktioniert. © Bohmann/Andrew Rinkhy
Im Bruno-Kreisky-Park bei der U4-Station Margaretengürtel gibt es die erste Muldenversickerung, bei der Wasser vom Straßenraum in einen Park geleitet wird. © Bohmann/Andrew Rinkhy
Das Wasser wird vom Straßenraum in den Park geleitet. © Bohmann/Andrew Rinkhy
Über zwei Leitungen fließt das Wasser Richtung Mulde. © Bohmann/Andrew Rinkhy
Das Wasser endet in der Mulde, die mit Schilf bepflanzt ist. Dort kann sich das Wasser anstauen und automatisch versickern. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Regenwassermanagement: Wie wichtig Grünflächen für eine Stadt sind

Bald starten wir in die wärmere Jahreszeit. In Wien kann die Sommerhitze oft zur Belastung werden. Aufgrund der dicht bebauten Straßen verwandelt sich die Stadt schnell in einen Heizkessel. Doch das muss nicht sein. Grünflächen können Abhilfe schaffen.

Mit einer Einwohnerinnen- und Einwohnerzahl von über 1,8 Millionen gehört Wien zu den Großstädten Europas. Eine Stadt mit vielen Einwohnerinnen und Einwohnern benötigt dementsprechend viel Wohnfläche, weshalb stetig zu- oder umgebaut wird. Die Errichtung von Gebäuden und das daraus folgende Weichen von Grünflächen können allerdings auch negative Konsequenzen für eine Stadt haben: Erholungs- und Naturräume werden reduziert, landwirtschaftliche Flächen und Böden gehen zunehmend verloren. Das führt dazu, dass Regenwasser nicht mehr ungehindert versickern kann und die Temperatur, die Luftqualität und das Klima durch den Entfall von Vegetation ungünstig beeinflusst werden. Kurz gesagt: Durch die flächendeckende Versiegelung kann es zu Hitzewellen, Bränden, Überschwemmungen, Dürreperioden und Grundwassermangel kommen.

Um diesen Phänomenen entgegenzuwirken, beschäftigt sich die Stadt Wien mit dem Thema Regenwassermanagement. Mit diesem können natürliche Wasserkreisläufe in einer Stadt künstlich geschaffen werden, was dazu führt, dass sich das Klima innerhalb der Stadt selbst regulieren kann.

CLUB WIEN besuchte Christian Härtel von der Wiener Umweltschutzabteilung. Er beschäftigt sich mit den ökologischen Aspekten der räumlichen Entwicklung der Stadt, unter anderem mit Regenwassermanagement.

Was ist Regenwassermanagement?

Regenwassermanagement ist der nachhaltige Umgang mit Niederschlagswasser auf versiegelte Flächen. Das sind Flächen, die kein Wasser durchlassen, wie etwa asphaltierte Wege. Die Stadt Wien wuchs in den letzten Jahrzehnten enorm, wodurch viele Grünflächen bebaut wurden. Regenwasser, das aufgrund der Bebauung nicht versickern kann, wird mittels Kanälen in die Kanalisation geleitet. "Beim Regenwassermanagement geht es darum, dass das Wasser nicht mehr, wie bisher, im Kanal entsorgt wird, sondern dass man es zurückhält, es verdunsten oder versickern lässt und dadurch ein natürlicher Wasserkreislauf in der Stadt geschaffen wird", erklärt Christian Härtel.

Durch die zunehmende Versiegelung von Grünflächen werden immer größere Mengen an Regenwasser via Kanal entsorgt, was negative Folgen hat. "Einerseits kommt weniger Wasser ins Grundwasser zurück und auf der anderen Seite rinnt das Wasser innerhalb kürzester Zeit ab, was die Hochwasserspitzen stark ansteigen lässt, da der Boden, der das Wasser aufsaugen würde, nicht mehr vorhanden ist. Zudem wird die Stadt wärmer, weil Wasser nicht verdunsten und dadurch die Stadt nicht mehr abkühlen kann", so Härtel.

In der Natur wird Regenwasser in Baumkronen, in bewachsenen Böden oder von Pflanzen gespeichert. Das Wasser ist auch noch Wochen nach dem Regen verfügbar und wirkt als Klimaregulator. Dabei entsteht Verdunstungskälte; das Wasser verdunstet und kühlt die Umgebung. "In der Stadt gibt es keinen direkten Klimaregulator. Es regnet, der Asphalt dampft eine halbe Stunde und danach ist das Wasser wieder weg. Regenwassermanagement soll natürliche Wasserkreisläufe in der Stadt erzeugen."

Wie kann Regenwassermanagement zum Einsatz kommen?

In Wien findet Regenwassermanagement vor allem durch Dachbegrünung statt. Ein Beispiel dafür ist die Wohnbauanlage in der Süßenbrunner Straße im Norden von Hirschstetten. Hier wird Regenwassermanagement auf mehreren Ebenen umgesetzt. "Der Großteil an Regenwasser wird auf dem Dach zurückgehalten. Durch die Begrünung des Daches wird der Regen gespeichert, was für die Verdunstungskühlung sorgt. Auf der Tiefgarage gibt es Sumpfbecken. Das sind quasi Badewannen mit einem Überlauf, bis zu dem sich das Wasser anstauen kann. Die Wanne ist mit Schilf bepflanzt, dem das überschüssige Wasser nichts ausmacht", erklärt Härtel. Zusätzliche Begrünung der Parkanlagen und Fassaden unterstützen das Regenwassermanagement. In der Siedlung herrscht ein natürlicher Wasserkreislauf: Es regnet, das Wasser wird von den Pflanzen und durch die Becken gespeichert, kann anschließend verdampfen oder ins Grundwasser zurückfließen, wodurch die Temperatur des Gebäudes reguliert wird. Überhitzungen im Hochsommer können vermieden werden.

Zusätzliche Möglichkeiten sind Teiche, Flächenversickerungen, Beckenversickerungen, Muldenversickerungen, Rohr- und Rigolensversickerungen, Mulden-Rigolen-Systeme und Schachtversickerungen.  

Die einzige Muldenversickerung, bei der Wasser vom Straßenraum in einen Park geleitet wird, gibt es bisher im Bruno-Kreisky-Park bei der U4-Station Margaretengürtel. Entlang des Radwegs gibt es zwei Kanäle. Im Sommer werden die Kanalschächte verschlossen, sodass bei Regen das Wasser nicht in die Kanalisation, sondern von dort in eine Mulde fließt. Inmitten des Parks wurde hierzu eine bereits bestehende Mulde umgestaltet und umfunktioniert. In der Mitte befindet sich eine Insel aus Schilf, dort kann sich das Wasser anstauen und anschließend automatisch versickern.  

Wie sich die Überhitzung auf unsere Gesundheit auswirkt

Vergleicht man im Sommer die Temperaturen einer Großstadt mit den Temperaturen rund um die Großstadt, kann es zu einem Temperaturunterschied von sechs Grad kommen. Gründe dafür sind die Speicherung von Hitze durch den Asphalt und die fehlende Verdunstungskälte.  

Das kann auch gesundheitliche Folgen haben. Menschen, die aufgrund der Hitze schlecht schlafen, verlieren an Kraft, was Auswirkungen auf das Immunsystem hat. "Vor allem für Menschen, die mit der Lunge Probleme haben, sind die hohen Temperaturen sehr belastend. Im schlimmsten Fall kann das bis zum Tod führen", erzählt Härtel.

Europas größte Naturkatastrophen?

Geht man der Frage nach, an welchen Naturkatastrophen in den letzten Jahrzehnten in Europa die meisten Menschen gestorben sind, steht an erster Stelle das Erdbeben 1908, das über 80.000 Menschen das Leben gekostet hat; gefolgt von der extremen Hitzewelle im Jahr 2003. In Europa, vor allem in Spanien, Frankreich und Deutschland, starben aufgrund der Hitze über 70.000 Menschen. "Hitzewellen sind besonders gefährlich, weil sie nicht so präsent wie ein Erdbeben oder ein Tsunami sind. Die Zerstörung ist nicht sichtbar. Es ist ein stiller, leiser Tod, der sich an vielen verschiedenen Orten ereignet, aber von der Zahl der Betroffenen absolut relevant ist", erzählt Christian Härtel. Der Unterschied zu anderen Naturkatastrophen ist, dass man gegen Hitzewellen in Großstädten etwas unternehmen kann. "Wenn man eine Stadt klug baut, kann sie genauso kühl wie die Umgebung sein, wenn nicht sogar kühler", so Härtel.

Regenwassermanagement ist ein relativ neues Gebiet, weshalb man in vielen Städten erst in den letzten Jahrzehnten mit Pilotprojekten begonnen hat. Der Klimawandel verstärkt zusätzlich die Risiken einer Überhitzung. Deshalb muss umso mehr ein Umdenken stattfinden.

Auch in Wien findet Bewegung statt. "Vor acht Jahren haben wir (MA 22) uns mit der Flächenwidmungsabteilung (MA 21) geeinigt, dass Flachdächer begrünt werden müssen. Das heißt: Wer ein Dach baut, dass flacher als 15 Grad ist, muss es begrünen", erzählt Härtel. Die Stadt rüstet sich für den Klimawandel und trifft seit einigen Jahren Vorkehrungen, um klimabedingte Situationen wie die Überhitzung der Stadt zu verringern beziehungsweise zu reduzieren.