Ein Teil des Teams der Fachstelle für Wohnungssicherung (FAWOS), eine Einrichtung der Volkshilfe Wien. © Bohmann

Wohnungslosenhilfe gegen Obdachlosigkeit

Oft reicht ein kleiner Schicksalsschlag oder ein unerwarteter finanzieller Engpass. Schon fehlt das Geld für die Miete und die Kündigung flattert ins Haus. Bei drohendem Wohnungsverlust hilft die Fachstelle FAWOS der Volkshilfe Wien.

"Ich hatte da einmal einen Flugzeugpiloten sitzen, der im Monat 6.000 Euro netto verdient hat. Aber weil seine Fluglinie in Konkurs gegangen ist und er ein halbes Jahr keinen Job gehabt hat, konnte er die Miete nicht zahlen." Renate Kitzman, Abteilungsleiterin der Fachstelle für Wohnungssicherung (FAWOS) weiß nach 20 Jahren Berufserfahrung, dass Menschen aus allen sozialen Schichten von einem Tag auf den anderen vom Verlust ihrer Wohnung bedroht sein können. Etwa 9.000 Räumungsklagen gegen Wohnungsmieterinnen und -mieter von Privat- und Genossenschaftswohnungen werden jedes Jahr in Wien behandelt. Für diese Fälle bietet FAWOS ein umfangreiches Angebot an Information, Beratung und Soforthilfe.

20 Jahre FAWOS

Die Fachstelle für Wohnungssicherung begann am 1. Februar 1996 mit ihrer Arbeit. Sie ist Teil der Volkshilfe Wien und finanziert sich aus Mitteln der Stadt Wien. Was die Arbeit der FAWOS so effizient macht, ist die proaktive Kontaktaufnahme zu jenen Mieterinnen und Mietern, gegen die ein Räumungsverfahren eingeleitet wurde. Die Information darüber erhält sie von der Stadt Wien auf automatisiertem Weg. "Früher gab es erst eine Verständigung, wenn ein Exekutionstitel vorlag. Heute ist es so, dass verständigt werden muss, wenn ein Verfahren eingeleitet ist. Das heißt, ich weiß Name und Adresse und kann, wenn eine Räumungsklage oder Kündigung eingebracht wurde, die Leute kontaktieren. Und das ist das Wichtigste." Renate Kitzman und ihr Team aus elf Diplomierten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und drei Sekretärinnen erreichen rund 3.000 Menschen im Jahr und leisten auf viele Arten Unterstützung.

Beratung und Hilfestellung

Das Beratungsangebot von FAWOS kann jede und jeder in Anspruch nehmen, sofern es sich um Mietverhältnisse in privaten Wohnungen und Genossenschaftswohnungen handelt. "Wir haben den Auftrag von der Stadt Wien, alle Mieterinnen und Mieter in Wien anzuschreiben, über die wir verständigt wurden. Für den Gemeindewohnungsbereich machen das die Stellen vom Jugendamt und vom Sozialamt", erläutert Kitzman. Viele Auskünfte werden vom FAWOS-Team am Telefon erteilt, da Einzeltermine oft nicht machbar sind. "Wenn eine Rechtsschutzversicherung vorliegt oder nur kurze Fragen zu klären sind und angenommen werden kann, dass sie damit fertig werden. Diejenigen, bei denen wir nicht sicher sein können, dass sie das Problem lösen können, bekommen einen Termin. Oder in Fällen, bei denen eine Dolmetscherin oder ein Dolmetscher nötig ist. Viele sind zwar schon lange bei uns, verstehen aber nicht so gut Deutsch. Das Mietrecht ist doch eine komplizierte Materie."

Abteilungsleiterin Renate Kitzman kann auf 20 Jahre Berufserfahrung zurückblicken. © Bohmann

Es kann jeden treffen

Der Jahresbericht 2015 von FAWOS zeigt, dass die Geschlechterverteilung ihrer Klientinnen und Klienten nahezu ausgeglichen ist. Rund 56 Prozent sind im Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft. Häufig trifft es die untere Mittelschicht und die Armen, aber es kann jeden Menschen treffen. "Ich hatte schon eine Opernsängerin bei mir, aber auch viele, die keine oder nur eine schlechte Ausbildung haben. Und es kommen Leute in die Beratung, die Arbeit haben. Es ist nicht so, dass alle, die zu uns kommen, arbeitslos sind. Da sitzen oft Menschen, die vollzeitbeschäftigt sind, aber trotzdem zu wenig verdienen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Also sogenannte "Working Poor", erzählt Kitzman. Es werden auch immer mehr Seniorinnen und Senioren. "Vor sieben Jahren waren es sechs Prozent unserer Kundinnen und Kunden, mittlerweile sind es über zehn, weil die Pensionen nicht so steigen wie die Mieten", fasst Renate Kitzman die Situation für Wien zusammen. Relativ häufig melden sich nicht unmittelbar Betroffene bei der Fachstelle für Wohnungssicherung und holen Erkundigungen für Angehörige, Freundinnen und Freunde oder Nachbarinnen und Nachbarn ein. "Es gibt aber auch Genossenschaften, die in ihren Mahnungen unsere Adresse reinschreiben. Mittlerweile sind es schon viele, die sich vorausschauend an uns wenden."

Geldmangel als Hauptursache

Die vorgebrachten Gründe für eine Kündigung der Wohnung können mannigfaltig sein. Störendes Verhalten, Beschädigungen, unsachgemäße Umbauten, nachteiliger Gebrauch der Wohnung bis hin zum begründeten Eigenbedarf am Mietobjekt. Wurden befristete Mietverträge abgeschlossen, kommt es auch vor, dass die Leute nicht freiwillig raus wollen oder können. Die strengen österreichischen Mieterschutzgesetze machen es allerdings schwer, bei aufrechten Verträgen gegen den Willen der Mieterinnen und Mieter vorzugehen. Mit einer Ausnahme: wenn der Mietzins nicht rechtzeitig bezahlt wurde. So erklärt sich, dass 95 Prozent der Fälle, um die sich FAWOS kümmert, den Auslöser darin haben. "Das Gesetz sieht vor, dass schon eine einzige nicht bezahlte Miete oder auch nur ein Teil einer nicht bezahlten Miete zur Räumungsklage führen kann", erklärt der langjährige FAWOS-Mitarbeiter Johannes Gundacker.

Selber schuld, oder?

"Es gibt immer mehr befristete Mietverträge und unser Klientel sind die Leute, die immer wieder Wohnungen suchen müssen. Und die Wohnungen, die jetzt auf dem Markt sind, werden immer teurer." Renate Kitzman hört es gar nicht gern, wenn ihre Klientinnen und Klienten bezichtigt werden, selbst schuld an einer Delogierung zu sein, weil sie zu verschwenderisch seien oder Dinge beanspruchen, die sie sich eben nicht leisten können. "In meinen 20 Jahren hatte ich einen Fall, wo der Mieter die Miete nicht bezahlen wollte. Weil er in Untersuchungshaft war. Ein Schulanfang bringt Familien oft in die Krise. Und zum Thema selbstverschuldet, weil sich jemand ein teures Smartphone gekauft hat. Ich denke mir, die Leute haben es sich auch verdient, ins Kino zu gehen und irgendwie an der Kultur teilzuhaben Und nicht nur: Ich schlafe, wohne, esse und arbeite. Das kann es auch nicht sein!" Generell hat sich in den vergangenen zehn Jahren gezeigt, dass die Mieten viel stärker gestiegen sind als die Einkommen. "Diese Differenz muss man natürlich aus dem Einkommen bezahlen. Das ist ein Problem."

Kompliziertes Mietrecht

Mietrechtliche Informationen stehen am Beginn jeder Beratung. Viele Mieterinnen und Mieter, die eine Kündigung erhalten haben, wissen nicht, welche Rechtsmöglichkeiten es gibt, wie ein Verfahren abläuft und wie sie Einspruch erheben können. "Sollte es komplexere rechtliche Fragen geben, dann verweisen wir auf entsprechende Stellen. Da gibt es die mobile Gebietsbetreuung, wo Mietrechtsjuristinnen und -juristen sitzen. Und wir arbeiten mit Mieterschutzorganisationen zusammen. Dorthin verweisen wir, wenn beispielsweise eine anwaltliche Vertretung gebraucht wird. Das können wir nicht machen", erläutert Johannes Gundacker. Nichtsdestotrotz sind alle Diplomierten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der FAWOS rechtlich geschult. "Die Einschulung für neue Kolleginnen und Kollegen im Mietrecht dauert bei uns drei Monate. Das Sozialhilfegesetz und das Mietrechtsgesetz sind die zwei großen Pfeiler in unserer Beratung und da muss man immer auf dem neuesten Stand sein. Wir geben keine rechtsanwaltsmäßigen Auskünfte, wir beraten dahingehend, was im Gesetz steht und welche Möglichkeiten sie haben."

Die Jahresberichte von FAWOS zeigen die Ergebnisse der Betreuungsmaßnahmen auf. © Bohmann

Hilfe und Unterstützung

Finanz-Coaching ist eine weitere Hauptaufgabe der Fachstelle für Wohnungssicherung. Es wird geschaut, wie hoch das Einkommen ist und wie hoch die Ausgaben sind. Und das passt oft nicht zusammen. Ist der Autoleasingvertrag notwendig oder der Handyvertrag, für den manche 60 Euro im Monat zahlen, nicht ein wenig teuer? Gibt es einen günstigeren? Beihilfen, Mehrkindzuschlag, Negativsteuer beim Finanzamt, Mindestsicherung: Alle Arten von Beihilfen werden evaluiert. "Wir versuchen zu erreichen, dass die Betroffenen, wenn möglich, selber Schritte setzen, Vereinbarungen mit der Hausverwaltung oder ihrem Rechtsanwalt treffen, um mit der Situation fertig zu werden. Denn jede Situation, die man größtmöglich selbst lösen konnte, bleibt dann auch besser in Erinnerung, damit später nicht wieder so eine Situation eintritt", beschreibt Kitzman die Vorgehensweise. Als letzten Ausweg, sozusagen als Notmaßnahme, gibt es eine einmalige finanzielle Aushilfe. "Wenn wir eine Perspektive sehen, dass durch eine einmalige finanzielle Aushilfe die Wohnung nachhaltig gesichert werden kann, unterstützen wir bei der Antragstellung auf Hilfe in besonderen Lebenslagen. Die läuft über das Sozialamt."

Übergreifende Zusammenarbeit

Sowohl in sozialrechtlichen als auch in mietrechtlichen Angelegenheiten kann FAWOS auf spezialisierte Stellen verweisen. Die Schuldnerberatung Wien etwa. Sie ist eine gemeinnützige Beratungsstelle des Fonds Soziales Wien, die kostenlose Beratung für in Wien wohnende Privatpersonen anbietet. Bei Mietrechtsfragen, besonders dann, wenn der Gerichtsweg eingeschlagen werden muss, um Delogierungen zu verhindern, zählt FAWOS auf die Expertise von Mieterschutzorganisationen, die Juristinnen und Juristen im Team haben. Eine davon ist die Mietervereinigung Österreichs. Sie unterstützt die Menschen, wenn die Miethöhe bei der Schlichtungsstelle überprüft werden soll. Im Zuge dessen besteht nämlich die Möglichkeit, das Räumungsverfahren zum Stillstand zu bringen, weil das Gericht erst über den Rückstand entscheiden kann, wenn klar ist, ob nicht schon zu viel Miete bezahlt wurde, also mehr, als man musste. "Es gibt von der MA 40 (Soziales, Sozial- und Gesundheitsrecht) eine Stiftung, aber auch vom Wohnservice Wien zur Verfügung gestellte Mittel, die dazu aufgewendet werden, die jährlichen Mitgliedsbeiträge solcher Stellen zu begleichen, um den Rechtsschutz daraus in Anspruch nehmen zu können. Denn manche Mieterinnen und Mieter in Geldnot haben nicht einmal so viel übrig", gibt Johannes Gundacker zu bedenken.

Vorsorge treffen

Viele Klientinnen und Klienten müssen auch lernen, bei den Zahlungen die richtigen Prioritäten zu setzen. Viele bezahlen nach Einlangen der Erlagscheine und haben keine Reihung nach Wichtigkeit gemacht. Es gibt Hausverwaltungen, die warten länger zu, wenn die monatliche Miete nicht auf ihr Konto überwiesen wurde, aber darauf darf man sich nicht verlassen, weiß Johannes Gundacker. "Die Reihenfolge, die wir mit unseren Klientinnen und Klienten besprechen, lautet: Zuallererst muss die Miete bezahlt werden, das Nächste sind Energiekosten. Strom und Heizung kann abgedreht werden, das gefährdet aber nicht die Wohnung. Alimente, Unterhaltskosten und Polizeistrafen sollten auf jeden Fall pünktlich bezahlt werden. Grundsätzlich rät Gundacker: "Bei Zahlungsschwierigkeiten den Kontakt zur Hausverwaltung und zur Vermieterin oder zum Vermieter suchen und Lösungen vorschlagen. Viele sind bereit zuzuwarten. Sobald die Räumungsklage da ist, kostet es noch mehr Geld."

Die Büros der FAWOS befinden sich im zweiten Bezirk in der Schiffamtsgasse 14. © Bohmann

Prekäre Lage in Wien

"Die Tendenz geht dahin, dass es immer mehr Fälle gibt, bei denen wir nicht helfen können." Renate Kitzman blickt mit Sorge auf den Wiener Wohnungsmarkt. Einerseits drängen immer mehr Menschen in die Stadt, auf der anderen Seite gibt es kaum noch günstige Wohnungen zur Miete auf dem privaten Wohnungsmarkt. Hinzu kommt, dass immer mehr Wohnungen nur mehr befristet vermietet werden. Alle paar Jahre muss dann erneut gesucht werden, was jedes Mal mit hohen Kosten verbunden ist. "Wenn jemand 1.300 Euro verdient und 900 für die Miete samt Nebenkosten ausgeben muss, dann kann sich das nicht ausgehen. Da stoßen wir an unsere Grenzen. Wir haben keine leistbaren Wohnungen zur Verfügung, die sind alle schon vergeben. Unter 10 Euro pro Quadratmeter geht eh fast nichts. Wir haben ja auch den Auftrag, günstigen Wohnraum zu erhalten. Wenn jemand 20 Jahre in der Wohnung ist, zahlt der eine niedrige Miete. Wenn der delogiert wird, wird diese Wohnung gleich ums Doppelte weitervermietet."

Alle Hände voll zu tun

Jedes Jahr kommt es zu rund 2.500 Delogierungen. "Wenn ich sagen könnte, wer von den 21.000 Vorgewarnten tatsächlich delogiert wird, könnten wir uns um die Fälle intensiver kümmern. Aber das wissen wir im Vorhinein natürlich nicht", berichtet Renate Kitzman. Das FAWOS-Team hat alle Hände voll zu tun und schafft es dennoch, jedes Jahr tausende Wienerinnen und Wiener vor einem drohenden Wohnungsverlust zu bewahren. Ein engagiertes Team aus Diplomierten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Sekretariat schöpft alle Möglichkeiten aus, um ihre Klientinnen und Klienten vor der Delogierung zu schützen. Die Zusammenarbeit mit anderen städtischen Sozialhilfeeinrichtungen und Mieterschutzvereinen macht FAWOS so einzigartig und effektiv.

Abteilungsleiterin Renate Kitzman verabschiedet sich nach 20 Berufsjahren mit Ende des Jahres in Pension. Ihren Erfahrungsschatz hat sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hinterlassen. Das Motto bleibt unverändert: "Eine Wohnung ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist alles nichts."

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