29.AUGUST 2019 
Lifestyle
Stefan P. wird einer der ersten AbsolventInnen des neuen Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe sein. Im Lehrgang lernt er, wie er seine Erfahrungen positiv einsetzen kann, um Menschen in Not zu helfen. © Bohmann

Hilfe auf Augenhöhe

Die Wohnungslosenhilfe neunerhaus bildet ehemalige Wohnungslose in einem Lehrgang zu "Peers" aus. Als künftige ExpertInnen sollen sie ihr Wissen weitergeben und damit Obdachlose unterstützen. CLUB WIEN hat sich mit Lehrgangsteilnehmer Stefan P. getroffen.

Im Rahmen des Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe werden (ehemalige) Wohnungs- und Obdachlose zu sogenannten Peers der Wohnungslosenhilfe ausgebildet. Ins Leben gerufen wurde der Lehrgang von der Sozialorganisation neunerhaus gemeinsam mit dem Fonds Soziales Wien (FSW) und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Als Expertinnen und Experten sollen sie später in den interdisziplinären Teams der Wiener Wohnungslosenhilfe mitarbeiten und ihr Wissen einbringen. Ziel des Lehrgangs ist, den Absolventinnen und Absolventen durch eine spezielle Ausbildung und bezahlte Arbeit den Wiedereinstieg in die Gesellschaft zu ermöglichen. Darüber hinaus sollen ausgebildete Peers ihre eigenen Erfahrungen nutzen, um Menschen in ähnlichen Situationen zu unterstützen. Im Herbst schließen 17 Peers den aktuellen Lehrgang ab. CLUB WIEN hat sich mit Stefan P. getroffen. Er gehört zu denen, die im Oktober ihr Peers-Zertifikat in Händen halten werden.  Bei einem Treffen erzählt er uns von seiner Wandlung durch den neu geschaffenen  Bildungsweg.

20 Jahre neunerhaus

Alles begann vor 20 Jahren, als eine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger der Obdachlosigkeit auf Wiens öffentlichen Plätzen nicht länger zusehen wollten und das erste neunerhaus in der Hagenmüllergasse gründeten. Das Ziel: Ein Wohnprojekt für obdach- und wohnungslose Menschen, das die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen in das Betreuungskonzept von Anfang an miteinbezieht. Seither ermöglicht neunerhaus obdachlosen und armutsgefährdeten Menschen ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben mit medizinischer Versorgung, Wohnen und Beratung. Ziel der Sozialorganisation ist, Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, um ihre Lebenssituation nachhaltig zu verbessern. Neben der Wohnungshilfe bei Obdachlosigkeit bietet neunerhaus auch eine umfangreiche medizinische sowie tierärztliche Versorgung an. Im neunerhaus Gesundheitszentrum helfen Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner sowie Zahnärztinnen und -ärzte gemeinsam mit professioneller Sozialarbeit jährlich etwa 5.000 obdachlosen, wohnungslosen und nicht versicherten Patientinnen und Patienten. Zusätzlich gibt es auch noch das neunerhaus Café. Das ist nicht nur ein gemütlicher Grätzltreff, sondern bietet gesundes Essen auf freier Spendenbasis mit – auf Wunsch - niederschwellige Beratung an. Seit Februar 2019 gibt es nun den Zertifikatskurs für ehemals wohnungslose Menschen. Ab Herbst 2019 sollen die Absolventinnen und Absolventen die Institutionen der Wiener Wohnungslosenhilfe um ihr Erfahrungswissen ergänzen und die interdisziplinären Teams erweitern.

Mein Weg zurück

Stefan P. gehört zu den ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmern des neuen Lehrgangs von neunerhaus. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen lernte er in den vergangenen Monaten, wie man seine eigenen Erfahrungen nutzen kann, um anderen Menschen zu helfen. Denn Stefan war selbst obdachlos und kämpfte jahrelang mit einer psychischen Krankheit. Der Weg zurück war kein leichter. Im Gespräch erzählt er CLUB WIEN, wie es ihm im neuen Lehrgang ergangen ist und wie es ihm seither geht.

Was haben Sie vor dem Lehrgang gemacht?
Stefan P.: Kurz zu meiner Lebensgeschichte: Psychische Erkrankungen haben lange mein Leben dominiert. Aufgrund meiner Erkrankungen habe ich letztendlich auch meine Arbeit und meine Wohnung verloren. Die Erfahrung, wohnungslos zu sein, hat mich dann „wachgerüttelt“. Ich ging in Behandlung, versuchte durch verschiedene Beschäftigungsangebote (Jobwärts, LOK Couture) wieder einen geregelten Tagesablauf zu bekommen. Nachdem ich wieder eine geregelte Tagesstruktur hatte, habe ich schnell gemerkt, dass ich mehr will.Ich wollte wieder ein aktives Mitglied der Gesellschaft sein.

Wie sind Sie zum Peer-Kurs gekommen?
Während meiner "Recovery-Zeit" nach der Wohnungslosigkeit habe ich gemerkt, dass mir die Tätigkeiten im Rahmen einer geregelten Tagesstruktur guttun. Ich überlegte, was ich darüber hinaus machen kann. Zuerst hatte ich die Möglichkeit, in einem Archiv zu arbeiten, dies war immer ein Jugendtraum von mir. Dann aber wurde mir klar, dass ich doch mehr mit Menschen arbeiten möchte, auch wenn mir das zu Beginn Sorgen verursachte. Aber ich hatte das Gefühl, dass mich das weiterbringt. Schritt für Schritt habe ich begonnen, ehrenamtlich und auch fest angestellt, in der Klientinnen- und Klienten-Betreuung zu arbeiten. Das war bei LOK (Leben ohne Krankenhaus). Durch meine Tätigkeiten dort bin ich dann auch auf den neuen Kurs von neunerhaus gestoßen, den ich seit Februar dieses Jahres absolviere, um mein Wissen in Theorie und Praxis zu erweitern, und - am allerwichtigsten - meine Erfahrungen an andere weiterzugeben.

Wie geht es Ihnen dabei?
Mir geht es sehr gut. Man lernt sehr viel über sich selbst. Ich merke, wie ich mich kontinuierlich weiterentwickle, der Zertifikatskurs ist ein wesentlicher Teil davon. Darüber hinaus lerne ich die unterschiedlichsten Menschengruppen kennen, sowohl was Klientinnen und Klienten als auch Kolleginnen und Kollegen betrifft. Das ist unheimlich bereichernd.

Wie gefällt Ihnen bisher der Lehrgang? Was sind die Herausforderungen dabei?
Was mir sehr gut gefällt, ist der Austausch mit anderen, zum Beispiel in der Lehrgangs-Lerngruppe:

Wir sind seit Beginn zu dritt in der Lerngruppe, treffen uns regelmäßig und diskutieren über die Kursinhalte. Was auch sehr toll ist, ist, wenn man sieht, wie man in der Praxis, im Umgang mit Klientinnen und Klienten als Peer ankommt: Das ist für mich fast immer ein "Game-Changer". Das Gegenüber fasst Vertrauen, fühlt sich verstanden und aufgehoben. Das ist immer wieder eine schöne und bereichernde Erfahrung. Man kann helfen und man merkt, die Hilfe wird angenommen.

Eine große Herausforderung ist ganz sicher, dass man einen guten Weg finden muss, mit der eigenen Lebensgeschichte umzugehen. Diese sollte man bereits gut verarbeitet haben, da sie ja im Hintergrund bei Ausbildung, Lehre und Praktikum immer irgendwie mitspielt.

Wichtig ist zudem, wie so oft, gute und klare Kommunikation. Als Peer befindet man sich oft zwischen zwei Stühlen: Einerseits ist man Teil des Teams, gleichzeitig soll man aber die Interessen der Klientinnen und Klienten vertreten. Aber wie gesagt, hier hilft reden, reden, reden.

Haben Sie Tipps für zukünftige Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lehrgangs?
Ein gefestigter Umgang mit der eigenen Vergangenheit oder auch Lebenssituation allgemein ist meiner Meinung nach eine wichtige Voraussetzung. Dann ist der Peer-Lehrgang ganz bestimmt eine Bereicherung für einen selbst und auch für andere: Man kann sich selbst neue Perspektiven erarbeiten und gleichzeitig anderen auf ihrem Weg eine Hilfe und auch Stütze sein.

Werden auch Sie ein Peer!

Sie wollen mit Ihrer Lebensgeschichte und Ihren Erfahrungen Menschen in Not helfen? Dann melden Sie sich für den nächsten Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe an. In insgesamt sieben Kursmodulen sowie im Rahmen von Praktika lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihre eigenen Erfahrungen für andere nutzbar zu machen. Außerdem wird Wissen über Wohnungslosenhilfe, Stadt und Gesellschaft sowie praktisches Know-how vermittelt.

Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe

Der Zertifikats-Kurs wurde 2017/2018 gemeinsam mit dem FSW entwickelt und durch eine Projektförderung des FSW finanziert. Die Umsetzung des Kurses im Jahr 2019 wird durch eine Förderung aus den Mitteln "Gemeinsame Gesundheitsziele aus dem Rahmen-Pharmavertrag, eine Kooperation von österreichischer Pharmawirtschaft und Sozialversicherung" ermöglicht. Der Zertifikats-Kurs wird durch neunerhaus durchgeführt und ist als Kursmaßnahme vom AMS Wien anerkannt.