Orientierungslauf ist die perfekte Art, Ausdauersport mit mentaler Fitness zu verbinden. © Bohmann

 

Orientierungslauf - Schnelle Beine und schnelles Köpfchen

Gibt es einen Sport, der gleichzeitig die Beinmuskulatur und das Oberstübchen trainiert? Ja: Orientierungslauf. Dabei gilt es, die schnellst Route zwischen festgelegten Punkten auf einer Strecke zu finden. CLUB WIEN hat in den Sport hineingeschnuppert.

Mit dem Kompass in der einen Hand und einer Karte in der anderen gegen die eigene Planlosigkeit. So könnte man die Grundidee hinter dem Orientierungslauf beschreiben. Dabei ist die Kopfarbeit ebenso wichtig wie die Beinarbeit. Das Ziel ist nämlich, eine Route zwischen vordefinierten Standorten so schnell wie möglich abzuwickeln. Dabei gibt es meist noch mehrere Zwischenstationen, die man besuchen muss.

„Mithilfe einer Spezialkarte und eines Kompasses sind auf der Karte eingezeichnete und in der Natur markierte Standorte zu finden. Eine Orientierungslaufkarte, meist im Maßstab 1: 10.000, zeigt alle Wege, das Gelände mit Höhenlinien mit einer Äquidistanz von 5 m, Wiesen, Kahlschläge, Dickichte zum Umlaufen, Bäche, Sumpfstellen, Steine und Felsabbrüche“, erklärt Wolfgang Pietsch, Bundesfachreferent für Orientierungslauf bei den Naturfreunden Österreich. Die Standorte können alles Mögliche sein, von markanten Bäumen über Senken im Wald bis hin zu Springbrunnen im Park. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Gehirn und Bein im Einklang

„Die Herausforderung liegt darin, den schnellsten Weg zu finden, sich dabei an allen Geländemerkmalen zu orientieren und schließlich den Postenstandort zu finden. Dazu ist ein Gleichgewicht zwischen körperlicher Leistung und Gehirnarbeit des Orientierens zu finden“, sagt Pietsch. Wer also superschnell läuft, dafür aber aufgrund akuter Erschöpfung nicht mehr rechts von links unterscheiden kann, wird beim Orientierungslauf nix reißen. Wer zu viel tüftelt und zu wenig Fersengeld gibt, auch nicht. Der Mix macht die Faszination aus.

Bei Orientierungslauf denkt man natürlich in erster Linie an dichte Wälder, tiefe Berge und einsame Kluften fernab der Zivilisation. Tatsache ist aber, dass man den Sport überall ausüben kann. Egal ob im Wienerwald, in der Wohnhausanlage oder im Park: Orientierungslauf ist überall zu Hause. Außerdem ist der Sport sehr niederschwellig. „Dazu braucht man eine Karte, auf der man sich selbst eine Strecke ‚erfinden‘ kann und einen Kompass. Selbst in Gegenden, wo es keine Orientierungslaufkarte gibt, kann man sich mithilfe der amtlichen Karten orientieren“, so Pietsch.

 

Orientierungslauf geht auch in der Stadt

Die erste Hürde, die wir ausmachen, ist das Kartenlesen. Beim Studium einiger Orientierungslaufkarten machen wir uns schon beinahe einen Knoten in die Denkfabrik. Genau darum empfiehlt der Experte Neulingen: „Kontaktiert einen Verein und lasst euch durch staatlich geprüfte Trainerinnen und Trainer sowie Lehrwarte einführen! Die Wiener Vereine bieten Trainings an für ihre Mitglieder, aber auch für Anfängerinnen und Anfänger.“

Es gibt mehrere Vereine, der größte Verein Österreichs ist die OL-Gruppe der Naturfreunde Wien, weitere große Vereine sind der WAT, OLT Transdanubien und der OLC Wienerwald. Alle freuen sich sehr über Interessierte. Infos finden sich auch beim Österreichischen Fachverband für Orientierungslauf.

Wer meistert die Karte?

Mit einer Karte der Naturfreunde ausgestattet, machen wir uns auf den Weg. Unser Ziel: Sievering. Die malerische Gegend in Döbling ist für den Orientierungslauf wie gemacht. Wie schon angekündigt: Kartenlesen ist kein Zuckerschlecken. Beim Orientierungslauf verwendet man topografische Karten. Darauf sind Geländeformationen wie Hügel, Senken, Felswände, Wiesen, Wälder, aber auch Straßen und Forstwege mit Linien und Farben vermerkt. Der Maßstab ist in der Regel 1:10.000. Unser ungeübtes Auge ist definitiv überfordert. Schon der Startpunkt ist nicht leicht zu finden, darum entschließen wir uns, den Lauf Am Himmel zu starten.

Mithilfe des Kompasses arbeiten wir uns zu den einzelnen Markierungen durch. Die Häuser und Straßen irritieren uns überraschenderweise sehr und sind Hindernisse, die wir umschiffen müssen. Schön langsam verstehen wir auch, warum der Kompass so wichtig ist. Nach zehn bis fünfzehn Minuten erreichen wir einen eingezeichneten Pfad. Dank der Karte wissen wir, dass unser Ziel westlich liegt, und zwar in einer ziemlich geraden Linie. Ohne Kompass hätten wir uns auf dem Weg dorthin garantiert mehrfach verlaufen. Unser Ziel ist eine Wasserrinne, von dort geht’s weiter nach Süden zu einer Mulde.

Die Suche nach der Balance

Der Lauf ist eine echte Gratwanderung. Laufen wir zu schnell, ist die Gefahr groß, die Abbiegepunkte zu verpassen. Um ganz ehrlich zu sein: Bei uns ist das eher ein Orientierungsspaziergang. Im Joggingtempo klappt die Navigation so gut wie gar nicht. Unsere Versuche, den Lauf zu beschleunigen, enden jedes Mal damit, dass wir den Weg verlieren und damit auch die Zeit. „Laufe ich über meine konditionellen Verhältnisse, mache ich mehr Orientierungsfehler, da meine Wahrnehmung der Geländemerkmale abnimmt und der Abgleich zwischen Gelände und Karte fehlerhaft wird. Herausfordernd ist auch, sich jeweils auf ein neues Gelände einzustellen“, sagt Pietsch.

Die Faszination für den Sport ist aber nicht schwer nachzuvollziehen. Uns spricht die Kombination aus physischer und mentaler Herausforderung an, und beim Navigieren packt einen sofort der Ehrgeiz. Findet man sein Ziel, ist das einhergehende Hochgefühl fast wie ein kleiner Rausch. Umgekehrt ist die Frustration hoch, wenn wir durch die Landschaft torkeln wie Maulesel ohne Gleichgewichtsorgan. Die Joggerinnen und Jogger beäugen uns jedenfalls sehr argwöhnisch, wenn wir mit Kompass und ratlosem Gesichtsausdruck am Wegesrand um Orientierung kämpfen. Am Ende schaffen wir es nicht, alle Punkte abzulaufen. Es dauert einfach alles zu lange. Aber wir nehmen uns fest vor: Wir kommen wieder und dann wird triumphiert.

Eines ist bei dem Sport fix: Langweilig wird’s nie. Denn zwei Läufe gleichen einander selten, auch wenn sie im selben Areal stattfinden. „Die Faszination liegt darin, dass ein Orientierungslauf durch die Bahnlegung, so bezeichnet man die Konzeption einer Strecke auf der Karte und im Gelände, jedes Mal anders ist“, sagt Pietsch. Sprich: neue Punkte, neuer Lauf. Und die Variationsmöglichkeiten sind schier endlos.

Fazit: Wir empfehlen den Orientierungslauf allen Ausdauersportenthusiastinnen und -enthusiasten. Sowohl das Laufen als auch das flotte Wandern erhalten eine neue, herausfordernde Komponente, die jede Menge Spaß macht. Wir werden den Sport auf jeden Fall weitertesten, zuerst lernen wir aber, wie man so eine Karte richtig liest.