Direktor Christian Stifter in einem der neun Magazine des Österreichischen Volkshochschularchivs. Der Materialbestand nimmt vier Kilometer ein und wächst beständig. © Bohmann/Andrew Rinkhy

 

Volkshochschularchiv: Kein Morgen ohne Gestern

Das historische Erbe der österreichischen Volkshochschulen ist reichhaltig. Dieses zu bewahren und zu erforschen, ist die Aufgabe des Österreichischen Volkshochschularchivs. CLUB WIEN ist in die umfangreiche Sammlung eingetaucht.

Wer das Österreichische Volkshochschularchiv in seiner Gesamtheit erfassen will, braucht Zeit und eine gute Kondition. Im Keller eines unscheinbaren Gebäudes in der Großfeldsiedlung befindet sich ein Materialbestand von nicht weniger als vier Kilometern in neun Magazinen. Wären diese nicht entsprechend gut gefüllt und teils verwinkelt, könnte man hier bereits für einen kleineren Langstreckenlauf trainieren. "Es gibt hier ein Programmarchiv, also ein Archiv aller veröffentlichten Programme, Flugzettel, Plakate", führt Direktor Christian Stifter aus. "Wir haben Nachlässe und Teilnachlässe im Haus. Außerdem verfügen wir über ein eigenes Fotoarchiv, wovon ein Teil eine Glasdiapositivsammlung ausmacht."

Beginn der Erwachsenenbildung

All das reicht zurück bis zum Beginn der Erwachsenenbildung in Wien vor gut 130 Jahren. Damals wurden mit dem Wiener Volksbildungsverein in Margareten, der Urania in der Inneren Stadt und dem Volksheim Ottakring nach und nach die Vorreiter der heutigen Volkshochschulen gegründet. "Es war der Versuch, Bildung und Sozialreform im Sinne einer Demokratisierung der Gesellschaft voranzubringen", so Stifter. Dabei darf man nicht vergessen, dass zu diesem Zeitpunkt höhere Bildung und allgemeines Wahlrecht noch Zukunftsmusik waren. "Noch vor der Ersten Republik, vor der Demokratie, hat es hier Allianzen gegeben, die es in dieser Form in der Gesellschaft nirgendwo sonst gab. Hochrangige Universitätsprofessoren und Industrieproletariat hatten dieselbe Ansicht: nämlich dass Bildung frei machen kann. Das ist aus heutiger Sicht sehr fortschrittlich."

 

Wie kommt man zu solchen Erkenntnissen? Ganz einfach: Im Österreichischen Volkshochschularchiv wird nicht nur gesammelt, bewahrt, katalogisiert, dokumentiert und archiviert, sondern auch geforscht. So lässt sich zum Beispiel erklären, warum viele große Namen aus Forschung und Kultur, wie Alfred Adler, Arthur Schnitzler und Elias Canetti, an den Volkshochschulen Vorträge hielten. "In den 20er-Jahren haben sich rassistische und antisemitische Tendenzen massiv verstärkt", erläutert Stifter. "Dadurch hatten viele junge Wissenschafter keine Chance auf eine universitäre Karriere. Da war der Vortrag an einer Volkshochschule erstens ein Zubrot und die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Zweitens bestand die Möglichkeit, Tür an Tür zu anderen zum Teil berühmten Fachleuten mit eigenen Ideen und Ansätzen Erfolg zu haben."

Wertvolles Material nicht in alle Winde zerstreuen

Gegründet wurde das Archiv anlässlich der 100-Jahr-Feier der Wiener Volkshochschulen 1987. Für eine Ausstellung und einen begleitenden Bildband sollte möglichst viel anschauliches Material - Zeitungsausschnitte, Bücher, Programme und viel mehr - zusammengetragen werden. "Danach kam man rasch zu dem Entschluss, wertvolles Quellenmaterial, das die bisherige Entwicklung dokumentiert, nicht mehr in alle Winde zerstreuen zu lassen, sondern beisammen zu halten." Der Bestand wächst seitdem beständig, nicht zuletzt wegen des steigenden Bekanntheitsgrads des Hauses, auch in Fachkreisen. "Das freut uns immer ganz besonders, wenn dann historisches Bildmaterial, Einzelstücke, Korrespondenz auftauchen." Für Aufsehen sorgte weltweit auch die Entdeckung eines Briefwechsels zu einem Vortrag, den Albert Einstein 1921 in Wien auf Einladung der Urania hielt.

Zu den Kostbarkeiten des Volkshochschularchivs gehört unter anderem eine Glasdiapositivsammlung. Das Besondere neben ihrem Umfang: 65 bis 70 Prozent des Bestands sind handkoloriert. "Zur besseren Veranschaulichung wurde damals von Künstlerhand auf das ursprünglich schwarz-weiß fotografierte Material Farbe aufgetragen", erklärt Stifter. "Diese Dias wurden dann in entsprechenden Sälen an die Wand projiziert und mit Vorträgen kombiniert." In den damals äußerst beliebten Vorträgen sollten durch die Kombination von Bild und Text komplexe Inhalte leichter verständlich gemacht werden. Besonderes Interesse erzeugten damals Aufnahmen ferner Reiseziele wie Südafrika, England, Manhattan und Skandinavien.

Archiv unter Denkmalschutz

Auch heute werden diese Dias neben anderem Bildmaterial wie etwa speziellen Fotos vom damaligen Österreich gerne und oft nachgefragt. "Wir haben deswegen Landschafts- sowie Kleidungshistorikerinnen und -historiker bei uns gehabt. Aufgrund der hervorragenden Qualität der Aufnahmen kann viel herausgelesen werden, was über den unmittelbaren Verwendungszweck der damaligen Zeit hinausgeht." Das Archiv wird sowohl zu Recherchezwecken für Bachelor-, Master- und Dissertationsarbeiten aufgesucht als auch, um Ausstellungen zu kuratieren. Das Team des Volkshochschularchivs steht dann unterstützend zur Seite. Hilfreich ist auch, dass das Archiv über eine eigene Online-Datenbank verfügt, die einen detaillierten Überblick über den Inhalt der Bibliothek sowie einen umfangreichen Archivplan bietet.

Die Bestände selbst stehen unter Denkmalschutz und sind somit für kommende Generationen gesichert. Das unterstreicht auch Sinn und Zweck des Volkshochschularchivs, das unter dem Motto "Keine Zukunft ohne Vergangenheit" steht. "Wir haben eine Vielfalt an Aktivitäten an den Häusern und in der Planung, Kurse und Vorträge finden zu ganz unterschiedlichen Themen statt", so Christian Stifter. "Was wissen wir darüber in den nächsten 50 Jahren? Wir wollen in der Zukunft ja nicht immer wieder das Rad aufs Neue erfinden müssen, sondern wissen, was wir schon gemacht haben. Wenn es keine Zeugnisse gibt, die darüber Auskunft geben, dann verliert sich die ganze Arbeit irgendwann wie Kondensstreifen am Himmel." Damit das nicht passiert, ist das Engagement des Volkshochschularchivs unerlässlich - und garantiert eine Erfolgsgeschichte, die auch in den nächsten 130 Jahren fortgesetzt werden kann.