In ihrem Rucksack hat Straßensozialarbeiterin Carmen derzeit mehr Essenspakete für obdachlose Menschen mit als sonst. © Obdach Wien

 

Unterwegs mit Obdach Wien

Auch jetzt ist das Team von Obdach Wien für jene auf der Straße und in Tageszentren da, die kein Dach über dem Kopf haben. Unterstützt werden die SozialarbeiterInnen dabei auch von Freiwilligen. CLUB WIEN stellt sie und ihre Arbeit vor.

Schön langsam kehrt wieder so etwas wie Normalität in den Alltag ein. Doch noch vor Kurzem waren Wiens Straßen nahezu menschenleer. Die in Österreich lebenden Menschen waren aufgrund der Corona-Krise dazu angehalten, ihre Wohnungen und Häuser nur im Notfall zu verlassen. Sind weniger Leute auf den Straßen unterwegs, werden allerdings obdachlose Menschen im öffentlichen Raum sichtbarer. Sie wurden von den Verordnungen besonders hart getroffen. Schließlich können jene, die kein Dach über dem Kopf haben, dem Ruf, daheim zu bleiben, nur schwer folgen. Sie konsumieren schlicht weniger Medien.

Verhalten der aktuellen Situation angepasst

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Obdach Wien kümmern sich um sie und sind auch dann zur Stelle, wenn sich sonst alle zu Hause einigeln. "Für viele obdachlose Menschen sind wir Straßensozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter die einzige verlässliche Informations- und Versorgungsquelle", erklärt Straßensozialarbeiterin Carmen. "Wir geben Auskunft über aktuelle Versorgungsangebote wie etwa Plätze in Notquartieren und geltende Hygienevorschriften." Ein Team besteht immer aus zwei Personen, auch in Krisenzeiten. Neben der Art der Informationen hat sich zusätzlich einiges an der Art zu arbeiten geändert. "Um uns alle bestmöglich zu schützen, haben auch wir unser Verhalten der aktuellen Situation angepasst. Wir vermeiden körperlichen Kontakt und halten den Mindestabstand ein. Gleichzeitig ist aber nach wie vor unsere wichtigste Aufgabe, Nähe und Vertrauen herzustellen - trotz des erforderlichen physischen Abstands." Bereichsleiterin Vera Howanietz ergänzt: "Neben Information ist Essen derzeit besonders begehrt, und unsere Teams haben mehr Essenspakete für obdachlose Menschen als sonst im Rucksack mit dabei."

 

Obdachlose Menschen sind ohnehin oftmals besonders gefährdet. "Viele haben Vorerkrankungen, sind vom Leben auf der Straße gesundheitlich geschwächt und zählen zur Risikogruppe. Hinzu kommt, dass sie ja nicht einfach nach Hause gehen können, um sich die Hände zu waschen, sich auszuruhen, Essen zu kochen", so Sozialarbeiterin Carmen. "Da sind wir Straßensozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter gefragt: Wir bringen Essen, mehrsprachiges Informationsmaterial und versuchen, so wie immer schon, die obdachlosen Menschen in Einrichtungen zu begleiten, wo sie andocken, verweilen und vielleicht sogar bleiben können."

Sicherheitsabstand und Händewaschen

Eine dieser Einrichtungen ist das Tageszentrum Obdach Josi bei der U6-Station Josefstädter Straße im achten Bezirk. Sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch Nutzerinnen und Nutzer haben sich auf die neue Situation und die am Anfang noch ungewohnten Verhaltensregeln bereits gut eingestellt. Dazu gehören Sicherheitsabstand und Händewaschen. Die aus Supermärkten und von Pressekonferenzen bekannten Plexiglasscheiben kommen auch hier zum Einsatz. Sie trennen die Theke, von der aus Tee, Kaffee und dergleichen ausgeschenkt werden, vom übrigen Bereich. Der Mindestabstand kann in den Kochbereichen der Tageszentren allerdings nicht eingehalten werden, weshalb die Nutzerinnen und Nutzer nicht wie geewohnt selbst kochen dürfen. Deshalb wird kurzerhand eine fertige warme Mahlzeit angeboten - und auch angenommen.

Freiwillig für andere kochen

Gekocht wird auch von Freiwilligen. Etwa von Max, normalerweise Kraftwerkstechniker und Fußballschiedsrichter, der nun für obdachlose Frauen den Kochlöffel schwingt. "Momentan bin ich in Kurzarbeit. Aufgrund der Pandemie kann ich weder zu Kraftwerken in Bolivien fliegen noch zu Fußballmatches fahren", sagt Max. "Ich habe also mehr Zeit als sonst. Da habe ich mich gefragt, was ich mit der zusätzlichen Zeit anfangen kann. Ich finde, unser Sozialsystem leistet gerade Großartiges, und ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben." Derzeit sind 37 freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Obdach Wien im Einsatz. Bei Max sieht der Freiwilligendienst folgendermaßen aus: "Am frühen Abend gehe ich ins Obdach Favorita Nachtquartier für Frauen, noch bevor die obdachlosen Frauen kommen. Dann verstaue ich Lebensmittelspenden und beginne damit, eine Jause und ein warmes Abendessen für 45 Frauen zu machen. Während ich koche, kommen die Frauen im Nachtquartier an, erholen sich, duschen und so weiter. Manchmal plaudere ich auch mit einigen Frauen."

Dabei gibt es trotz der vielen Arbeit zahlreiche Momente, an die man gerne zurückdenkt. "Freiwillige freuen sich darüber, wenn das gekochte Gulasch oder die mit Liebe herausgebackenen Palatschinken den obdachlosen Menschen schmecken", erläutert Freiwilligenmanagerin Judith Korvas. "Oder wenn sie wissen, dass die von ihnen genähten Stoffmasken wohnungs- und obdachlosen Menschen ermöglichen, zum Eindämmen des Virus beizutragen. Andere Freiwillige freuen sich einfach darüber, ihre 'Zwangspause' durch Corona sinnvoll nützen zu können, Gutes zu tun und etwas zurückzugeben."

Wer selbst bei Obdach Wien freiwillig aktiv werden will, findet hier alle Informationen dazu.