Linguistic Landscapes machen Mehrsprachigkeit sichtbar. Hier der Hinweis zum Eingang eines Geschäfts beim Brunnenmarkt auf Deutsch und Türkisch. © lernraum.wien

Wenn Mehrsprachigkeit sichtbar wird

In Wien werden viele Sprachen gesprochen – und geschrieben. Das Projekt "Linguistic Landscapes" sammelt Fotos von mehrsprachigen Hinweisschildern, Werbeplakaten, Graffiti und Stickern. In einer Wanderausstellung der VHS werden die besten gezeigt.

Deutsch, Türkisch, Serbisch/Bosnisch/Kroatisch, Bulgarisch, Arabisch, Chinesisch, Vietnamesisch und unzählige mehr: In Wien verständigt man sich in vielen Sprachen. Dabei wird nicht nur gesprochen, sondern auch geschrieben. Aushänge in Geschäften und Restaurants, Werbeplakate, Hinweisschilder, Graffiti und Aufkleber sind oft nicht nur auf Deutsch gehalten, sondern mehrsprachig. Um schriftliche Sprache im öffentlichen Raum zu erforschen, hat sich in den letzten Jahren ein junger Wissenschaftszweig etabliert: Linguistic Landscapes, auf Deutsch etwa "Sprachlandschaften". Dabei wird untersucht, wie viele Sprachen es in einem Gebiet gibt, aber auch, welche Bedeutung Mehrsprachigkeit für die Gesellschaft hat. Letztlich wird gezeigt, wer was wo schreiben darf und kann.

Mehrsprachiges Ottakring

In Wien widmet sich seit 2015 das VHS-Institut lernraum.wien mit einem gleichnamigen Projekt besagten Linguistic Landscapes. Leiter des lernraum.wien ist Linguist Thomas Fritz, der auch an der Universität Wien unterrichtet. Mithilfe seiner Studentinnen und Studenten konnte er bisher 6.500 Fotos mit Texten auf Wienerisch, Türkisch, Chinesisch und mehr sammeln und dokumentieren. Mit der Materie in Berührung gekommen ist Thomas Fritz im Urlaub in der Türkei: "Ich habe am Strand von Marmaris ein Buch des belgischen Sprachwissenschafters Jan Blommaert zu dem Thema gelesen und mir gedacht: Das klingt so spannend, das will ich auch machen." Von diesem Projekt konnte er dann die VHS Wien überzeugen.

In Wieden findet man auch auf diversen Schildern Hinweise auf eine kleine Chinatown wie etwa bei diesem Verein für chinesische Literatur. © lernraum.wien

Seinen Anfang in Wien nahm das Projekt schließlich in Ottakring. Bei der Untersuchung verschiedener Aufschriften wurde festgestellt, dass die sprachliche Vielfalt auf dem Brunnenmarkt am größten ist. Für Überraschung sorgte die Forschung in Wieden: Wie sich herausstellte, werden dort nämlich gänzlich andere Sprachen gesprochen als im 16. Bezirk. "Aus den 400 Fotos aus diesem Bereich gibt es zum Beispiel nur ein einziges Foto, auf dem Türkisch zu lesen ist", erklärt Fritz. Ein Riesenunterschied zu Ottakring, wo der Anteil türkischer Beschriftungen bei zehn Prozent liegt.

Chinatown in Wieden

Dafür finden sich in Wieden Spuren einer kleinen Chinatown. "In der Kettenbrückengasse gibt es ein paar Geschäfte und Vereinigungen, die zum Teil nur auf Chinesisch angeschrieben sind", so Thomas Fritz. "Damit ist ganz klar, dass sich das an chinesisch lesende Personen wendet - im Gegensatz etwa zu zweisprachigen Speisekarten." Unter die Lupe genommen wurden außerdem der Viktor-Adler-Markt in Favoriten und der Hannovermarkt in der Bigittenau.

Ausschnitt eines Werbeplakats an einer Imbisstube Ottakring in Urdu, einer vor allem in Pakistan, Indien und Afghanistan verbreiteten Sprache. © lernraum.wien

Anhand der Aufschriften lassen sich auch Veränderungen in der Stadt wahrnehmen. Ein Beispiel der letzten drei Jahre erläutert Fritz anhand eines Fischstands auf dem Brunnenmarkt: "Das Geschäft, das wir eigentlich als türkisch identifiziert hatten, weil es türkische und deutsche Aufschriften gibt, hat jetzt auch zusätzlich ein arabisches Schild. Wir haben mit dem Menschen gesprochen, der den Stand betreibt, und er hat gesagt: Ich bin Syrer. Und ich will, dass auch meine Landsleute wissen, dass es hier guten Fisch gibt." Das war im Gegensatz zu Fritz' erstem Besuch auf dem Brunnenmarkt neu.

Aus "Schnittlauch" wird "Sinitlah"

Ebenfalls auf dem Brunnenmarkt stießen Fritz und sein Team auf ein besonderes Phänomen: auf sogenannte metrolinguale Texte. Hierbei werden mehrere Sprachen vermischt. Bei der schriftlichen Beschreibung eines Produkts können etwa gleichzeitig Deutsch und eine andere Sprache verwendet werden. Fritz' Paradebeispiel ist das Wort "Schnittlauch", das auf einem Schild an einem Marktstand als "Sinitlah" angeschrieben ist. "Nach langer Diskussion sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das eine Mischung aus Deutsch und Türkisch ist. Das 'S' entspricht dem türkischen 'Sch'. Das 'i', das zwischen 'S' und 'n' steht, hat wiederum mit der türkischen Lautstruktur zu tun, nach der zwei Konsonanten nicht aufeinanderfolgen dürfen", so der Linguist. Spricht man das Geschriebene schließlich aus, ergibt das, richtig, "Schnittlauch".

Auf dem Brunnenmarkt trifft man in Wien auf das Phänomen der sogenannten metrolingualen Texte. Rechts unten im Bild der zum "Sinitlah" gewordene Schnittlauch. © lernraum.wien

Funde wie dieser belegen für Thomas Fritz die Allgegenwärtigkeit von Mehrsprachigkeit in Wien: "Viele Menschen in dieser Stadt leben und agieren in mehreren Sprachen. Das ist das Charakteristikum Wiens, das Wien mit anderen großen Städten dieser Welt verbindet. Wir können davon ausgehen, dass in Wien mehr als 200 unterschiedliche Sprachen gesprochen werden."

300 Fotos online

Die von Fritz und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern gesammelten Fotos legen davon ein im wahrsten Sinne des Wortes beredtes Zeugnis ab. 300 der 6.500 Bilder sind nun online auf einer interaktiven Landkarte zu finden. Gut 60 Fotos wiederum werden im Rahmen der Ausstellung "Linguistic Landscapes" gezeigt, die von VHS zu VHS wandert. Bis 29. März ist "Linguistic Landscapes" noch in der VHS Ottakring zu sehen, im April gastiert sie in der VHS Meidling, im Mai in der VHS Mariahilf. Ein Besuch lohnt sich, selbst Ausschau nach mehrsprachigen Aufschriften zu halten, ebenfalls.

"Linguistic Landscapes" in der VHS Ottakring

  • Wann: bis 29. März, Mo bis Do 8 bis 12 Uhr und 14 bis 19.30 Uhr, Fr 9 bis 18 Uhr, Sa, So und Feiertag geschlossen
  • Wo: VHS Ottakring, 16., Ludo-Hartmann-Platz 7
  • Öffis: U-Bahn-Linie U6 bis Thaliastraße, Autobuslinie 48A bis Kirchstetterngasse
  • Weitere Infos unter www.vhs.at

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