Auch tief verschneit ist die Stadtmauer beim Stubentor imposant und faszinierend. Karin Fischer Ausserer ist Leiterin der Stadtarchäologie Wien. Geschichte zum Leben zu erwecken ist ihr Job. © Bohmann/Florian Rainer

Der Vergangenheit auf der Spur

Die Stadtarchäologie Wien erforscht Wiens Historie. Von der Römerzeit bis heute gibt es viele Fundstücke. Gemeinsam mit Leiterin Karin Fischer Ausserer besucht inwien.at ein besonders spannendes Objekt: die Reste der Stadtmauer.

Am Stubentor kommt man der Geschichte ganz nah. Man kann sogar die Hand drauflegen. Die Mauerreste direkt bei und in der U-Bahn-Station sind das am besten erhaltene Überbleibsel von Wiens Stadtmauer. Dabei handelt es sich um die renaissancezeitliche Mauer, von der mittelalterlichen ist heute nichts mehr zu sehen. "Das Mauerwerk, das Sie hier sehen, ist das Original", erklärt Karin Fischer Ausserer, Leiterin der Stadtarchäologie Wien. "Es besteht aus einer aus Ziegeln aufgemauerten Mauerschale und einem Kern in Gussmauerwerkstechnik." Das Material hat einen großen Anteil an hartem Kalkmörtel und Ziegelbruch.

Vom Mittelalter zur Renaissance

Das Fundament des Torbaues beim Stubentor wurde für den Stationsdurchgang durchbrochen. Bei einer Mauerstärke von viereinhalb Metern lässt sich erahnen, dass Wien in der Tat von einem massiven Bollwerk umschlungen war. "Die renaissancezeitliche Stadtmauer wurde nach der ersten Türkenbelagerung 1529 in Angriff genommen und 1857 demoliert", sagt Fischer Ausserer. Nach der Belagerung war klar, dass die mittelalterliche Stadtmauer nicht mehr zeitgemäß war und dementsprechend ersetzt werden musste. "Es galt nun, schwerem Geschütz standzuhalten. Die Lösung dafür war das bastionäre Befestigungssystem, welches aus Italien nach Wien gebracht wurde." Unter Bastion versteht man eine Anlage, die aus einem Festungswall hervorsteht. Das gab den Verteidigern zwei Flanken, von denen aus man Angriffe abwehren konnte. Gleichzeitig waren Bastionen nicht so anfällig für Kanonenbeschuss wie Türme.

Ein starkes Bollwerk

Die Wiener Befestigung war mehr als beachtlich. Zwölf Bastionen gab es, die durch Wälle und Mauern verbunden waren. Die Bastionen konnten sich gegenseitig flankieren und so Angreiferndas Leben schwer machen. Auf allen Bastionen gab es Plattformen, sogenannte Kavaliere, für die Artillerie. Vor der Bastion befanden sich Raveline. Das waren Vorbauten, die vor direktem Beschuss schützten und die Bewegungen der Gegner einschränkten. Davor wiederum lag der Graben - 20 Meter breit und rund acht Meter tief. Die Stadt hatte damals zehn Tore. Die Höhe der Mauer ist nicht so leicht feststellbar. "Aus den unterschiedlichen Grabungen der Stadtarchäologie Wien lässt sich eine durchschnittliche Höhe von bis zu zwölf Metern eruieren", so Fischer Ausserer. Umschlossen war im Wesentlichen der Bereich innerhalb der heutigen Ringstraße.

Geschichtlich wertvolle Mauerreste mitten in der U-Bahn-Station: Das gibt es nur beim Wiener Stubentor. © Bohmann/Florian Rainer

Von den Osmanen bis zu Napoleon

Geprüft wurde das Bollwerk während der zweiten Türkenbelagerung. Die Wiener Stadtmauer rettete die Stadt vor der Eroberung und somit auch ganz Mitteleuropa, indem sie den Vormarsch der Osmanen stoppte. "Wie zahlreiche Pläne und Ansichten jener Zeit dokumentieren, standen vorrangig die Burgbastion und die Löblbastion samt der dazwischen verlaufenden Kurtine und dem Burgravelin im Mittelpunkt des Geschehens. Der Hauptangriff zielte zweifellos auf die Einnahme der kaiserlichen Residenz, der Hofburg, ab", so Fischer Ausserer. Anders verlief die spätere Begegnung mit Napoleon. "Während der Napoleonischen Kriege überließ man Wien im Jahr 1805 kampflos den Franzosen. Auch 1809 wurde die Stadt durch Napoleon besetzt. Noch im selben Jahr ließ er bei seinem Abzug mehrere Bastionen sprengen, darunter auch die Mölkerbastion."

Die Stadtmauer wird zum Relikt

Die Ruinen wurden später saniert, doch 1817 hob Kaiser Franz I. Wien als Festung auf. Die Stadt hatte fortan keine militärische Funktion mehr. Letztlich wurde die Mauer ab 1857 komplett demoliert. Gründe dafür waren unter anderem, dass sie das Wachstum der Stadt behinderte beziehungsweise die Wohnungsnot verschlimmerte und generell dem Aufblühen der modernen Metropole im Weg stand. Neben dem Stubentor finden sich Reste im Palais Coburg. Hier sind Kasematten der Braunbastion erhalten. Kasematten sind ein Gewölbe innerhalb eines Walls. Die Reste im Palais Coburg sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Interessant ist auch die Mölkerbastei. Dort ist nichts im Original zu sehen, das Niveau des damaligen Walles blieb jedoch erhalten. Es ist der einzige Ort in Wien, an dem man die Höhe des Festungszuges nachvollziehen kann.

Die Stadtarchäologie Wien bei Grabungen an einer Bastionsflanke in der Neutorgasse. © Stadtarchäologie Wien

Voller Einsatz für Wiens Geschichte

Die Stadtarchäologie Wien hat primär drei Aufgaben: Grabungen, Wissenschaft und Vermittlung. Eng ist man mit dem Wien Museum verbunden. Die Stadtarchäologie besorgt die archäologische Erforschung, dem Wien Museum obliegt die Fundverwahrung. "Durch die Rettungsgrabungen der Stadtarchäologie Wien auf Baustellen öffnet sich das Fenster in die Vergangenheit der Stadt für einen kurzen Augenblick. Funde und Befunde, die Hinterlassenschaften von Menschen, die im Zuge von 7.000 Jahren in dieser Stadt gelebt haben, kommen zum Vorschein und tragen als echte Quellen Teilchen für Teilchen zur Vollendung des Puzzles der Geschichte Wiens bei", so Fischer Ausserer.

Spannende Ausstellungen und aktuelle Projekte

"Da ich von meiner Ausbildung her 'Klassische Archäologin' bin, fasziniert mich besonders die Römerzeit in Wien. Derzeit gibt es im Sonderausstellungsraum des Römermuseums eine besonders spannende Präsentation zu diesem Thema." Im Rahmen der Errichtung der neuen Unternehmenszentrale der Österreichischen Post AG am Rochusmarktwurden von der Stadtarchäologie Wien im Hofbereich archäologische Untersuchungen durchgeführt. "So konnte der bislang älteste Siedlungsbefund auf Wiener Boden dokumentiert werden." 

Auch zwei aktuelle Publikationen sind für Freundinnen und Freunde der Wiener Geschichte von Interesse. "Von der mittelalterlichen Stadtmauer zur neuzeitlichen Festung Wiens. Historisch-archäologische Auswertung der Grabungen in Wien 1, Wipplingerstraße 33-35, in: Monografien der Stadtarchäologie Wien, Band 9" und "Mauern um Wien. Die Stadtbefestigung von 1529 bis 1857" heißen die beiden Werke. Historische Pläne sind auf der wien.at-Seite übersichtlich dokumentiert.

Geschichten finden und erzählen

Die Arbeit der Stadtarchäologie Wien wird in den nächsten Jahren weiterhin wichtig sein. Unsichtbares soll sichtbar gemacht werden. "Es geht darum, unser aller kulturelle Vergangenheit freizulegen, wieder an den Tag zu bringen - vielleicht, um daraus zu lernen", sagt Fischer Ausserer. Der größte Erfolg ist es, Menschen zu faszinieren und die Vergangenheit zum Leben zu erwecken. "Die Funde aus den archäologischen Ausgrabungen erzählen endlos viele Geschichten. Wir müssen sie nur lesen können, was viel Zeit, Geduld und Fachkenntnisse erfordert. Umso schöner, wenn wir am Ende die damalige Zeit wieder zum Leben erwecken können."

Vorteilspartner CLUB WIEN

Restaurant Five Senses

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten ein Glas Prosecco zu jedem Abend- und Mittagessen

Erfahren Sie mehr 30842

Sigmund Freud Museum

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten ermäßigten Eintritt im Sigmund Freud Museum!

Erfahren Sie mehr 31106

Volkskundemuseum Wien

Mit der CLUB WIEN-Vorteilskarte erhalten Mitglieder 2 Euro Ermäßigung auf den Kartenpreis für Erwachsene.

Erfahren Sie mehr 31122

WERK X

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten ermäßigten Eintritt an beiden Spielorten von WERK X!

Alle Vorteilspartner