Watiq M. schaut sich den Reifen genau an. Dabei spannt er auch die Speichen nach. © Bohmann/Ulrich Sperl

Schrauben in der Fahrradküche

AsylwerberInnen unterstützen beim "wieder wohnen"-Integrationsprojekt "Refugee Bike Kitchen" die WienerInnen beim Reparieren ihrer Fahrräder. Dabei lernen sie die deutsche Sprache.

Watiq M. steht vor einem Zentrierständer mit eingespanntem Rad. Konzentriert spannt er Speiche für Speiche nach. "Das Rad hat einen Achter, außerdem müssen die Kugellager geputzt, eingefettet und wieder montiert werden", meint er und zeigt auf eine Handvoll Stahlkugeln. Watiq ist Asylwerber aus dem Irak. Seit rund eineinhalb Jahren lebt er in Österreich im einstigen Geriatriezentrum am Wienerwald. Hier hilft er in der Fahrradwerkstätte, der sogenannten Refugee Bike Kitchen, mit. "Die Arbeit gefällt mir gut und ich rede hier viel Deutsch, das ist auch gut." Freitags geht er seinem ursprünglichen Beruf Flughafen-Feuerwehrmann nach und ist ehrenamtlich bei der Feuerwehr Floridsdorf im Einsatz.

Video: Refugee Bike Kitchen: Offene Fahrradwerkstatt

Im Geriatriezentrum am Wienerwald reparieren Flüchtlinge gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern Fahrräder. Wir haben uns das vor Ort angesehen. © Stadt Wien/Bohmann Verlag

Mit Fahrrädern mobiler werden

In drei Pavillons versorgt "wieder wohnen", seit 2015 rund 570 Asylwerberinnen und -werber. Stefan Höfer, "wieder wohnen"-Teamleiter im Pavillon X, erklärt, wie es zur Gründung der Refugee Bike Kitchen kam: "Asylwerberinnen und Asylwerber haben keinen Anspruch auf generellen Fahrtkostenersatz. Um die Mobilität der Bewohnerinnen und Bewohner zu erhöhen, haben wir uns um Fahrrad-Spenden bemüht. Wir haben einen Fahrradverleih ins Leben gerufen, bei dem Bewohnerinnen und Bewohner Räder ausborgen können." Rasch kam das Problem auf, dass die Räder immer wieder einmal einen Service benötigen oder repariert werden müssen. Das Team von "wieder wohnen" beschloss, eine Werkstätte einzurichten, in der die Flüchtlinge mitarbeiten können.

In der "Refugee Bike Kitchen" können Wienerinnen und Wiener ihre Fahrräder kostenlos reparieren. Geschulte Asylwerberinnen und Asylwerber unterstützen sie bei Bedarf dabei. © Bohmann/Ulrich Sperl

Wichtige soziale Arbeit

Die Fahrradwerkstätte wurde mit Unterstützung der "WUK Fahrrad.Selbsthilfe.Werkstatt" aufgebaut. Andreas Maier, der die Refugee Bike Kitchen leitet, sagt: "Vom WUK kam wertvolle Unterstützung, etwa bei der Auswahl der Ausstattung und wo was bestellt werden kann. Ich bin Autodidakt und habe auch praktisch sehr viel gelernt." Wichtiger als das Handwerkliche ist Maier allerdings die soziale Komponente des Projekts. "Wir haben hier auch viele depressive oder traumatisierte Menschen, diese sprechen wir aktiv an und beziehen sie mit ein. Es ist schön zu erleben, wie sie sich durch die Arbeit hier in eine positive Richtung entwickeln."

Und "wieder wohnen"-Teamleiter Höfer ergänzt: "Die Asylverfahren dauern sehr lange. In der Fahrradwerkstatt haben die Asylwerberinnen und Asylwerber eine sinnvolle Beschäftigung, außerdem kommen sie mit Österreicherinnen und Österreichern in Kontakt und verbessern dadurch ihre Deutschkenntnisse." Die Flüchtlinge lernen bei dem Projekt aber auch etwas über das Leben in Österreich. Etwa wie ein Fahrrad ausgestattet sein muss, damit es der Straßenverkehrsordnung entspricht oder wie sie sich richtig im Verkehr verhalten. Nach einiger Zeit wurde das Projekt ausgeweitet und die Fahrradwerkstatt auch für Wienerinnen und Wiener geöffnet. Die Flüchtlinge unterstützen sie dabei, ihre Fahrräder in Stand zu setzen. Die Nutzung der Werkstätte und das nötige Werkzeug sind für alle kostenlos. Spendengelder sind  willkommen. Damit wird das Ersatzteillager wieder aufgefüllt. Und auch Unternehmen, die spezielles Werkzeug zur Verfügung stellen, werden derzeit noch gesucht.

Mueied A. bringt ein Fahrrad vom hausinternen Verleih zum Service. © Bohmann/Ulrich Sperl

Ehrenamt überbrückt Wartezeit

Heute Vormittag ist es in der Werkstätte noch relativ ruhig. Neben Watiq ist auch noch Aziz B., ein Asylwerber aus dem Iran, hier fix beschäftigt. Beide Flüchtlinge wurden umfassend eingeschult. Sie sind dabei, die Räder des hauseigenen Verleihs zu warten. Dabei nützen sie eine Checkliste, auf der die einzelnen Punkte abgehakt werden, die ein Fahrrad erfüllen muss, damit es der Straßenverkehrsordnung entspricht. Für Nachschub sorgt Kollege Mueied A., er betreut den hausinternen Verleih und bringt ein Fahrrad zum Service.

Kinder brauchen Hilfe: Ihr Roller hat einen platten Reifen. © Bohmann/Ulrich Sperl

Plötzlich ist Kinderlachen aus dem Vorraum zu hören. Drei etwa Zehnjährige schieben einen Roller herein. Sie zeigen auf den platten Reifen und bitten darum, dass er wieder aufgepumpt wird.

Aziz gefällt an der Arbeit in der Fahrradwerkstätte besonders gut, dass er Menschen helfen und dabei besser Deutsch lernen kann. © Bohmann/Ulrich Sperl

Aziz greift zur Pumpe und rasch ist das Problem behoben. "Das gefällt mir an der Arbeit hier besonders gut, dass man den Menschen helfen kann. Ich bin glücklich, wenn die Kinder wieder fröhlich sind." Aziz wartet auf sein Asylverfahren, die Zeit bis dahin vertreibt er sich mit ehrenamtlichen Jobs. "Ich habe schon bei der Straßenreinigung geholfen, war in einer Küche tätig und in einem Pflegewohnhaus aufgeräumt." Am besten hat ihm die Arbeit im Pflegewohnhaus gefallen, weshalb er in Österreich gerne als Krankenpfleger arbeiten würde. " Alte Menschen brauchen Betreuung und sind oft einsam. Ich würde ihnen gerne helfen", meint er, "auch meine Eltern habe ich immer unterstützt." Die Arbeit in der Fahrradwerkstätte gefällt ihm auch. "Es ist gut, dass ich viel Deutsch reden kann. Ich habe drei Stunden Deutschkurs pro Woche, die Arbeit hier hilft mir, die Sprache rascher zu lernen", meint er.

Fahrradfahren lernen

Die Projekte rund um die "wieder wohnen"-Fahrradwerkstätte werden laufend erweitert. Mittlerweile sind auch Kinder und Frauen eingebunden. Höfer sagt: "Die Kinder können mithelfen, ihre Räder zu reparieren. Und für die Frauen haben wir einen eigenen Werkstatt-Tag eingerichtet. Außerdem haben wir für sie Fahrradkurse organisiert, da wir festgestellt haben, dass viele Frauen nicht Rad fahren können." Außerdem plant der Teamleiter auch, Verkehrserziehungskurse anzubieten.

Für etwas Abwechslung in den drei "wieder wohnen"-Pavillons sorgen außerdem Sportkurse wie Ringen, Fußball und Tanz, die die Sportunion anbietet. Für Kinder bis fünf Jahre gibt es eine Spielgruppe sowie Nachhilfe für schulpflichtige Kinder. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten zudem Deutschkurse und Nähkurse an.

Finanziell unterstützt wird der Betrieb der Pavillons vom Fonds Soziales Wien, aus Mitteln der Stadt Wien. Refugee Bike Kitchen, ehemaliges Geriatriezentrum Am Wienerwald, Pavillon X, 13., Jagdschloßgasse 59, Dienstag und Donnerstag 11 bis 13 und 14 bis 17 Uhr.
Keine Anmeldung nötig

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