Seit rund einem Jahr arbeitet Anita in der Rezeption des magdas. © Michael Mazohl

"Wir sind ein Copy-and-Paste-Hotel"

Das magdas im Wiener Prater ist mehr als ein gut gebuchtes Gästehaus. Anerkannte Flüchtlinge aus 16 Ländern bekommen dort die Chance, den Sprung auf den Arbeitsmarkt zu schaffen.

Am magdas läuft man leicht vorbei. Das weiß auch Gabriele Sonnleitner. "Ja, damit haben wir noch ein bisschen zu kämpfen", sagt sie. "Im Prater darf man aber keine Hinweisschilder aufstellen." Die Gäste finden den Weg trotzdem. Einmal richtig abgebogen, sind es nur rund 100 Schritte von der Prater Hauptallee entfernt. Das Hotel, ein ehemaliges Seniorinnen- und Seniorenheim der Caritas, liegt in einer kleinen Seitengasse. Toplage, wie man in der Tourismusbranche sagt. Ruhig, im Grünen, U-Bahn-Nähe. Von einigen Zimmern aus kann man sogar das Riesenrad sehen. Das mögen Wien-Reisende und dementsprechend gerne wird die Unterkunft gebucht. Was viele nicht wissen: Das magdas ist das einzige Hotel Österreichs, das gemeinsam mit Flüchtlingen betrieben wird. Und das seit bald zwei Jahren.

Gewinn für die Wirtschaft

Die Idee dahinter ist schnell erklärt. "Das Projekt soll zeigen, dass Menschen mit Fluchthintergrund wertvoll für die Wirtschaft sein können", sagt Gabriele Sonnleitner, Geschäftsführerin des magdas.

Video: magdas

"Viele von ihnen bekommen ja kaum die Chance dazu, weil sie einfach keine Arbeit finden." Ein Grund dafür: "Bei Bewerbungen wird halt immer zuerst auf das geschaut, was sie nicht können. Die Sprache zum Beispiel. Oder unsere Umgangsformen. Dabei übersieht man dann oft, was sie mitbringen und wie motiviert sie sind. Da ist ein Riesenpotenzial, das nur genutzt werden muss."

88 Zimmer gibt es im magdas. Rund 70 Prozent davon haben einen eigenen Balkon, vier sind rollstuhlgerecht. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Offenheit zählt mehr als Perfektion

Genau hier setzt das magdas an. "Bei uns ist es wichtiger, offen und engagiert zu sein, als perfekt Deutsch zu können und einen Abschluss zu haben", versichert Sonnleitner. Damit der Betrieb dennoch funktioniert, stehen den 20 anerkannten Flüchtlingen zehn Hotellerie-Profis zur Seite. Diese Besonderheit des Hauses wird auf Buchungsportalen allerdings nicht extra hervorgehoben. Mit Absicht. "Das Team soll so normal wie in jedem anderen Hotel arbeiten können." So mancher Gast erfährt daher erst beim Einchecken, dass im Haus 20 Sprachen gesprochen werden und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 16 Ländern kommen.

Verwirrender Dialekt


Eine von ihnen ist Anita. Die junge Syrerin sitzt in der Rezeption und lebt seit etwas mehr als zwei Jahren in Österreich. 

Zwanzig anerkannte Flüchtlinge aus 16 Ländern und zehn Profis aus der Hotellerie kümmern sich um die Gäste. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Sie spricht Arabisch, Armenisch und Englisch. Auch mit dem Deutsch klappt es schon ganz gut. "Schwierig wird es erst, wenn Dialekt gesprochen wird", erzählt sie und erinnert sich amüsiert an ihre ersten Gäste aus Tirol. "Ich habe nichts verstanden. Nicht einmal die Zimmernummer. Ich dachte immer nur, was um alles in der Welt ist das für eine Sprache."

Schreiben ist komplizierter

Probleme gab es dennoch nicht. Im Haus kann man sich aufeinander verlassen. Die erfahreneren Kolleginnen und Kollegen helfen gerne weiter. Vor allem wenn es um schriftliche Anfragen und Buchungen geht. "Da bin ich mir nicht immer sicher, ob alles korrekt formuliert und geschrieben ist", sagt sie und wendet sich einer älteren Dame zu. Die muss zu einem Termin am Karlsplatz und hätte dafür gerne ein Taxi vorbestellt. Anita erklärt in flüssigem Englisch, dass sie mit der U1 vom nahe gelegenen Praterstern nur wenige Minuten dorthin brauchen würde. Sie holt einen Stadtplan hervor und zeichnet den Weg ein. Es folgt ein freundliches Gespräch, an dessen Ende doch ein Taxi gerufen wird. Weil die Engländerin den ersten Tag in Wien ist und befürchtet, sich zu verlaufen. Für die ausführliche Auskunft bedankt sie sich aber herzlich.

Nur keine Routine


"Genau das gefällt mir an meiner Arbeit", sagt Anita hinterher. "Jeden Tag neue Leute, andere Kulturen und andere Sprachen kennenlernen. Da gibt es keine Routine. Man muss versuchen, jeder Situation gewachsen zu sein. Ein reiner Bürojob wäre nichts für mich."

Geschäftsführerin Gabriele Sonnleitner ist mit der Bilanz nach rund zwei Jahren Betrieb zufrieden. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Seit rund einem Jahr ist die 22-Jährige nun schon im magdas. Vermittelt wurde sie vom AMS Wien. Die Arbeit an der Rezeption war etwas Vertrautes. In Syrien konnte sie in namhaften Häusern wie dem Four Seasons Erfahrungen sammeln.

Intensivkurs in Deutsch

Dann kam der Krieg und alles veränderte sich. Unterkriegen ließ sie sich dennoch nicht. Kaum in Österreich angekommen, drückte sie fünf Mal pro Woche die Schulbank und fand schließlich einen Job und eine Wohnung. Mit dem magdas kehrte wieder mehr Ruhe ein. "Jetzt kann ich wieder langfristiger planen und mein Leben neu aufbauen", ist sie überzeugt. Dazu gehört, beruflich voranzukommen. Das magdas bietet auch dazu die Möglichkeit.

Bestmögliches Training

"Man kann bei uns sowohl eine Lehr- als auch eine Arbeitsstelle finden", erklärt Gabriele Sonnleitner. "Viele können sich ja eine Ausbildung nicht leisten, weil sie Familie haben, schon älter sind oder schlichtweg Geld verdienen müssen. Auch denen bieten wir das bestmögliche Training an. Im Dienstzeugnis steht dann genau aufgelistet, was sie bei uns gelernt haben. Damit sie auch in anderen Hotels Chancen haben. 

Die Hotel-MitarbeiterInnen sind durchschnittlich 36 Jahre alt. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Wir schulen aber auch für die Führungsebene. Das heißt, bei uns bekommen Menschen mit Fluchthintergrund die Chance, in die Managementebene aufzusteigen. Bei unserem stellvertretenden Rezeptionsleiter war das zum Beispiel so. Auch unsere Hausdame hat hier das erste Mal eine leitende Funktion übernommen. Kein Wunder also, dass die Plätze im magdas begehrt sind. Formale Kriterien für eine Aufnahme in das internationale Team gibt es nur wenige. "Man braucht nur so viel Deutsch können, dass man sich verständigen kann. Wir müssen das Gefühl haben, dass Anweisungen verstanden werden und die Bereitschaft da ist, dazuzulernen." Erfahrungen in der Hotellerie sind von Vorteil, aber keine Voraussetzung. 

Späte Einsicht


Manchmal stellt sich allerdings erst später heraus, dass der Job nicht der richtige ist. Das zeigt die Bilanz nach fast zwei Jahren Betrieb. 

Das ehemalige SeniorInnen-Heim der Caritas wurde um 1,5 Millionen Euro neun Monate lang umgebaut. © Bohmann/Andrew Rinkhy

"Am Anfang hatten wir einen häufigeren Wechsel", bestätigt Sonnleitner. "Wenn man länger arbeitslos war, will man ja unbedingt wieder etwas tun. Dann kommt man aber drauf, dass die Arbeit in einem Hotel doch zu stressig ist. Oder dass einem der ständige Umgang mit verschiedenen Menschen doch nicht liegt. Wer hier arbeitet, muss das auch gut machen. Kriegt das jemand nicht hin, müssen wir uns trennen. Das war am Anfang auch ein wichtiger Lernprozess für uns."

Nachfrage aus anderen Ländern


Jetzt ist alles eingespielt und das Unternehmen läuft. Das findet europaweit Anerkennung. Viele Länder fragen nach dem Rezept, wie so etwas funktioniert. Sonnleitner freut das. "Ich sage mittlerweile, wir sind ein Copy-and-Paste-Hotel. Schaut es euch an, übernehmt das Beste und kopiert es. Es wird eure Stadt bereichern." 

Das Hotel bietet seinen Gästen günstige Übernachtungen in zentraler Lage ab 67 Euro pro Zimmer. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Auch die heimische Branche reagiert positiv auf den Zuwachs. "Wir sind so etwas wie die Antwort auf den Arbeitskräftemangel in der Hotellerie", sagt Sonnleitner. "Die hat ja auch was Internationales und passt daher gut zusammen mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern, die Arbeit suchen und voll motiviert sind. Unser Konzept geht somit auf." Vieles von dem, was geplant war, wurde in den beiden vergangenen Jahren umgesetzt.

Was blieb von der Ursprungsidee?


"Wir sind aber draufgekommen, was alles zusätzlich funktionieren könnte", zieht Sonnleitner Bilanz. Der Salon im Erdgeschoß zum Beispiel. Da kann man Kaffee trinken und eine Kleinigkeit essen, auch wenn man nicht Gast im Hotel ist. "Das hat sich allerdings noch nicht so herumgesprochen." Um Pratergäste stärker zu einem Besuch zu motivieren, wird gerade an einem Kulturprogramm getüftelt. Ausgeweitet wurden auch die Räumlichkeiten für Seminare. "Aufgrund unserer Lage im Grünen häufen sich die Nachfragen von Firmen." Auch sonst sind einige Nachrüstungen geplant. Was aber bei jeder Entscheidung abgewogen werden muss: "Wir sind ein Social Business. Wirtschaft und Soziales müssen also immer in Einklang gebracht werden. Das ist extrem herausfordernd, aber auch extrem sinngebend", so Sonnleitner.

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