Vorher und nachher: Der gesamte sich im Wiener Stadtgebiet befindende Liesingbach wird ein naturnah gestalteter, hochwassersicherer, ökologisch aufgewerteter Bach. Links ein Archivfoto, rechts eine Computeranimation © MA 45

 

Grün, grüner, Liesingbach

Mehr Hochwassersicherheit, bessere Gewässerqualität und Grünbereiche, die für Tiere und Pflanzen genauso wie für AnrainerInnen attraktiv sind: All das ist auf einer Hälfte des Liesingbachs bereits Realität. Nun wird die zweite Hälfte in Angriff genommen.

Mit 30 Kilometern ist der Liesingbach der längste unter den Wienerwaldbächen. Von Westen nach Osten durchfließt er das Wiener Stadtgebiet in den Bezirken Liesing und Favoriten auf einer Länge von 18,4 Kilometern. Stufenweise wurde in den Jahren 1997 bis 2016 bereits die Hälfte der Liesing, wie der Bach gemeinhin genannt wird, von der Stadt renaturiert. Unter "Renaturierung" versteht man die Wiederherstellung von naturnahen Lebensräumen aus kultivierten, genutzten Bodenoberflächen. Auch der Hochwasserschutz des Liesingbachs wird auf den neuesten Stand der Technik gebracht und verbessert.

Nun nimmt die Stadt Wien die andere Hälfte in Angriff. Konkret handelt es sich um den 9,2 Kilometer langen Abschnitt zwischen Kaiser-Franz-Josef-Straße und Großmarktstraße im 23. Wiener Gemeindebezirk. Verantwortlich für die Bauarbeiten zeichnen dabei sowohl Wiener Gewässer als auch Wien Kanal. An der Liesing soll den Wienerinnen und Wienern Natur zurückgegeben werden: Neue Bäume sollen gepflanzt und die Uferbereiche ansprechender werden. "Für die Anrainerinnen und Anrainer schaffen wir attraktive Grünbereiche am Wasser. Das Großprojekt an der Liesing ist ein aktiver Beitrag am Weg zur Klimamusterstadt Wien", so Umweltstadträtin Ulli Sima anlässlich des Baubeginns Anfang Oktober. Bis Ende 2027 wird das Projekt stufenweise in insgesamt sechs sogenannten Bauteilen abgewickelt. Die Bauarbeiten sollen möglichst umwelt- und klimaschonend durchgeführt werden. Dabei soll auf den Erhalt des Baumbestands besonderes Augenmerk gelegt werden.

Zuwachs an Lebensqualität

Nach Fertigstellung des Jahrhundertprojekts wird der gesamte Bach ein naturnah gestaltetes, hochwassersicheres, ökologisch aufgewertetes Gewässer sein. Indem Grünräume entlang der Liesing geschaffen und vergrößert werden, soll diese an die klimatischen und wachstumsbedingten Veränderungen der Stadt angepasst werden. Denn für die Anrainerinnen und Anrainer bedeutet das Vorhaben einen Zugewinn an wertvollem neuen Grünraum am Wasser. Die neu gepflanzten Bäume werden Schatten spenden, Tiere werden sich ansiedeln. Die neu gestalteten Uferbereiche sorgen für einen enormen Zuwachs an Lebensqualität. So sollen auch Spaziergängerinnen und Spaziergänger, Läuferinnen und Läufer sowie Radfahrerinnen und Radfahrer ein neues Naherholungsgebiet vorfinden.

Hand in Hand mit dem Flussbau wird am Ufer-Kanalsystem gearbeitet. Um die Wasserqualität zu steigern, errichtet Wien Kanal einen zusätzlichen Rohrkanal im Bachbett. So werden Verunreinigungen aus dem bestehenden Regenwassersystem vom Bach ferngehalten. Wird bei Regen Wasser von den umliegenden Verkehrsflächen angespült, gelangt es über den neuen Kanal direkt in die Hauptkläranlage nach Simmering. Außerdem werden durch die Zusammenarbeit bei Planung und Bau Kosten und Ressourcen gespart.

Speicherbecken so groß wie Wiener Konzerthaus

Durch die klimatischen Veränderungen kommt es immer öfter zu sogenannten Starkregenereignissen. Um dem entgegenzuwirken, setzt die Stadt Wien neben einer intelligenten Kanalnetzsteuerung auf riesige unterirdische Speicherbecken. In Inzersdorf im 23. Bezirk wird nach Simmering und Favoriten nun das dritte Bauwerk dieser Art fertiggestellt. Unmittelbar neben der Triester Straße, im Autobahnknoten Inzersdorf, entlastet es dabei nicht nur den Liesingbach, sondern schützt auch Anrainerinnen und Anrainer vor Überflutungen. Der Speicher selbst ist bereits unter einer mächtigen Erdschicht verschwunden, an der Oberfläche entsteht demnächst eine Streuobstwiese.

Die Maße des neuen Speicherbeckens von Wien Kanal sind beindruckend: sechs Meter tief, eine Grundfläche so groß wie das Wiener Konzerthaus, ein Fassungsvermögen von zehn Millionen Liter Regenwasser. Das Bauwerk soll vor allem gegen das durch den Klimawandel auftretende Phänomen von "Rain-Bombs" schützen. Darunter versteht man lokal begrenzte, plötzlich auftretende Starkregenereignisse, die die Kanalisation überlasten. Das Einzugsgebiet des Speicherbeckens ist dabei 462 Fußballfelder groß und liegt in den Bezirksteilen Altmannsdorf und Hetzendorf. Von dort wird das Wasser in einem Rohr mit 1,8 Metern Durchmesser unter den Gleisen der Badner Bahn und den acht Spuren der Triester Straße, der B17, in das Becken geleitet.

Aufnahme von 15.000 Litern pro Sekunde

Kommt es zu einem Unwetter, können die Regenmassen im neuen Becken fast vollständig zwischengespeichert werden. Der Speicher kann bis zu 15.000 Liter Wasser pro Sekunde aufnehmen, das entspricht dem Inhalt eines Tankwagens. Klingt der Regen ab, wird das Wasser mittels Kanalnetzsteuerung, einem elektronischen Abwasser-Steuersystem, kontrolliert zur Hauptkläranlage Simmering zur Reinigung abgeleitet. Für die Entleerung des Beckens wurden rund acht Stunden veranschlagt, um es für das nächste Regenereignis vorzubereiten.

Die renaturierte Liesing wird sich nicht nur bei den Anrainerinnen und Anrainern großer Beliebtheit erfreuen, sondern sich bestimmt auch zum beliebten Ausflugsziel mausern. Und gleichzeitig sorgt das neue Abwassersystem für saubereres Wasser im Bach. In seiner Ambition, aber auch in der Durchführung wohl tatsächlich ein Jahrhundertprojekt.