Im Zuge des Projekts "3 Weeks - 3 Walls" wurden 3 Kunstwerke an 3 Wochenenden an 3 Wände in einer Gemeindebausiedlung gesprayt. © Jenny Fetz

Wo Wiens Wände leuchten

Unter dem Motto "3 Weeks - 3 Walls" wurden an drei Wochenenden in der Per-Albin-Hansson-Siedlung drei Hausmauern neu gestaltet. GraffitikünstlerInnen der Levin Statzer Foundation verwandelten den Gemeindebau in einen Ort des kreativen Schaffens.

Drei Graffitis, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zieren seit Juni 2018 die Per-Albin-Hansson-Siedlung im 10. Bezirk. Das Projekt wurde von der Levin Statzer Foundation in Zusammenarbeit mit internationalen sowie nationalen Künstlerinnen und Künstlern verwirklicht. Kunst im Gemeindebau hat eine lange Tradition. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts förderte die Stadt Wien Künstlerinnen und Künstler bei Kunstprojekten in Gemeindebauten. Wie kam es zum Projekt "3 Weeks - 3 Walls" und welche Intention steckt dahinter? CLUB WIEN hat sich mit dem Graffitikünstler Stefan Wogrin getroffen und sich mit ihm über das Kunstprojekt und Kunst im Gemeindebau unterhalten.

Stefan Wogrin ist Kunsthistoriker, Graffitikünstler und Mitglied im Vorstand der Levin Statzer Foundation. Seit 2001 betreibt er das österreichische Graffiti-Dokumentationsarchiv spraycity.at.

CLUB WIEN: Wie kam es zu dem Projekt "3 Weeks - 3 Walls"?
Stefan Wogrin: Der Kunstverein Levin Statzer Foundation veranstaltet ein Mal im Jahr im Gedenken an den im Jahr 2005 verstorbenen Graffitikünstler Levin Statzer die große Graffitijam bei der Nordbrücke. Bei dieser Veranstaltung werden die Wienerwand-Flächen unter der Nordbrücke von lokalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern neu gestaltet. Im Rahmen des Projekts Wienerwand bietet die Stadt Wien legale Flächen zum Sprayen an. Im letzten Jahr konnte die Levin Statzer Foundation eine SHIFT/Basis.Kultur.Wien-Förderung gewinnen. SHIFT/Basis.Kultur ist ein Programm der Stadt Wien zur Förderung innovativer Kunst und Kultur. Mit dieser Förderung war es uns möglich, ein noch größeres Projekt zu verwirklichen. Die Idee war, drei Wände an drei Wochenenden zu bemalen, die dann auch über einen längeren Zeitraum so bleiben. Während die Werke der Levin Jam an den Wienerwand-Flächen nur temporär zu sehen sind, bleiben jene von "3 Weeks - 3 Walls" hoffentlich noch lange an den Wänden der Siedlung.

Im Vordergrund stand das großformatige Arbeiten. Hierbei eignen sich Feuermauern als optimaler Bildträger. Bei dem Projekt war uns vor allem wichtig, den Künstlerinnen und Künstlern eine gut sichtbare Bühne zu bieten und sie dadurch zu fördern. Am Projekt beteiligt waren sowohl lokale als auch internationale Artists. Ein wichtiges Ziel war auch, eine Mischung aus Street Art und klassischem Graffiti zu schaffen.

Die Kunstwerke wurden in Zusammenarbeit mit der Levin Statzer Foundation und lokalen wie internationalen KünstlerInnen umgesetzt. © Levin Statzer Foundation © Levin Statzer Foundation
Die Katze ist das größte der drei Kunstwerken und ziert ein mehrstöckiges Hochhaus. © Jenny Fetz © Jenny Fetz

Welche Intention steckt dahinter?

Als wir das Projekt einreichten, war Wiener Wohnen sehr erfreut darüber. "3 Weeks - 3 Walls" knüpft indirekt an Kunst-Aktionen in Gemeindebauten in der Vergangenheit an, jedoch in einem zeitgenössischen Kontext. Graffiti und Street Art sind meiner Meinung nach heutzutage die sichtbarste Form von Kunst im öffentlichen Raum, die es auch an Gemeindebaufassaden zu sehen geben sollte. Durch die Gestaltung der Gemeindebauten können nun einige der sonst nur kurzlebigen Werke über einen längeren Zeitraum erhalten werden.

Ein weiteres Ziel war die Grätzelbelebung rund um die Gemeindebauten. Interessierte Bewohnerinnen und Bewohner bekamen im Rahmen von Vorträgen die Möglichkeit, sich über die Geschichte von Graffiti in Wien sowie weitere wissenschaftliche Zugänge zur Thematik zu informieren. Außerdem wurde ein Graffiti-Workshop angeboten, bei dem einige Jugendliche selbst zur Spraydose greifen und erste Erfahrungen mit der Graffitikunst machen konnten.

Welche Künstlerinnen und Künstler waren am Projekt beteiligt?

  • Alphabet: Junek (Deutschland), Skero (Österreich), Moron (Niederlande), Cane (Österreich)
  • Katz: Lunar (Kroatien), Smack (Kroatien), Ruin (Österreich)
  • Blätter Mann: Daan Botlek (Niederlande)
Das fertige Kunstwerk strahlt den BewohnerInnen in der Ada-Christen-Gasse 17 entgegen. © Levin Statzer Foundation © Levin Statzer Foundation
Ein Kran half den KünstlerInnen dabei die Wände zu bemalen. © Levin Statzer Foundation © Levin Statzer Foundation
Langsam sind die Buchstaben erkennbar. © Levin Statzer Foundation © Levin Statzer Foundation

Was sagen die einzelnen Kunstwerke aus?

Unsere Wand zeigt zum Beispiel ein großformatiges Alphabet im Graffitistil. Graffitiwerke sind für die Allgemeinheit ohne Fachwissen oft nur schwer zu entziffern. Wir wollten dem entgegenwirken, indem wir mit unserer Alphabet-Darstellung eine Art Lesehilfe für Graffitiwerke geschaffen haben. Vielleicht können einige Betrachterinnen und Betrachter durch unser Alphabet in Zukunft auch andere Graffitiwerke leichter dechiffrieren. Viele Passantinnen und Passanten konnten die Buchstaben auf Anhieb sehr gut erkennen.

Kunst im Gemeindebau hat eine lange Tradition. Viele Wände sind bereits seit dem 20. Jahrhundert mit Kunstwerken versehen. Was halten Sie von Kunst im Gemeindebau?

Für mich hat Kunst im öffentlichen Raum, insbesondere an Gemeindebauten, einen sehr wichtigen Mehrwert. Meiner Meinung nach muss Kunst nicht immer in einem musealen Kontext gezeigt werden. Es scheint mir oft wertvoller, jene Betrachterinnen oder Betrachter zu erreichen, für die ein Museums- oder Galeriebesuch nicht alltäglich ist. Die Gemeindebau-Bewohnerinnen und -bewohner bekommen Kunst quasi direkt vor die Wohnungstür geliefert, wodurch auch der Zugang zur Kunst gefördert wird. Durch verschiedene Kunstwerke entsteht nicht nur ein einzigartiges Erscheinungsbild eines Gemeindebaus, die Bewohnerinnen und Bewohner identifizieren sich auch längerfristig mit den Werken in ihrem Bau.

Finden Sie, dass man mehr Kunst(-projekte) in die Gemeindebauten integrieren sollte?

Meiner Meinung nach kann es natürlich nie genug Kunstwerke oder Projekte in Gemeindebauten geben. Die Stadt Wien hat dies schon sehr früh erkannt und fördert diese Form von Kunst, wie es kaum eine andere Stadt macht. Mittlerweile ist die Kunst schon sehr im Gemeindebau verankert und nicht mehr wegzudenken.

Wie war die Projektarbeit im Gemeindebau?

Als Graffitikünstler ist es immer spannend, an Orten arbeiten zu dürfen, die für einen nicht alltäglich sind. Graffiti im Gemeindebau gibt es in Wien noch eher selten. Vor allem war mir der Austausch mit den Bewohnerinnen und Bewohnern wichtig. Schließlich hinterlassen wir ein Kunstwerk in "ihrem Bau", das die Bewohnerinnen und Bewohner jeden Tag zu Gesicht bekommen. Ich denke aber, dass sich der Großteil der Bewohnerinnen und Bewohner sehr über die Gestaltung der Fassaden gefreut hat.

Was haben die Bewohnerinnen und Bewohner zu den Graffitikunstwerken gesagt?

Das Feedback der Bewohnerinnen und Bewohner war sehr positiv. Viele haben sich bei uns bedankt, dass wir ihre graue Fassade verschönern. Jene aus umliegenden Gemeindebauten haben uns auch direkt gefragt, ob wir nicht deren Fassade auch gleich gestalten könnten. Natürlich gab es auch die eine oder andere Skeptikerin beziehungsweise den einen oder anderen Skeptiker. Nicht jedes Kunstwerk muss jeder oder jedem gefallen, Kunst soll auch dazu da sein, sich auszutauschen und unterschiedliche Positionen zu diskutieren.