Im Zuge des Projekts "3 Weeks – 3 Walls" wurden drei Wände mit überdimensionalen Graffitikunstwerken bemalt. © Jennifer Fetz

Aus Grau mach Bunt

Kunst im Gemeindebau hat eine lange Tradition. Sie verschönert nicht nur die Fassaden, sondern baut Brücken zwischen unterschiedlichen Generationen und Einstellungen. So auch im 10. Bezirk, wo drei Gemeindebauwände mit Graffitis versehen wurden.

Grau in Grau: Über ein Viertel der Wiener Bevölkerung lebt in Gemeindebauten. Allzu oft verbindet man mit diesen triste und graue Betonblöcke. Doch was viele nicht wissen: Die Wiener Gemeindebauten sind ein großes Freiluftmuseum. Bereits die ersten Wohnanlagen wurden mit Kunst aus aller Welt bestückt. Skulpturen und Brunnen namhafter Künstlerinnen und Künstler zieren Innenhöfe und an den Wänden finden sich bunte Mosaike und Reliefs. Wer genau hinschaut, kann auf nahezu allen Gemeindebauten meist hoch über der Betrachterin oder dem Betrachter Mosaike und Fresken mit Szenen aus dem Arbeitsalltag vergangener Zeiten, Tiere oder abstrakte Formenkonstruktionen erkennen. Auch heute noch werden gerne Projekte umgesetzt, um Kunst zu vermitteln und ein wenig Farbe ins Leben zu bringen. So auch in Favoriten. In der Per-Albin-Hansson-Siedlung wurden im Zuge des Projekts "3 Weeks - 3 Walls" drei Wände von unterschiedlichen Graffitikünstlerinnen und -künstlern bemalt. Und gefällt's? CLUB WIEN war vor Ort und hat sich gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern die Kunstwerke angeschaut und mit ihnen über Kunst im Gemeindebau gesprochen. 

Wie alles begann …

In Wien lebten im Jahr 1900 über zwei Millionen Menschen. Aufgrund der vielen Zuwanderinnen und Zuwanderer aus den Kronländern stieg die Bevölkerungsszahl in der Monarchie drastisch an, was zu einem akuten Wohnungsmangel führte. 300.000 Wienerinnen und Wiener hatten 1900 keine Wohnung. Die wenigen Menschen, die in winzigen Wohnungen lebten, teilten ihren knappen Wohnraum, um Geld zu sparen. Die Wohnsituation in Wien war eine der schlechtesten in ganz Europa. Aufgrund dessen forderten die Sozialdemokraten, dass kommunale Mietwohnungen gebaut werden. Ihr Vorhaben scheiterte am Widerstand der christlich-sozialen Stadtregierung. Einige Jahre später, unter der Regierung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, startete ein Projekt zur Verbesserung der Lebensumstände für Arbeiterinnen und Arbeiter. Die ersten Gemeindebauwohnungen wurden gebaut. In dieser Zeit entstanden rund 65.000 Gemeindewohnungen, zumeist in großen Wohnanlagen.

Der Gemeindebau war die Antwort auf die Wohnungsnot und steht heute für leistbare und gute Lebensqualität.

Der Gemeindebau als Freilichtmuseum

Das Einbeziehen von Künstlerinnen und Künstlern beim Bau von Gemeindebauten wurde von der Hauptstadt immer schon als eine gesellschaftspolitische Verpflichtung angesehen. Bereits in der Zwischenkriegszeit hat man in Wien damit begonnen, Kunst auf Hauswände zu bringen. Man wollte, dass die Bewohnerinnen und Bewohner Kunst und Kultur nicht nur in Ausstellungsbetrieben erleben können, sondern auch in ihrem Zuhause. Die Außenwohnflächen sollten der Kunstvermittlung dienen. Doch nicht nur die Betrachterinnen und Betrachter profitierten von den Kunstwerken, viele österreichische Malerinnen und Maler sowie Bildhauerinnen und Bildhauer starteten ihre Karriere mit Werken für die Gemeindebauten wie Hans Staudacher, Alfred Hrdlicka oder Fritz Wotruba.

Im Zentrum des künstlerischen Schaffens stand der Gemeindebau als Gesamtkunstwerk. So arbeiteten viele Architektinnen und Architekten sowie Künstlerinnen und Künstler eng zusammen. Aus dieser Zusammenarbeit entstanden Fassaden-Sgraffitis, Skulpturen, Malerei, Keramiken und Fassadengestaltungen. Zahlreiche Denkmäler, Büsten sowie künstlerisch gestaltete Brunnen waren und sind noch immer in vielen Höfen der Gemeindebauten zu finden. Ziel war, den Menschen zeitgenössische Kunst näherzubringen. Um dies zu ermöglichen, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg sogar ein kleiner Prozentanteil der Bausummen der Gemeindebauten von der Stadt Wien für Kunstprojekte reserviert. In dieser Zeit entstanden jene Kunstwerke, die am häufigsten in Gemeindebauten zu sehen sind: Mosaike und Reliefs von Menschen in alltäglichen Situationen, Tiere, Szenarien zur Geschichte Wiens oder abstrakte Objekte. Seit den Achtzigerjahren setzt die Stadt Wien ihren Fokus verstärkt auf Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Der Gemeindebau fungiert heute als Theaterbühne, Ausstellungsraum, Lesesaal, Museum, Kino - als Ort für vielfältiges künstlerisches Schaffen.

Kunst, die auffallen und wirken will

In Zusammenarbeit mit der Stadt Wien, KÖR (Kunst im öffentlichen Raum Wien), wohnpartner, Wiener Wohnen, Künstlerkollektiven und kreativen Bewohnerinnen und Bewohnern werden Kunst- und Kulturprojekte in den Wiener Gemeindebauten umgesetzt. Doch wer heute gesehen werden will, muss auffallen.

Auffallen, das können die drei Graffitis, die im Zuge der Veranstaltung "3 Weeks - 3 Walls" an den Wänden der Per-Albin-Hansson-Siedlung gestaltet worden sind. Umgesetzt wurde das Projekt von der Levin Statzer Foundation in Zusammenarbeit mit internationalen sowie nationalen Graffitikünstlerinnen und -künstlern.

Der Kunstverein Levin Statzer Foundation veranstaltet ein Mal im Jahr in Gedenken an den im Jahr 2005 verstorbenen Graffitikünstler Levin Statzer bei der Nordbrücke eine große Graffitijam. Bei dieser Veranstaltung werden die Wienerwand-Flächen unter der Nordbrücke komplett von lokalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern neu gestaltet. Im Rahmen des Projekts Wienerwand bietet die Stadt Wien Künstlerinnen und Künstlern aus der Graffitiszene legale Flächen an. Im letzten Jahr konnte die Levin Statzer Foundation eine SHIFT/Basis.Kultur.Wien-Förderung gewinnen. Diese Förderung ermöglichte ein Projekt, das im Gegensatz zu den Graffitis an der Nordbrücke nicht temporär zu sehen ist, sondern für einen längeren Zeitraum. Was den Künstlerinnen und Künstlern eine großartige Möglichkeit geboten hat, sich kreativ auszutoben und mit ihren Kunstwerken einen Beitrag zur Stadtgestaltung zu leisten.

Ein Alphabet ziert die Wand des Gemeindebaus in der Ada-Christen-Gasse 17. © Jenny Fetz © Jenny Fetz
In der Franz-Koci-Straße 11 leuchtet die große Katze, die von Insekten umschwirrt wird, den BewohnerInnen entgegen. © Jenny Fetz © Jenny Fetz
Einen sich in Blätter auflösenden Mann findet man in der Franz-Koci-Straße 7. © Levin Statzer Foundation © Levin Statzer Foundation

3 Weeks - 3 Walls

Das Projekt gehört zu den Siegerprojekten von der Projektausschreibung SHIFT/Basis.Kultur aus dem Jahr 2018. SHIFT/Basis.Kultur ist ein Programm der Stadt Wien zur Förderung innovativer Kunst und Kultur. Jährlich findet eine Ausschreibung statt, bei der Projekte von Kulturschaffenden aller Kunstrichtungen ihre Projekte vorstellen können und von einer unabhängigen Jury ausgewählt werden. Diese erhalten eine Förderung und können ihr Projekt in einem Zeitraum von einem Jahr umsetzen. Die Wände wurden von Wiener Wohnen zu Verfügung gestellt.

Im Vordergrund des Projekts stand das großformatige Arbeiten. Hierbei eignen sich Feuermauern als optimaler Bildträger. Den Initiatorinnen und Initiatoren war dabei wichtig, den Kunstschaffenden eine gut sichtbare Bühne zu bieten und sie dadurch zu fördern. Zudem war die kreative Mitgestaltung der Stadtgestaltung ein wichtiger Aspekt des Projekts. Die Künstlerinnen und Künstler versuchten in ihren Werken Street Art und klassisches Graffiti zu vereinen.

Drei Graffitis, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zieren seither die Siedlung im 10. Bezirk. Der Graffitikünstler Cane ist seit 2001 in der Wiener Graffitiszene aktiv und dokumentiert auf seiner Plattform spraycity.at die bunt bemalten Wände der Stadt. Er hat am ersten Wochenende der Aktion gemeinsam mit Skero, der gebürtigen Stuttgarterin Junek und Moron eine Wand mit einem Alphabet gestaltet. Zu sehen ist dieses in der Ada-Christen-Gasse 17. Eine große Katze, die von Insekten umschwirrt wird, wurde von den Street Artists Lunar und Smack aus Kroatien und Ruin aus Österreich gestaltet. Zu sehen ist die Katze in der Franz-Koci-Straße 11. Das dritte Wochenende stand ganz im Zeichen des Holländers Daan Botlek, der einen sich in Blätter auflösenden Mann an die Wand sprayte. Der Mann ist in der Franz-Koci-Straße 7 zu finden. Im Zuge der Veranstaltungen fanden Workshops für Mutige, die sich schon immer mal in der Graffitikunst probieren wollten, statt. Auch Vorträge zu den Themen Graffiti, Kunst und Stadtgestaltung wurden im kleinen Kreise vorgetragen.

Wenn das eigene Wohnhaus zum Kunstprojekt wird

Die Veranstaltung war ein voller Erfolg, doch was sagen die Bewohnerinnen und Bewohner der Per-Albin-Hansson-Siedlung zu ihren neuen Kunstwerken?

Die Per-Albin-Hansson-Siedlung im 10. Bezirk zählt mit mehr als 6.000 Wohnungen sowie Zentren der Nahversorgung, Schulen, Kindergärten und zahlreichen Einrichtungen der sozialen und kulturellen Infrastruktur zu einer der größten Stadtrandsiedlungen des sozialen Städtebaus in Wien. Die Siedlung gilt als Prototyp des sogenannten sozialen Städtebaus nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde nach dem städtebaulichen Leitbild der aufgelockerten und durchgrünten Stadt errichtet. Der Stadtteil ist seit 2017 durch die Verlängerung der U1 an das Wiener U-Bahn-Netz angebunden. Die Siedlung liegt am Stadtrand und grenzt gleich an eine große Grünfläche. Der graue Wohnkomplex wirkt gepflegt und freundlich. Über das Kunstprojekt wurden die Bewohnerinnen und Bewohner vorweg schriftlich informiert. Alle Kosten wurden von der Levin Statzer Foundation und Wiener Wohnen übernommen. CLUB WIEN besuchte die Per-Albin-Hansson-Siedlung nach der Veranstaltung und hörte sich ein wenig um.

"Diese Malerei ist super, wirklich traumhaft. Das Graue ist weg und es ist eine tolle Auffrischung. Die Künstlerinnen und Künstler haben sich sehr bemüht. Der Roboter mit den fliegenden Blättern gefällt mir am besten", erzählt Herr Steiner. Er wohnt bereits seit 1969 in der Siedlung und freut sich über ein wenig Farbe an den sonst etwas grauen Wohnhäusern. Auch Herr Krems von der Ada-Christen-Gasse 17 findet die bunte Veränderung super und freut sich vor allem, dass es kostenlos war. "Bezahlt worden ist es nicht von uns, daher finde ich es sehr super. Mir gefällt das Alphabet am besten. Am Anfang habe ich nicht erkannt, was es ist, aber man muss nur ein wenig Fantasie haben und dann erkennt man es schon. Es ist schon schön und macht unsere Umgebung etwas freundlicher", so Herr Krems. Das Ehepaar Martin findet alle drei Kunstwerke sehr schön und würde sich wünschen, dass die Siedlung häufiger etwas neue Farbe abgekommen würde. Frau Odenstein wohnt ebenfalls seit dem Jahr 1969 in der Siedlung und hat seither einiges miterlebt. Am meisten gefällt ihr die Katze, "weil sie die Siedlung am besten widerspiegelt: bunt, vielseitig und freundlich". Graffiti wird oft mit Vandalismus verbunden, dass es sich bei den Kunstwerken auch um Graffitis handelt, ist für die meisten Bewohnerinnen und Bewohner jedoch kein Problem – im Gegenteil: "Es hat etwas sehr Zeitliches und schaut modern aus, so wird unser Gemeindebau auch etwas hipper", erzählt ein vorbeigehender Bewohner.

Das Projekt "3 Weeks - 3 Walls" zeigt eindrucksvoll, dass Kunst nicht nur im musealen Kontext gezeigt werden kann. "Den Bewohnerinnen und Bewohnern wird Kunst quasi direkt vor die Wohnungstür geliefert, wodurch der Zugang zur Kunst gefördert wird. Durch verschiedene Kunstwerke entsteht nicht nur ein einzigartiges Erscheinungsbild eines Gemeindebaus, die Bewohnerinnen und Bewohner identifizieren sich auch längerfristig mit den Werken in ihrem Bau", so Stefan Wogrin, Mitgliedsvorstand der Levin Statzer Foundation.