Das Ensemble PHACE ist Teil des Projekts "Upcycling Babylon". © Markus Bruckner

 

Das KulturKatapult bringt Kultur zu Wiens Jugend

Jugendliche zur Teilhabe an Kunst und Kultur animieren, das ist die Mission des KulturKatapults, einer Initiative der Stadt Wien in Kooperation mit WIENXTRA und OeAD. CLUB WIEN stellt einige geförderte Projekte vor.

Die Wiener Kunst- und Kulturszene hat viel zu bieten, gerade für Jugendliche. Um die 15- bis 20-jährigen noch stärker auf das Angebot aufmerksam zu machen, hat die Stadt Wien die Initiative KulturKatapult gestartet. In Kooperation mit WIENXTRA und OeAD fördert man Projekte, die sich mit der Kunst- und Kulturvermittlung beschäftigen, mit insgesamt 800.000 Euro. Das große Ziel ist, junge Menschen nachhaltig für das Thema zu begeistern.

Aus den eingereichten Projekten hat eine Jury nun 14 Projekte ausgewählt, die aktiv unterstützt werden. CLUB WIEN hat mit den Köpfen hinter drei der Aktionen gesprochen.

Projekt "Upcycling Babylon"

„Upcycling Babylon“ wurde von einem sehr heterogenen Team entworfen, dem transdisziplinären Ensemble andother stage, dem Ensemble PHACE und der Kulturvermittlerin Veronika Grossberger. Die Module decken ein breites Spektrum an aktuellen künstlerischen Tätigkeiten, etwa Komponistin und Komponist, Musikerin und Musiker, Choreografin und Choreograf, Instrumentenbauerin und -bauer sowie Game-Design, und Disziplinen ab und bieten Einblick in Prozesse, die von Poesie über Digital Music bis hin zum Gaming reichen. Die Übergänge zwischen den Disziplinen sind fließend und lassen den Jugendlichen Spielraum für Entscheidung und Schwerpunktsetzung. Jugendliche werden dabei unterstützt, ihre Instrumente, Texte, DJ-Techniken, Sampling- und Gamesequenzen selbst zu entwerfen und zu Kulturmacherinnen und -machern zu werden.

CLUB WIEN: Können Sie uns das Projekt kurz vorstellen?

Brigitte Wilfling und Jorge Sanchez-Chiong: Das Erfolgserlebnis, aus etwas Unbrauchbarem etwas Besonderes gemacht zu haben - aus Müll eine E-Gitarre, aus Enttäuschungen einen Song, einen Rap mit DJing, aus Fake News Szenen für ein Computer-Game oder Musikvideo - steht im Zentrum von „Upcycling Babylon“. Dabei gehen wir vom Alltag der Jugendlichen aus, von ihrem Arbeitsmaterial, von Botschaften in sozialen Medien, mit denen sie sich beschäftigen.

 

Den kreativen Umgang mit der eigenen Welt und Umwelt gestalten wir in unterschiedlichen Modulen. In der Werkstatt UPCYCLING Instruments wird Abfall zu Musikinstrumenten aufgewertet. Wir arbeiten mit dem Material, mit dem die Jugendlichen täglich in ihrer Ausbildung zu tun haben: Metallreste, Holzabfälle, Plastik oder Papier werden hier für die Erzeugung von E-Gitarren sowie Holz- und Metallinstrumenten eingesetzt. Das Material, das eine bestimmte Funktion und Ausrichtung innerhalb der beruflichen Tätigkeit hat, erfährt eine Umdeutung, eine neue Perspektive und die Fähigkeiten, die Jugendliche in ihrer Ausbildung erwerben, werden kreativ eingesetzt. In der Werkstatt Building BABYLON geht es um multimediale Erzählungen in den unterschiedlichen Sprachen der Jugendlichen; denn nicht die Sprachenvielfalt führt zu Verwirrungen im Zusammenleben, sondern Fake News und Verschwörungstheorien, Mobbing und andere Kommunikationskonflikte.

Warum sind Kulturprojekte für und mit Jugendlichen so wichtig?

Veronika Grossberger: In unseren Workshops wird das prozessorientierte Arbeiten ins Zentrum gestellt: Das heißt, dass das Ausprobieren, das Experimentieren mindestens so viel Platz einnimmt wie das Endergebnis. Das ist eine Herangehensweise, die jungen Menschen in unserer Gesellschaft kaum vertraut ist und die neue Wahrnehmungs- und Handlungsspielräume schafft. Außerdem öffnen wir in unseren Workshops ein Fenster in die künstlerische Welt, mit der Jugendliche meistens das erste Mal in Berührung kommen. In der künstlerischen Auseinandersetzung mit Themen weitet sich das Feld an Möglichkeiten, lassen sich andere Perspektiven finden. Ganz konkret lernen sie Berufsfelder kennen wie den Komponisten, die Choreografin, die Tontechnikerin, den Musiker etc., die sich davor außerhalb ihres Wahrnehmungsradius befunden haben.

Projekt „sichtbar hörbar - hörbar sichtbar werden“

Dieses Projekt wurde von einem starken Team entwickelt. Den Projektteil „Film“ leitet Andrea Hanatschek, den Projektteil „Filmmusik“ verantwortet Dietmar Flosdorf. Die organisatorische Umsetzung und Koordination liegt beim Zentrum für Musikvermittlung Wien (ZMV 14). Künstlerische Leitung: Nicole Marte

CLUB WIEN: Können Sie uns das Projekt kurz vorstellen?

Dietmar Flosdorf: Das Film- und Musikvermittlungsprojekt „sichtbar hörbar - hörbar sichtbar werden“ thematisiert das urmenschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Gemeinschaft beziehungsweise das Lebensgefühl, sich fremd, ohne „Heimat“ oder wegen seiner kulturellen/religiösen Identität nicht angenommen zu fühlen. Dies geschieht, indem Jugendliche mit professioneller Unterstützung zu dieser Thematik Stummfilme entwickeln und ausarbeiten, deren Vertonung gemeinsam mit professionellen Musikerinnen und Musikern und Studierenden der Universität für Musik umsetzen und diese letztendlich öffentlich präsentieren und dafür Anerkennung bekommen.

Das Anliegen ist, Jugendlichen ein „Gesicht“ und eine „Stimme“ zu geben. Durch die direkte Begegnung der Jugendlichen mit Kunstschaffenden und Studierenden initiiert es im Dialog über die gemeinsame künstlerische Arbeit Neugier auf und nachhaltiges Interesse für Kunst und Kultur. Das Projekt steht somit unter der eigenständigen selbstverantwortlichen Autorenschaft von Jugendlichen, die einerseits als Storyteller und Filmteam, das schließt Darstellerinnen und Darsteller, Kamera, Ausstattung, Licht und Schnitt mit ein, arbeiten. Andererseits glänzen sie in der Zusammenarbeit und Beratung von professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern sowie Filmschaffenden in Sachen Komposition, Arrangement, Gesang und in der Zusammenarbeit mit professionellen Filmkomponistinnen und -komponisten sowie Musikerinnen und Musikern aus Klassik, Jazz und Pop sowie Studierenden der mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien - als Veranstalterinnen und Veranstalter in der Vorbereitung, Werbung und Umsetzung der Abschlusspräsentation.

Warum sind Kulturprojekte für und mit Jugendlichen so wichtig?

Ich finde Kulturprojekte vor allem wichtig, wenn sie nicht nur für und mit Jugendlichen durchgeführt, sondern wenn sie von den Jugendlichen auch selbst entwickelt und verantwortet werden - also wenn Jugendliche fachliche Unterstützung bekommen, ihre eigenen Ideen künstlerisch umzusetzen, wenn Jugendliche eben dadurch auch neue Inputs bekommen, ihre Wahrnehmung für Kunst erweitert wird und sie lernen, ihre spannenden Ideen in künstlerische Formate zu gießen. Und last but not least: wenn sie dann auch einen Rahmen beziehungsweise eine Bühne bekommen, um das, was sie beschäftigt, öffentlich präsentieren zu können. Ich finde es auch deshalb so wichtig, um ihnen und ihren Ideen Wahrnehmbarkeit in der Öffentlichkeit zu ermöglichen und damit natürlich auch vor allem eine in diesem Alter dringend notwendige Wertschätzung, Anerkennung und damit auch Orientierung zu geben. Ich glaube, es bereichert aber auch auf der anderen Seite eine Gesellschaft, wenn sie offen ist und Interesse für das zeigt, was „die“ Jugend mit ihrer heutigen multikulturellen gesellschaftlichen Verortung, Diversität und Vielfalt „umtreibt“ beziehungsweise eben auch wahrnimmt, worunter sie leidet.

Projekt "Suchlinge und Findlinge"

Astrid Steinbrecher (Steinmetz- und Steinbildhauermeisterin, Diplombildhauerin) und Kurt Neuhold (DSA, freischaffender Künstler) lernten einander 2011 über Kurt Neuholds langjähriges Projekt „Kunst im Grünen Kreis“ in der Pool7-Galerie am Rudolfsplatz kennen. Astrid Steinbrecher konzipierte und leitete bis 2018 zahlreiche partizipative Kunstworkshops mit Klientinnen und Klienten des Grünen Kreises. Für die Ausschreibung von KulturKatapult gründete das Duo den Kunst- und Kulturverein „Hold & Stein“.

CLUB WIEN: Können Sie uns das Projekt kurz vorstellen?

Steinbrecher & Neuhold: „Suchlinge und Findlinge“ ist ein partizipatives Kunstprojekt. Es gibt Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Sinnsuche in fünf großen Steinen zu hinterlassen. Mehrere Jugendliche behauen große bruchraue Steinblöcke aus St. Margarethener Sandstein zu Findlingen und gestalten diese mit Worten, Sprüchen und Bildern schrift- oder reliefförmig. Die jungen Künstlerinnen und Künstler können sich auf diese Weise im Stein finden und verewigen. Aus Fragen werden Antworten. Aus Suchlingen werden Findlinge.

Wir sehen die Jugendlichen als Suchlinge, nach sich selbst und ihrem Platz im Leben forschend. Gerade in unserer heutigen digitalen Welt brauchen junge Menschen die reale Begegnung mit Menschen, sinnlich-haptische Erlebnisse durch die Auseinandersetzung mit Materialien und die bereichernden Erfahrungen für Körper und Geist, die der vielschichtige Arbeitsprozess ermöglicht.

Nach Fertigstellung sollen die Findlingsskulpturen an geeigneten Plätzen in Wien und Umgebung aufgestellt werden. Jeweils mit einer kleinen Tafel, auf der das Projekt und die Künstlerin beziehungsweise der Künstler beschrieben sind. Damit wird dem für Jugendliche so wichtigen Thema „Suchen & Finden“ öffentlich Aufmerksamkeit und den jungen Menschen ein bedeutsamer Raum in der Öffentlichkeit geschenkt.

Aktiv an der Ideenfindung und Gestaltung eines öffentlich präsentierten Kunstwerks mitzuarbeiten, ist eine Form der Aneignung und Nutzung des öffentlichen Raums entsprechend der Vorstellungen der Jugendlichen. Darüber hinaus sind die „Suchlinge und Findlinge“ ein Symbol dafür, dass nicht jede Freifläche und jeder Platz mit den von Kauf- und Konsumzwängen diktierten Nutzungsinteressen vereinnahmt wird.

Warum sind Kulturprojekte für und mit Jugendlichen so wichtig?

Projekte dieser Art helfen Jugendlichen, ein Bewusstsein für Kunst und Kultur zu entwickeln und diese Lebensbereiche aktiv mitzugestalten. Besonders in unserer digitalen, schnelllebigen Zeit ist wichtig, Jugendlichen Räume zu eröffnen, in denen sie sich auf reale Begegnungen und haptisch-kreative Erfahrungen einlassen können. Kreative Prozesse ermöglichen eine tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst. In Gemeinschaftsprojekten können darüber hinaus Synergien und ein intensiver Austausch entstehen, in denen soziale Kompetenzen ebenso wichtig sind wie Freude und Begeisterung. Kunst und Kultur sind nicht nur Teile des Lebens. Kunst und Kultur bedeuten: erLEBEN und beLEBEN!