22.DEZEMBER 2020 
Lifestyle
Das Ausstellung "Terra Nova" lässt in das Leben in den Gemeindebauten der Nachkriegszeiten eintauchen. © Privat

Die Geschichte des Gemeindebaus erleben

Bei der Ausstellung „Terra Nova. 70 Jahre Siedlung Siemensstraße in Floridsdorf“ wird eine Duplex-Wohnung zum Museum des sozialen Wohnbaus. Susanne Repp, Kuratorin der spannenden Zeitreise verrät Ihnen mehr spannende Infos über diese Zeit.

Diskussionen über die Geschichte des sozialen Wohnbaus widmen sich meistens den Bauten des Roten Wien, wie etwa dem Karl-Marx-Hof. Die Gemeindebauten, die nach 1945 entstanden sind, erfahren selten dieses Maß an Aufmerksamkeit. Doch es gibt gute Nachrichten für alle Interessierten: Eine Ausstellung im Gemeindebau Siemensstraße erweckt dieses Kapitel der Stadtgeschichte auf spannende und anschauliche Weise zum Leben.

Die Ausstellung „Terra Nova. 70 Jahre Siedlung Siemensstraße in Floridsdorf“ ist eine Ausstellung zum sozialen Wohn- und Städtebau in Wien nach 1945 und wurde von den Kuratorinnen und Kuratoren Wolfgang Fichna, Susanne Reppé, Werner Michael Schwarz (Wien Museum), Georg Vasold (Universität Wien) und Susanne Winkler (Wien Museum) nach der Idee von und in Zusammenarbeit mit wohnpartner Team 21 (Burak Büyük, Nora Batelka, Stefan Karasek) und den Bewohnerinnen und Bewohnern der Wohnhausanlage entwickelt und gestaltet. Ausstellungsgestaltung und Grafik wurden von Alex Kubik und Lisa Ifsits kreiert, die Finanzierung und Betreuung der Ausstellung und Begleitfolder stammen von der Wiener Wohnbauforschung und Susanne Reppé.

Der Vorteilsclub der Stadt Wien sprach mit Susanne Reppé über Motivation, Architektur und die historische Bedeutung der Siemensstraße und Co.

Könnten Sie uns etwas zu Ihrer Person erzählen? Wie kam es dazu, dass Sie diese Ausstellung kuratieren?

Ich bin aktuell stellvertretende Referatsleiterin der Wiener Wohnbauforschung, einer Einrichtung der Stadt, welche sich mit unterschiedlichsten Forschungsfeldern rund um den sozialen Wohnbau in Wien auseinandersetzt. In dieser, aber auch schon in vormaligen beruflichen Funktionen setze ich mich schon seit vielen Jahren mit der Idee, Geschichte, aber auch mit der sozialen Dimension rund um den Wiener Gemeindebau auseinander.

Zu meinen bisherigen Projekten zählen die Publikation „Der Karl-Marx-Hof/Geschichte eines Gemeindebaus und seiner Bewohner“, die virtuelle Ausstellungsplattform über die Wiener Werkbundsiedlung und diverse Ausstellungs- und Forschungsprojekte zum Wiener Gemeindebau der Nachkriegszeit wie etwa die permanente Freiluftausstellung zur Geschichte der Per-Albin-Hansson-Siedlung ebenda. Die Idee zur Ausstellung in der Siemensstraße, welche von Bewohnerinnen und Bewohnern gemeinsam mit dem regionalen Team der wohnpartner an mich herangetragen wurde, hat sofort mein Interesse geweckt.

Während die Gemeindebauten des sogenannten „Roten Wien“, also jener Bauperiode der Zwischenkriegszeit, wie etwa der Karl-Marx-Hof im kollektiven Bewusstsein manifest präsent sind, sind die Ziele, Ideen und Verdienste der weitaus höheren Anzahl von Gemeindebauanlagen, die nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurden, weitaus unbekannt.

Daher ist es gut, diese Siedlungen - bestenfalls in Zusammenarbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern - vor den Vorhang zu stellen. Der Ausstellungstitel „Terra Nova“ ist daher sowohl für jene, die dieses Kapitel Stadtgeschichte erleben wollen, eine Einladung, steht aber für das Erleben vieler Wienerinnen und Wiener, die damals in diese peripher gelegenen Siedlungen des kommunalen Wohnbaus ab 1950 gezogen sind.

Was ist der Grundgedanke hinter der Ausstellung? Welche Eindrücke möchten Sie den Besucherinnen und Besuchern mitgeben?

Der Grundgedanke dieser Ausstellung ist, die dahinterliegenden Planungsgedanken und die Wohnbiografien der Bewohnerinnen und Bewohner gegenüberzustellen. Gerade hier zeigt sich, dass der Planungsgedanke der neuen Nachbarschaft eine wesentliche Siedlungseigenschaft ist. Diese integrative Wirkung von Wohnen ist nach wie vor zeitaktuell. Die kommunalen Nachkriegssiedlungen wurden oft als sogenannte „Schlafstädte“ diffamiert und damit in ihrer Wohnqualität kritisiert. Die städtebauliche Trennung von Wohnen und Gewerbe muss aber historisch in jenem Blickwinkel betrachtet werden, dass zu dieser Zeit produzierendes Gewerbe mit hoher Lärm- und Schmutzemission verbunden war und daher die Wohnqualität speziell in den gründerzeitlichen Wohnvierteln stark beeinträchtigte. Gerade die Erinnerungen der Bewohnerinnen und Bewohner zeigen, dass diese Siedlungen lebendige Stadtteile darstell(t)en. Im besonderen Maß wird damit die Arbeit von Frauen im Rahmen des Zuverdienstes durch Heimarbeit und der zeittypischen Zuordnung von Familien- und Hausarbeit außer Acht gelassen. Ein Grund, diesen Aspekt in der Ausstellung zu beleuchten.

Was kann man in der Ausstellung alles sehen?

Neben historischen Dokumenten zur Planungs-, Bau- und Entstehungsgeschichte zählen vor allem die historischen Foto- und Filmbeiträge sowie zahlreiche zur Verfügung gestellte Objekte der Bewohnerinnen und Bewohner zu den Exponaten und machen diese Ausstellung so besonders. Die Inhalte nehmen auch Bezug auf die neue „Wohnkultur“, die mit dem sozialen Wohnbauprogramm der 50er-Jahre Hand in Hand ging. Dazu zählt die Entstehung der Möbellinie „Soziale Wohnkultur“, welche für diese kompakten Wohnungen entworfen wurde. Heute zählt die Ästhetik dieser Einrichtungsgegenstände bereits zu den Designklassikern. Zur damaligen Zeit sollten diese mit kommunalen Kreditaktionen unterstützen, multifunktionalen Möbellinien auch mit kleinem Geld den Wohnwert dieser kompakten Wohnungsgrundrisse zusätzlich erhöhen.

Was macht die Siedlung Siemensstraße in Ihren Augen so speziell? Ist sie ein gutes Beispiel für den Wohnbau der Nachkriegszeit?

Die Siedlung Siemensstraße zeigt für mich viele Anknüpfungspunkte, die auch heute noch, wenn auch unter anderen Rahmenbedingungen, aktuell sind. Zu einer der wichtigsten zählt für mich, dass trotz der großen Wohnungsnot nach dem Krieg und dem damit verbundenen hohen Druck, schnell und günstig Wohnraum zu errichten, eine gesellschaftspolitische Vision vorangestellt wurde. Nach dem Leitsatz „Wiederaufbauen heißt besser machen“ formulierte die Stadt neue soziale städtebauliche Kriterien, welche sich bewusst von den dicht verbauten gründerzeitlichen Vorbildern verabschiedeten und damit ein neues Kapitel des sozialen Wohnbaus aufschlugen.

Der Zugang zu Grün- und Freiflächen, welcher gerade heute mit den übergeordneten, aber auch mikroklimarelevanten Anforderungen und auch der verteilungspolitischen Dimension Menschen auch mit geringem Einkommen unmittelbare Nutzungsmöglichkeiten der Grün- und Freiflächen gewährleistet, ist aktuell und wegbereitend. Die Wohnhausanlage Siemensstraße, welche ja bereits Anfang der 50er-Jahre entstanden ist, läutete mit diesen sich weiterentwickelnden Konzepten den Weg für viele Großsiedlungen der folgenden Jahre ein: Sozialer Wohnbau wird zum sozialen Städtebau.

Was zeichnet die Anlage in Sachen Architektur aus? Was zeichnet das Design aus und inwieweit prägte Architekt Franz Schuster die Anlage?

Franz Schuster, der ob seines Engagements während der NS-Zeit nicht unumstritten ist, war einer der prägenden Architekten der 1950er-Jahre. Der ehemalige Chefarchitekt des „Österreichischen Verbands für Siedlungs- und Kleingartenwesen für das Wiener Siedlungsamt“ war unter anderem Mitherausgeber der Architekturzeitschrift „Der Aufbau“. Neben der Siemensstraße ist er für das Schnellbauprogramm der Stadt Wien federführend und errichtete Anlagen wie den ersten Bauteil der Per-Albin-Hansson-Siedlung, aber auch Kindergärten, Schulen und andere Funktionsbauten.

Schuster entwickelte das Konzept der sogenannten Duplex-Wohnung, welche die erste Wohnungsnot abfedern sollte. Dabei handelte es sich um Kleinstwohnungen (mit einer Toilette, aber ohne Badezimmer), die zu einem späteren Zeitpunkt (etwa bei Familienzuwachs) zusammengelegt werden konnten, damit diese eine größere Wohnung ergaben und dann auch mit einem Badezimmer nachgerüstet werden konnten.

Neben den Duplex-Wohnungen befinden sich aber auch andere Sonderwohntypologien in der Siemensstraße. Zweckmäßigkeit und Typisierung stehen als Planungsprämisse, um Baukosten zu reduzieren, Bauzeit zu verkürzen und schnell die erste Wohnungsnot zu lindern.

Franz Schuster ist aber auch bei der Entwicklung von Möbelprogrammen wie „Aufbaumöbel“ und in weiterer Folge am „SW-Möbelprogramm“ (soziale Wohnkultur) maßgeblich beteiligt. Besonders interessant sind in dieser Anlage die verschiedenen Fensterdetails, die von französischen Fenstern über Blumenfenster bis zu Kasten- und Verbundfenstern reichen. Sie zeigen einen besonderen Zugang zum Raumerlebnis und Innen-außen-Bezug der Wohnungen.

Ein Begriff, der in der Ausstellungsbeschreibung fällt, ist die „Neue Nachbarschaft“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Der Planungsgedanke der neuen Nachbarschaft steht dafür, auf die unterschiedlichsten zeitaktuellen Wohnbedürfnisse zu reagieren, aber auch sozialpolitisch der Dynamik einer polarisierten Nachkriegsgesellschaft zu begegnen. Planerisch zeigt sich dieses Konzept an der Anordnung von ein- bis dreigeschoßigen Baukörpern, einer Zonierung in kleinere intime Höfe, fünf unterschiedlichen Wohnungsgrundrissen, der Einplanung von diversen Allgemeineinrichtungen wie Elternberatungsstelle, Tröpferlbad, Kindergarten, Schule, einer Ladenzeile, Handwerkerhäuser und einer Heimstätte für alte Menschen. Auch ein Volksheim, das Raum für Bildung, Freizeit und Kultur ist, stellt einen wesentlichen Siedlungsbestandteil dar. Der hohe Grün- und Freiraumbezug angelehnt an die Idee der Gartenstadt und die damit verbundenen Interaktionsmöglichkeiten der Bewohnerschaft werden in der Ausstellung auch mit den Bewohnerinnen- und Bewohnererinnerungen verdeutlicht.

Aus Ihrer Sicht: Was waren die Stärken des sozialen Wohnbaus?

Die Stärken dieser kommunalen Wohnhausanlage ergeben sich aus dem Vorhergesagten und im historischen Kontext der Zeit nach dem Krieg und der damit verbundenen Wohnungsnot. Denn über 86.000 Wohnungen waren zerstört oder unbrauchbar. Floridsdorf war als wichtiger Industriestandort besonders betroffen. Die Stadt initiierte daher neben dem Normalbauprogramm ein sogenanntes Schnellbauprogramm, in dessen Rahmen bis 1954 vor allem am Stadtrand über 4.000 Wohnungen errichtet wurden.

Trotz der heute als eher beengend zu bezeichnenden Wohnungsgrundrisse haben viele Bewohnerinnen und Bewohner hier ihr gesamtes Leben verbracht und verbinden diese Zeit mit schönen Erinnerungen. Studien beweisen, dass der soziale Wohnbau auch die Möglichkeiten des individuellen sozialen Aufstiegs der Bewohnerinnen und Bewohner unterstützt - eine Eigenschaft, die insbesondere im wirtschaftlich beeinträchtigen Wien der Nachkriegszeit von besonderer Bedeutung war.

Die Ausstellung ist in einer Duplex-Wohnung in der Scottgasse 5 zu sehen, also in der Siedlung. Ist das für Sie der perfekte Ort?

Dieser Ort ermöglicht es sicherlich, unmittelbar emotional diesen Siedlungstyp und den Grundgedanken dieses Wohnkonzepts ablesbar zu machen. Leider ist es durch die aktuelle Pandemie etwas schwierig, diesen Innenraum mit vielen Personen zu besuchen. Jedenfalls ist eine Voranmeldung notwendig. Allerdings wird diese Ausstellung und das begleitende Führungsprogramm (in Zusammenarbeit mit dem Wien Museum) bis auf Weiteres verlängert. Derzeit entstehen auch diverse Podcasts, welche digital abrufbar sein werden.

Zum Abschluss: Wo sehen Sie die Zukunft des kommunalen Wohnbaus?

Der kommunale Wohnbau, also der historisch bestehende Gemeindewohnungsbestand seit 1928, nimmt mit rund 220.000 Wohnungen einen international beachteten Anteil am Wiener Wohnungsbestand ein.

Neben der baulichen Ertüchtigung wie technische und thermische Sanierungen gilt es sicherlich, auf neue gesellschaftliche Bedarfe zu reagieren. Gerade in den Beständen der Nachkriegszeit werden immer mehr Menschen ob der demografischen Entwicklung alt bzw. hochaltrig werden. Gleichzeit hat auch in vielen Anlagen der Generationenwechsel bereits stattgefunden und stellt neue Herausforderungen für Alteingesessene und Neuzuziehende dar. Die Stärkung des sozialen Miteinanders, die Anpassung an neue Bedürfnisse, aber auch damit verbundene bauliche Ergänzungen im Bereich der Altersanpassung, neuer Technologien bis hin zu alternativen Mobilitätsangeboten, wie sie bereits heute schon im geförderten Wohnbau und im Gemeindebau NEU üblich sind, werden bedeutender werden.

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