Gesundheitsstadtrat Peter Hacker im Gespräch. © Bohmann/Mischa Nawrata

 

Beste Versorgung bleibt garantiert

CLUB WIEN hat mit Sozial- und Gesundheitsstadtrat Peter Hacker über den Mangel an Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften, über Erstversorgungsambulanzen und das Wiener Gesundheitstelefon 1450 gesprochen.

In den Augen des Gesundheitsstadtrats muss jeder Bereich der Gesundheitsversorgung auf den Prüfstand gestellt und noch zielgerichteter werden. Von einer Panikmache aufgrund des Coronavirus hält er nichts. Denn: Wien ist bestens vorbereitet und wird, wenn es zum Alleräußersten kommt, zwei komplette Spitäler sperren und ausschließlich für Erkrankte bereitstellen.

CLUB WIEN: Laut Ärztekammer fehlen wienweit 600 Kassenärztinnen und -ärzte. Wie kann dieses Problem gelöst werden?

Peter Hacker: Wir haben so viele Medizinerinnen und Mediziner wie nie zuvor in unserer Stadt und dennoch einen Mangel an Kräften in der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Ein Lösungsvorschlag wäre eine Kontingentlösung wie in Deutschland. So kann nicht jede Ärztin und jeder Arzt, die beziehungsweise der in einem Spital beschäftigt ist, gleichzeitig eine Privatordination aufmachen. Außerdem könnte man die Niederlassungsfreiheit für Wahlärztinnen und -ärzte im Sinne einer breiteren Verteilung besser steuern. Es kann ja auch nicht an jeder Ecke eine Apotheke aufmachen. Außerdem haben wir die Zusage, dass einige Hundert Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner ihre Ordinationen künftig mindestens fünf Stunden pro Woche länger erreichbar halten. Derzeit fallen nämlich die Öffnungszeiten der Praxen größtenteils in die Arbeitszeiten der Patientinnen und Patienten. Das soll sich nun ändern. Als Anreiz gibt es eine finanzielle Unterstützung für die Ärztinnen und Ärzte.

CLUB WIEN: Vor allem im Bereich der Allgemeinmedizin, der Kinder- und Jugendheilkunde sowie Gynäkologie fehlt Personal. Wie kann das behoben werden?

Wir müssen schon beim Studium darauf achten, dass in Fachfeldern, in denen man Ärztinnen und Ärzte braucht, Schwerpunkte gesetzt werden und dass zielgerichteter in den Gemeindespitälern ausgebildet wird. Daran arbeiten wir gerade. Zudem ist es wichtig, jene Fachkräfte, die hier geschult wurden, für eine bestimmte Zeit auch im Land beziehungsweise in den städtischen Spitälern zu halten, notfalls auch verpflichtend. Bei Pilotinnen und Piloten ist es auch so. Sobald sie ihre Arbeit bei der Fluglinie starten, werden die von der Airline investierten Ausbildungskosten anteilig vom Gehalt abgezogen. So lang, bis diese Kosten vollständig abgegolten sind. Erst dann kann man den Arbeitsplatz wechseln.

CLUB WIEN: Die Wienerinnen und Wiener werden immer älter. Daher werden auch mehr Menschen im Alter auf Pflegeleistungen angewiesen sein. Bis 2030 werden 9.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt werden. Gibt es Pläne, diese Berufsgruppen für junge Auszubildende attraktiver zu machen?

Natürlich. Wir haben da auch schon einiges erreicht. Wir haben in weiten Bereichen Gehälter angepasst, Dienstverträge attraktiver gestaltet, die Ausbildung verbessert beziehungsweise durch ein Studium akademisiert und neue Berufsgruppen geschaffen. Im nächsten Schritt stocken wir die Ausbildungsplätze massiv auf und schaffen bis 2030 fast eine Verdoppelung. Bis dieses Personal fertig ausgebildet ist, muss man auch darüber nachdenken, hoch qualifiziertes Pflegepersonal aus dem Ausland anzuwerben, um den kurzfristigen Bedarf abzudecken.

CLUB WIEN: Sie meinten einmal, "Pflegefinanzierung sollte nicht Privatsache sein". Doch wie ist die Pflege leistbar, ohne auf hohe Standards zu verzichten?

Unsere oberste Prämisse ist die Pflegegarantie. Wer Pflege braucht, soll sie auch in passender Form und schnell bekommen. Die Qualität darf dabei nicht von finanziellen Mitteln abhängig sein. Von der derzeit diskutierten Pflegeversicherung halte ich nichts. Pflegeleistungen müssen staatlich bezahlt und mit gemeinnützigen Trägern organisiert werden. Wir verfechten ein Modell, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht den Gewinn. Daran müssen wir arbeiten. Natürlich wird das mehr kosten, aber das Niveau des Pflegesystems extrem steigern. Und wir müssen garantieren, dass die Ausgaben für Pflege treffsicher eingesetzt werden. Die Abschaffung des Pflegeregress, also dass im Fall einer geförderten Langzeitpflege einer Person nicht mehr auf das Privatvermögen von Betroffenen und deren Angehörigen zurückgegriffen werden kann, empfinde ich persönlich als Meilenstein. Aber das Allerwichtigste ist: Nach einem langen Erwerbsleben müssen sich die Wienerinnen und Wiener auf eine gute Pflege verlassen können, die sie nicht auch noch selber bezahlen müssen.

CLUB WIEN: Ist die Entwicklung neuer Betreuungskonzepte auch ein Thema?

Sicherlich. Wir müssen etwa dafür sorgen, dass pflegende Angehörige mehr entlastet werden und dass es für sie, mental wie auch zeitlich, einfacher möglich wird, sich in dem Bereich einzubringen. Das betrifft vor allem Frauen, die immer noch den Großteil der pflegenden Angehörigen stellen. Dafür haben wir Öffnungszeiten von Tageszentren erweitert und proben eine mehrstündige Alltagsbegleitung für Personen, die mehr brauchen als eine mobile Pflege, aber noch keine 24-Stunden-Pflege. Die Organisation der Pflege ist keine Frage von "Daheim oder stationär". Die Pflegeangebote müssen so vielfältig sein wie die Bedürfnisse jener Menschen, die Pflege brauchen. In Wien haben wir ein vielfältiges Angebot.

CLUB WIEN: Welche Maßnahmen werden gesetzt, um Spitalsambulanzen zu entlasten?

Gerade weil im niedergelassenen Bereich die Ärztinnen und Ärzte ihre Praxen nicht zu jeder Zeit geöffnet haben, gehen Menschen auf der Suche nach Hilfe in die Spitäler. Um dem entgegenzutreten, werden wir wienweit Erstversorgungsambulanzen als zentrale Anlaufstellen einrichten. Dort geht es um die Versorgung kleiner Wehwehchen und die richtige Weiterleitung an die nächste zuständige Stelle, ob innerhalb des Spitals oder in den niedergelassenen Bereich. Darauf zielt auch die telefonische Gesundheitsberatung 1450 ab, die klare Infos gibt, welche Maßnahmen bei gesundheitlichen Problemen gesetzt werden sollen.

CLUB WIEN: Das neuartige Coronavirus beschäftigt derzeit das ganze Land. Ist Wien auf die kommenden Herausforderungen vorbereitet? Ist das Gesundheitstelefon auch zuständig, wenn ich befürchte, mich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben?

Ja. Es ist rund um die Uhr mit Expertinnen und Experten besetzt, die speziell geschult sind. Wenn es in den vergangenen Tagen längere Wartezeiten gegeben hat, muss ich um Verständnis bitten. Wir haben das Personal aber bereits deutlich aufgestockt und werden es weiter im Auge behalten. Wenn sich nach einem Telefonat tatsächlich die Möglichkeit der Ansteckung konkretisiert, wird über das Prozedere aufgeklärt. Also etwa darüber, dass ein Transport ins Spital nur mittels Krankenwagen erfolgen darf, um die Ansteckungsgefahr für das Umfeld zu verringern. Darüber hinaus haben wir mit der Ärztekammer eine deutliche Ausweitung des Ärztefunkdienstes gestartet, um Testungen zuhause machen zu können, damit etwaige Verdachtsfälle nicht quer durch die Stadt transportiert werden müssen oder womöglich selbst ins Spital fahren.

CLUB WIEN: Wie bereitet sich Wien generell auf eine mögliche Corona-Pandemie vor?

Kommt es zum Alleräußersten, können wir zwei komplette Spitäler sperren und ausschließlich für Erkrankte bereitstellen. Für derzeitige Verdachtsfälle stehen im Kaiser-Franz-Josef-Spital und im Otto-Wagner-Spital rund 500 Betten bereit. In privaten Krankenanstalten sind weitere rund 200 Betten verfügbar. Zudem informiert ein Leitfaden auf der Website der Stadt Wien online über Wissenswertes zu der Lungenkrankheit. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren. Corona geht natürlich an Wien nicht vorüber. Die ersten Erkrankten wurden bereits bestmöglich versorgt. Außerdem setzen wir auch auf internationale Zusammenarbeit, um etwa Labor-Kapazitäten voll ausschöpfen beziehungsweise hochfahren zu können.

CLUB WIEN: Vor einem Jahr wurde eine zentrale Geburtsanmeldestelle eingerichtet. Wie wurde sie von den Wienerinnen und Wienern angenommen?

Bestens. Seit Februar 2019 haben sich 12.200 Frauen in einem städtischen Spital zur Geburt angemeldet. Neun von zehn werdenden Müttern konnten dann in ihrem Wunschkrankenhaus entbinden. Mehrfachanmeldungen sind nun nicht mehr möglich und auch unnötig. Dadurch werden auch keine Betten blockiert, die schlussendlich leer bleiben. Das erhöht die Zufriedenheit aller, sowohl die des Spitalpersonals als auch die der Eltern.

CLUB WIEN: Auch eine zentrale Impfstelle wurde ins Leben gerufen. Warum war es wichtig, die Impfungen in Wien neu zu organisieren?

Die Wartezeiten waren teilweise extrem lang. Das hat sich geändert. Anmeldungen für Termine erfolgen jetzt online über die neue Website impfservice.wien. Auf dieser finden sich zudem Infos sowie alle öffentlichen und privaten Impfstellen für Reisende und in einem eigenen Bereich Antworten auf die wichtigsten Fragen. Wir haben das Impfangebot in den städtischen Impfstellen ausgeweitet. Darüber hinaus hat Wien ein umfangreiches Kinderimpfprogramm. So erhalten alle die nötigen Impfungen im richtigen Alter, kostenlos. Dafür investieren wir jedes Jahr vier Millionen Euro.

CLUB WIEN: Nach der neuen zentralen Impfstelle und der Geburtsinfo Wien: In welchen Bereichen sind noch Neuerungen geplant?

Jeder Bereich der Gesundheitsversorgung muss auf den Prüfstand gestellt werden. Wir sehen uns ganz genau an, was die Menschen brauchen und wo wir Strukturen verändern müssen. Dabei richten wir uns stets nach den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten. Mit dem neuen Impfservice ist uns ein Meilenstein gelungen. Jetzt hat das Warten ein Ende. Alle bekommen in 90 Sekunden einen Termin in einer städtischen Impfstelle ihrer Wahl. Ich habe immer gesagt: Wenn wir die Durchimpfungsrate nachhaltig erhöhen wollen, dann muss die Qualität des Services für alle Kundinnen und Kunden verbessert werden. Das haben wir jetzt erreicht.

CLUB WIEN: 2020 wird die ambulante Gesundheitsversorgung in Wien deutlich ausgebaut. Es sollen eigene medizinische Zentren entstehen. Wozu?

Es werden 16 weitere Versorgungszentren in Spitalsnähe aufmachen, zum Beispiel für Kinder oder Diabetikerinnen und Diabetiker. Das ermöglicht eine einfache Zusammenarbeit. Termine sind online buchbar. Zudem ist eine enge Mitarbeit der telefonischen Gesundheitsberatung 1450 geplant. Über diese werden etwa Öffnungszeiten vermittelt. Auch der Ausbau der Primärversorgungseinheiten wird vorangetrieben. Hier gibt es eine Versorgung durch Therapeutinnen und Therapeuten sowie Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen Tür an Tür. Das heißt, man erspart sich Wege. Praktischer Nebeneffekt: Auch die Spitalsambulanzen werden entlastet und können sich so besser auf Notfälle konzentrieren.

CLUB WIEN: Welche Angebote gibt es noch, um die Wienerinnen und Wiener zu Bewegung zu animieren und damit die Gesundheit der Wiener Bevölkerung zu fördern?

Wien hat mittlerweile rund 9,8 Millionen Quadratmeter Sportflächen, ohne Donauinsel, Marchfeldkanal, Prater und so weiter. Insgesamt nehmen die Sportflächen in Wien mehr Platz ein als die fünf kleinsten Bezirke zusammen. Öffentliche Schwimmbäder, die Motorikparkanlagen, Spielplätze. Ich denke, die Stadt hat für jede und jeden in jedem Alter und jeder körperlichen Verfassung tolle Angebote.