Im Bezirksmuseum Leopoldstadt erwacht die Geschichte des 2. Bezirks zum Leben. © Klaus Pichler, Bezirksmuseum Leopoldstadt| Museen der Stadt Wien

 

In die Geschichte der Leopoldstadt eintauchen

FreundInnen der Geschichte Wiens können wir das Bezirksmuseum Leopoldstadt wärmstens empfehlen. Der Vorteilsclub sprach mit Leiter Georg Friedler über die aktuelle Schau „Wie die Donau nach Wien kam“.

Im Amtshaus des 2. Bezirks finden interessierte Menschen einen Hort der Geschichte. Das Bezirksmuseum Leopoldstadt widmet sich der Historie des Bezirks und zeigt viele spannende Exponate, etwa einen Grenzstein aus dem Prater aus dem Jahr 1691, einen Weichenstellbock vom Nordbahnhof, eine Praterordnung mit Verhaltensregeln und einige Ölbilder. Der Themenbogen spannt sich von der ersten Besiedelung durch Fischer und Fährleute im 12. und 13. Jahrhundert über das Theaterleben im 2. Bezirk bis hin zu Vergnügungsviertel, Weltausstellungen, Türkenkriegen und dem Alltagsleben um die Jahrhundertwende.

Bei einem Besuch wird schnell klar, dass die Geschichte der Leopoldstadt untrennbar mit der Donau verbunden ist. Die aktuelle Ausstellung „Wie die Donau nach Wien kam“ zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie die Wienerinnen und Wiener der Donau und deren Hochwassern Herr wurden. Die Sonderschau läuft noch bis zum 30. Juni. Wir sprachen dazu mit Museumsleiter Georg Friedler.

Vorteilsclub: Könnten Sie sich und das Bezirksmuseum Leopoldstadt kurz vorstellen?

Georg Friedler: Von Beruf bin ich selbstständiger Architekt. Seit Langem bin ich sowohl beruflich als auch im Bildungs- und Kulturbereich im 2. Bezirk tätig. Das Bezirksmuseum leite ich seit April 2013.

Wir sehen die Aufgabe des Bezirksmuseums primär in der Darstellung und Vermittlung der Geschichte und Kulturgeschichte der außergewöhnlich dynamischen und vielfältigen Leopoldstadt. In der Dauerausstellung werden in einzelnen Bereichen die Entwicklung des Bezirks und des Verkehrs sowie die Vielfalt der Religionen und der Kultur dargestellt.

Die Leopoldstadt war schon früh ein Knotenpunkt des öffentlichen Verkehrs, insbesondere des Bahnwesens. 1838 wurde hier der Nordbahnhof als erster Bahnhof Wiens errichtet. Eine eindrucksvolle Originalrosette des ehemaligen Nordbahnhofgebäudes illustriert diesen Aspekt der Bezirksgeschichte.

Dokumentiert wird auch die große Zahl jener prominenten Kulturschaffenden aus den Bereichen Literatur, Theater, Musik, Kunst und Architektur, die einen Bezug zur Leopoldstadt hatten. Weniger bekannt ist, dass sämtliche führenden Exponentinnen und Exponenten der österreichischen Bildhauerei des 20. Jahrhunderts einen Bezug zur Leopoldstadt hatten! Die Anfänge des Kinos in Wien um 1900 erfolgten zu einem großen Teil im Prater. Filme wurden damals noch weniger als Kunstform, sondern vielmehr als Attraktion betrachtet. Historisches Bildmaterial illustriert die 1873 in der Leopoldstadt stattgefunden habende Weltausstellung mit der 1937 abgebrannten Rotunde.  

Der besonderen Stellung des „Jüdischen Lebens“ in der Leopoldstadt wird entsprechend Raum gegeben. Der Bogen spannt sich vom 2. Ghetto über den Holocaust bis heute. Neben der Ausstellungstätigkeit machen wir auch vielfältige Veranstaltungen. In der Regel wechseln wir circa zwei Mal im Jahr unsere Sonderausstellungen.

Aktuell läuft die Sonderausstellung „Wie die Donau nach Wien kam“. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?

Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des Beginns der Umsetzung der Donauregulierung wollten wir eine Ausstellung machen, die die Entwicklung und Bedeutung der Donau für den 2. Bezirk zum Inhalt hat. Wenn man den Ausstellungsraum betritt, fällt einem gleich eine Karte der Donau im Bereich des 2. und 20. Bezirks aus dem Jahr 1791, die den gesamten Boden bedeckt, auf. Mit Bildern, Karten und Texten wird die Geschichte erzählt. So zeigen zum Beispiel ein großes Bild die Überschwemmung der Praterstraße von 1830 und eine Serie von Karten die Veränderungen des Verlaufs der Donau von 1500 bis heute.

 

Ein spannender Fakt der Ausstellung ist, dass die Menschen in der Leopoldstadt mit regelmäßigen Hochwassern zu kämpfen hatten. Wie herausfordernd war die Situation für die Menschen und wie bekam man das in den Griff?

Es waren nicht nur die Hochwasser selbst, sondern auch die damit verbundenen permanenten Veränderungen der Flussarme und deren Verlauf, die in weiten Bereichen des heutigen 2., 20., 21. und 22. Bezirks eine geordnete Ansiedlung faktisch unmöglich machten. Vor der Regulierung war der Strom mit all seinen Verzweigungen nicht in den Griff zu bekommen.

Wie würde das Leben in der Leopoldstadt aussehen, wenn die Donau nicht gebändigt worden wäre?

Das ist ein Szenario, das wir uns nicht wirklich vorstellen können. Ein Teil einer Großstadt, der auf wenige halbwegs sichere Inseln reduziert ist und permanent von katastrophalen Hochwassern bedroht wird - undenkbar.

Könnten Sie uns ein paar Beispiele nennen, wie die Geschichte der Donau die Geschichte des Bezirks geprägt hat?

Die Donau war und ist prägend für den 2. Bezirk. Einerseits durch die permanente Bedrohung vor der Regulierung und der sich andauernd verändernde Fluss hat den Lebensraum sehr begrenzt. Andererseits aber war die Verbindung der Schlagbrücke aus der Stadt zur Brücke am Tabor in Richtung Böhmen und Mähren einer der wesentlichen Entwicklungsachsen.

Der zweite Bezirk hat eine lange und bewegte Geschichte. Gibt es ein paar Anekdoten aus der Geschichte, die Sie besonders spannend finden?

Ich bin leider kein sehr guter Geschichtenerzähler. Aber eine fällt mir ein: Im Zuge der Revolution von 1848 gab es in der Praterstraße auf Höhe der Nepomuk-Kirche eine große Barrikade. Auf der soll der Geschichte nach auch Johann Nestroy gestanden sein. Jedenfalls hat ihn diese Revolution zu seinem Stück „Freiheit in Krähwinkel“ inspiriert.

Im Museum gibt es einige historische Stücke, wie zum Beispiel einen Grenzstein aus dem Prater aus dem Jahr 1691. Haben Sie ein Lieblingsobjekt? Wenn ja, welches und warum?

Im Museum gibt es einige sehr bemerkenswerte Stücke. Es ist schwer, eines als Lieblingsstück zu benennen. Ein Objekt, das mir sehr am Herzen liegt, ist eine Türe zu einer Sammelwohnung in der Krummbaumgasse 1. Mit den sichtbaren Spuren des Versuchs der Nazi, gewaltsam in diese Wohnung einzudringen, um die damaligen Bewohnerinnen und Bewohner (3 Familien) „auszuheben“, erzählt sie die Geschichte der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung sehr anschaulich. Auch wenn es damals nicht gelungen ist, in die Wohnung einzudringen, standen allein aus dieser Wohnung fünf Menschen auf den Todeslisten der Nazis und aus dem einen Haus über 170. Deshalb haben wir auch vor diese Türe „Steine der Erinnerung“ im Boden verlegt.

Gibt es schon Pläne oder Ideen für zukünftige Sonderausstellungen? Wie kann man sich eigentlich die Planung und Umsetzung einer Ausstellung wie der aktuellen vorstellen?

Die nächste Sonderausstellung heißt „Musica Femina“ und präsentiert Frauen in der Musik. Diese Ausstellung wurde uns von Irene Suchy angeboten, die sie auch hauptverantwortlich kuratiert. Die Ausstellung wird multimedial und von zahlreichen Veranstaltungen begleitet.

Grundsätzlich werden die Ausstellungen im Allgemeinen im Kollektiv der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erarbeitet.

Die Ideen kommen entweder anlässlich von historischen Ereignissen, aus spezifischen Interessen oder eben von außen. Dann wird die Recherchearbeit unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufgeteilt. Die Gestaltung liegt dann in den Händen unserer Mitarbeiterin, die eine professionelle Grafikerin ist, und mir. Mit wenigen Ausnahmen wird alles in Eigenproduktion hergestellt.