Katte Spiel forscht an Objekten, die Technik für Menschen die nicht der Norm entsprechen nutzbar machen. Hier zum Beispiel Eine Armstulpe, die bei Bewegung Lichter erzeugt und somit positive sensorische Erfahrungen für neurodivergente Menschen ermöglichen soll. © Katta Spiel, Kearsley Schieder-Wethy

 

Gerechtigkeit und Technologie

Wie können Technologien Menschen gerecht werden, die nicht der Norm entsprechen? Katta Spiel von der TU Wien geht dieser Frage nach und wurde dafür für den Hedy Lamarr-Preis nominiert.

Mit dem Hedy-Lamarr-Preis zeichnet die Stadt Wien Forscherinnen für herausragende Leistungen im Bereich der Informationstechnologie aus. So will man nicht nur Leistungen sichtbar machen, sondern auch positive Rollenbilder für Mädchen und junge Frauen präsentieren.

Mit Katta Spiel ist auch eine nicht-binäre Person nominiert. Wir sprachen mit Spiel über Forschung, Gerechtigkeit in der Technologie und über die Sichtbarkeit von Inter*-Personen in der Wissenschaftsgemeinschaft.

Vorteilsclub: Könnten Sie uns etwas über Ihren Werdegang erzählen? Was hat in Ihnen die Liebe zur Informationstechnologie geweckt?

Katta Spiel: Tatsächlich war es so, dass ich schon früh an Technik interessiert war und in meiner Familie immer alle Geräte repariert hatte. Dennoch habe ich mich dann erstmal in ein geisteswissenschaftliches Studium inskribiert, nämlich Medienkultur an der Bauhaus Uni in Weimar. Dort habe ich ein Buch eines relativ bekannten Medientheoretikers gelesen. Das war auch sehr gut, aber mich hat dann etwas irritiert, dass so kleine technische Feinheiten ignoriert wurden, die aber für die theoretischen Überlegungen von meiner Sicht aus wichtig gewesen wären zu unterscheiden. Das ist mir später im Übrigen auch immer wieder aufgefallen. Jedenfalls habe ich dann beschlossen, zusätzlich noch Informatik (beziehungsweise Mediensysteme) zu studieren. In dem Zusammenhang habe ich mich dann schon von Anfang an maßgeblich für Fragen der Mensch-Maschine-Interaktion interessiert und auch dafür, welche Auswirkungen welche Technologien auf Individuen und Gesellschaft haben.

Wie kann man sich Ihre aktuelle Arbeit an der TU Wien vorstellen?

Meine Arbeit ist grundsätzlich sehr abwechslungsreich, weil dabei viele unterschiedliche Aspekte zusammenkommen. Einerseits das Lesen vieler wissenschaftlicher Artikel, andererseits auch das Schreiben von solchen. Aber am allerliebsten ist mir eigentlich die empirische Arbeit, wo ich am liebsten partizipativ arbeite, also direkt mit den Personen, die Technologien später benutzen sollen, zusammenarbeite, um herauszufinden, was Technologie derzeit (noch) nicht kann, welche Auswirkungen existierende auf ihr Leben haben und wie sie sich selber wünschen, dass Technologie einen guten Platz in ihrem Leben finden kann. Und letztlich kommt dann auch noch die kreative Seite dazu, wenn es dann darum geht, solche Technologien zu realisieren.

Könnten Sie ein Projekt, an dem Sie aktuell arbeiten, vorstellen?

Derzeit arbeite ich an einer Serie an konzeptuellen Prototypen, die zeigen sollen, dass sogenannte Wearables, also Technologien, die am Körper getragen werden, auch für nicht-normative Körper gestaltet werden können. Dabei geht es mir konkret darum, ein positives Gefühl bei den Menschen zu erzeugen, die diese tragen und nutzen, und zwar nach ihren Vorstellungen. Mein besonderer Fokus liegt hier bei sensorischen Erfahrungen, die eventuell eine wohltuende oder beruhigende Wirkung haben, insbesondere für Menschen, deren Wahrnehmung nicht den typischen Prozessen entspricht.  

Die Nominierung ist für Ihre Forschung im Bereich Gerechtigkeit in der Gestaltung von Technologien. Inwiefern ist Gerechtigkeit ein technologisches Thema?

Da kann ich gleich an mein derzeitiges Projekt anschließen. Dieser Ansatz einer Technikgestaltung, die sich dezidiert nicht an existierenden Normen orientiert, ist genau deswegen so wichtig, weil die Technologien, mit denen wir tagtäglich interagieren, ständig Annahmen über uns treffen, die in den meisten Fällen nicht für alle passen. Beispielsweise gehen viele Computerspiele davon aus, dass Spieler*innen immer gleichzeitig sehen und hören können beziehungsweise durch flackernde Lichtmuster nicht beeinflusst werden. Umgekehrt ist es aber auch so, dass wenn Behinderung explizit ins Spiel kommt, Technologie sich dann meist nur um diese Behinderung dreht. Dabei wird dann oft vergessen, dass eben beispielsweise eine andere Wahrnehmung nicht bedeutet, dass es nicht mehr gewünscht ist, auch an modernen Kulturgütern und angenehmen Erfahrungen, die vielleicht sogar speziell auf diese Wahrnehmung zugeschnitten sind, teilzuhaben. Aber das betrifft auch andere Bereiche, wie das Beispiel vom AMS-Algorithmus zeigt, der Frauen, Migrant*innen, behinderten Personen und Alleinerzieher*innen schlechtere Prognosen zugesprochen hat und damit existierende Vorurteile und die daraus resultierende Armutsspirale potenziell weiter gefestigt hätte.

Inwiefern, würden Sie sagen, haben sich Corona und die Lockdowns auf diese Problemstellungen ausgewirkt?

Derzeit halte ich es immer noch nicht für sicher, länger andauernde Kooperationen mit marginalisierten Personen zu starten. Viele meiner Designexplorationen brauchen nämlich die Vor-Ort-Zusammenarbeit, auch weil es sich bei unseren Körpern um einen sensiblen Bereich handelt. Ich kann mir nicht vorstellen, über Verletzlichkeit und auch geschehene Verletzungen über Zoom zu reden. Dahingehend habe ich in den letzten zwei Jahren eher Literaturanalysen verfasst und eine Arbeit fertiggestellt, in der ich aus meiner Perspektive als inter* beziehungsweise nicht-binäre Person digitale Infrastrukturen erforscht habe.

Was bedeutet die Nominierung für Sie?         

In erster Linie fühle ich mich natürlich geehrt, auch weil der FWF mich jetzt schon das zweite Jahr in Folge nominiert hat. Das zeigt mir, dass es schon aufseiten des Fördergebers hier eine große Wertschätzung für meine Arbeit gibt, die ich nicht als selbstverständlich betrachte. Dennoch sehe ich es auch zwiegespalten. Der Preis ist ja in erster Linie für Frauen ausgeschrieben, selber bin ich aber keine Frau, sondern eben nicht-binär beziehungsweise inter*. Das wird in diesem Kontext dann oft ziemlich aggressiv überschrieben. Deshalb versuche ich, in der Nominierung auch eine Sichtbarkeit für inter* beziehungsweise nicht-binäre Personen zu erzeugen, weil es immer heißt, es gäbe ja nicht so viele. Aber wenn wir dann mal wo sind, werden wir halt auch nicht als solche bezeichnet. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. In dem Zusammenhang finde ich aber auch, dass ich etwas mit Hedy Lamarr gemeinsam habe. Ihre Biografie hat ja den Titel „The only woman in the room“ - also „Die einzige Frau im Raum“. Und als oftmals einzige nicht-binäre beziehungsweise Inter*-Person geht es mir da oft ähnlich. Ich kann dann nur hoffen, dass sich das auch für mich langsam ändert.

Der Hedy Lamarr-Preis ehrt Frauen in der IT. Wie würden Sie die Entwicklung des Sektors in Sachen Gleichstellung bewerten?

Wie oben schon bemerkt, bin ich ja selber keine Frau und habe da mit etwas anderen Problemen zu kämpfen. Grundsätzlich bin ich aber der Überzeugung, dass auch im Hinblick auf die Gleichstellung von Frauen noch einiges zu tun ist, wobei dies schon sehr früh bei der Entwicklung von Rollenbildern anfängt. Als ich mit dem Informatikstudium angefangen habe, waren in meinem Jahrgang 90 Prozent Männer. Das ist zwar extrem im Vergleich, aber auch an der TU Wien studieren über alle Studiengänge hinweg zweieinhalb Männer für jede Frau. Und für Inter*- beziehungsweise nicht-binäre Personen gibt es überhaupt keine belastbaren Zahlen, auch weil wir oftmals gar nicht erst adäquat mitgezählt werden. Oder Forschungsanträge stellen können, ohne unser Geschlecht falsch anzugeben. Da spielen IT-Systeme im Übrigen auch eine große Rolle, weil viele das Geschlecht einfach nur als binäre Kategorie ablegen und es dann auf einmal nur schwer möglich wird, diese Kategorie zu ändern. Es gibt also viel zu tun.

Welche Maßnahmen werden in den nächsten Jahren wichtig sein, um die IT noch gerechter und inklusiver zu machen?

Das kann ich so pauschal natürlich nicht sagen, auch weil sich das Mehrheitsverständnis von Gerechtigkeit ständig ändert und das nun mal leider ausschlaggebend dafür ist, was möglich ist. Grundsätzlich wird es aber darum gehen, die starren Kategorien, die durch Technologien eingeführt und verstärkt werden, aufzubrechen und flexibler zu gestalten. Das heißt, dass Entwickler*innen sich auch zurücknehmen müssen werden - in dem, was sie glauben zu wissen und wie sie denken, die Welt modellieren zu wollen. Dabei hoffe ich auch, dass partizipative Methoden dazu führen, dass Techniker*innen nicht mehr so oft alleine ohne Einbindung von betroffenen Gruppen Entscheidungen für die Gesamtgesellschaft treffen können. Dabei wird es aber nicht nur wissenschaftliche Arbeiten brauchen, sondern auch politische Rahmenbedingungen, die ethische Grundlinien festlegen und das Auditieren von Algorithmen und Systemen nachhaltig in den Entwicklungsprozessen verankern.