Die SG INSIGNIS Handball WESTWIEN, hier Torhüter Sandro Uvodic, spielen in Österreichs höchster Handballliga. CLUB WIEN war bei einem Training zu Gast. © Bohmann/Bubu Dujmic

 

Handball: Der Zehnkampf unter den Ballsportarten

Handball ist nicht erst seit der Europameisterschaft, die im Jänner Österreich begeisterte, in aller Munde. Der Sport zieht in Wien immer mehr Menschen in seinen Bann. CLUB WIEN war bei einem Training von SG INSIGNIS Handball WESTWIEN zu Gast.

Für Roland Marouschek, Sportdirektor und Cheftrainer bei der SG INSIGNIS Handball WESTWIEN ist klar: Handball ist eine der natürlichsten Ballsportarten. „Den Ball mit der Hand zu spielen, ist intuitiv. Schon als Kleinkind hat man den natürlichen Impuls, Bälle oder Steine mit der Hand aufzuheben“, sagt Marouschek. Komisch also, dass der populärste Ballsport des Landes den Ball mit dem Fuß spielt. Doch auch wenn Handball in Österreich noch nicht die Bedeutung wie in Frankreich oder Skandinavien hat, ist der Sport auf dem Vormarsch.

Kraft, Schnelligkeit, Einsatz

WESTWIEN spielt in der spusu Liga, Österreichs höchster Handballliga. CLUB WIEN war bei einem Training zu Gast und konnte sich vor Ort ein Bild des Alltags der Profis machen. Der erste Eindruck: Handballer sind waschechte Modellathleten - groß gewachsen, muskulös und durchtrainiert. Das müssen sie auch sein. „Handball fordert den ganzen Körper, von Kopf bis Fuß, und ist auch ein Sport mit Körperkontakt. Wir müssen extrem fit sein, sonst besteht auf diesem Niveau schon eine hohe Verletzungsgefahr.“ Darum trainiert der Verein auch acht bis neun Mal die Woche, die Schwerpunkte liegen auf Kraftkammer, Balltrainings und Ausdauertrainings.

 

Beim Vormittagstraining in der Sporthalle im Haus der Begegnung Liesing wird mit dem Aufwärmen begonnen. Mit sanften Lockerungsübungen bringen die Handballhünen ihre Muskeln auf Betriebstemperatur. Im Anschluss startet das Team ein Basketballmatch. „In vielen Handballvereinen wird zum Aufwärmen gekickt. Bei uns auch gelegentlich, aber Basketball finde ich persönlich besser, da es auch den Oberkörper aktiviert. Ganz generell ist es eine feine Abwechslung für die Jungs“, so Marouschek, der als Bub vom Skifahren zum Handball kam und von der U10 weg alle Stationen bei WESTWIEN durchlaufen hat.

Spielintelligenz ist gefragt

Die Faszination Handball liegt für Marouschek, der auch Österreichs Jugendnationalmannschaft trainiert, in der Dynamik. „Wir sagen gerne, dass Handball der Zehnkampf unter den Ballsportarten ist. Man muss alles können. Laufen, springen, werfen, physisch stark sein, und auch mental ist man gefordert. Handball ist ein extrem schneller Sport, bei dem man auch schnell denken muss. Spielintelligenz ist ganz wichtig.“ Und Handball ist auch ein harter Sport mit viel Körperkontakt. „Wir spielen hart, aber immer fair. Darauf legt man in der Handballwelt viel Wert.“

Gespielt wird mit sechs Feldspielerinnen oder Feldspielern und einer Torwartin oder einem Torwart pro Team. Auswechseln darf man im Gegensatz zum Fußball laufend und nach Belieben. Eine Trennung nach Sturm und Verteidigung gibt es nicht, sämtliche Spielerinnen und Spieler sind je nach Ballbesitz an beiden Enden des Feldes gefragt. Vor dem Tor gibt es den Wurfkreis, den nur die Torwartin oder der Torwart betreten darf. Spielerinnen und Spieler dürfen allerdings hineinspringen, um zu werfen. Sie müssen den Wurf abschließen, bevor sie auf dem Boden landen. Wer gegen die Regeln verstößt, muss mit einer Zeitstrafe rechnen, ganz wie beim Eishockey. Ein Pendant zum Elfmeter gibt es auch, hier ist es der Siebenmeter.

Die Basics sind schnell erklärt

Objekt der Begierde ist der Handball. Falls Sie sich mal gewundert haben, wie die Spielerinnen und Spieler den Ball trotz Schweiß so gut halten können, hier ist die Antwort: Kleber. Vor dem Match wird die Hand richtig klebrig gemacht, damit der Ball spielbar bleibt. „Anders ginge das nicht, bei der Belastung wären die Hände viel zu verschwitzt“, sagt Marouschek. Der Kleber hinterlässt auch auf dem Hallenboden seine Spuren, darum ist Handball bei den Hallenwarten nicht unbedingt der beliebteste Sport.

Marouschek erklärt uns, wie man den Ball führt. Wir halten diesen in einer Hand, die Finger ganz weit gespreizt. Große Hände sind sicher kein Nachteil. Im Spiel darf man drei Schritte mit dem Ball machen, danach muss man tippen und dann passen. Getippt wird aber eher selten, da der Ball beim Passen wesentlich schneller ist als beim Laufen. Wie das geht, zeigen die Profis beim Hauptteil des heutigen Vormittags vor: dem Wurftraining. Da wird aus allen Lagen geschossen. Teils werden vor dem Werfen Passkombinationen gespielt, die erahnen lassen, wie schnell es beim Handball zugeht. Wir haben schon beim Zuschauen Schwierigkeiten, dem Ball zu folgen.

Unsere Hochachtung gilt dabei schnell dem Torhüter, der sich mit erstaunlichem Gleichmut den harten Würfen entgegenstellt. In einem Match kann so ein Ball gerne mal 180 Kilometer pro Stunde erreichen. Das tut uns schon beim Zuhören weh. Die Torhüterinnen und Torhüter der Welt haben ihren Furchtreflex aber längst überwunden. Handball ist auch ein Sport fürs Auge. Die in die Wurfzonen springenden Spielerinnen und Spieler machen Eindruck.

Toller Sport für Buben und Mädchen

Marouschek hofft, dass der Elan der Europameisterschaft für mehr Nachwuchs im Handballsport sorgt. „Ich denke, das ideale Alter, um anzufangen, ist so rund um zehn Jahre. Davor sollten die Kinder so viele Sportarten ausprobieren wir möglich. Gute Grundlagen für Handball sind Leichtathletik und Judo, weil man da lernt zu fallen.“ In Wien gibt es viele Vereine, die Trainings für Kinder anbieten, bei denen es spielerisch zugeht und der Spaß im Vordergrund steht. Infos dazu finden Sie zum Beispiel beim Wiener Handballverband.

Für Marouschek ist Handball ein toller Sport für Kinder. „Erstens wird man bei uns topfit und zweitens ist es eine gute Lebensschule. Man lernt Teamfähigkeit, Disziplin, Kritikfähigkeit und die Kinder wissen dann, wie man mit Sieg und Niederlage ganz ohne Frustration umgeht. Das sind alles Lektionen, die man für das Leben lernt.“