In der Stadtwildnis Holubstraße kann man seine Dschungel-Fantasien ausleben. © Bohmann

 

In den Dschungeln der Stadt

Die Wiener Gstett’n sind kleine Oasen, in denen die Natur wachsen darf, wie es ihr gefällt. Falls Sie gerne ein paar dieser wilden Flächen besuchen möchten, haben wir ein paar Tipps für Sie.

Plötzlich Dschungel: Gerade noch sind wir durch die belebte Engerthstraße spaziert, der 11A rauschte an uns vorbei und das geschäftige Treiben auf einem Spielplatz sorgte für eine lautmalerische Stadtkulisse. Und jetzt, nur ein paar Schritte weiter, stehen wir mitten im Dickicht, sehen nur wild wachsendes Grün und lauschen den Eichhörnchen dabei, wie sie in den Bäumen auf Nahrungssuche rascheln.

Der Dschungel in der Leopoldstadt

Die Stadtwildnis Holubstraße ist ein Musterbeispiel für die Wiener Gstett’n. Die Wiener Stadtwildnisflächen sind Areale, die längere Zeit ungenützt und sich überlassen blieben und sich zu wunderbaren Lebens- und Rückzugsräumen für Flora und Fauna entwickelt haben. Man findet sie quer durch die Stadt, und sie alle sind ein Geschenk für die biologische Vielfalt Wiens. Hier wachsen Gräser, Kräuter, Moose und Pflanzen, die in den geplanten Grünflächen, seien es Parks oder Gärten, allzu oft keinen Platz finden.

Der beste Weg, die Wiener Gstett’n zu entdecken, ist die Broschüre "Am Anfang war die Gstett’n" der Wiener Umweltanwaltschaft. Ein einmaliges und informatives Kompendium, in dem man nachlesen kann, was Gstett’n überhaupt sind, wie sie entstehen, was dort genau wächst und wo sie sich auftun. Außerdem gibt’s diverse Tipps zum Besichtigen, auch unsere Gstett’n haben wir dort gefunden. Die Broschüre gibt es zum Downloaden unter diesem Link.

Eingebettet zwischen diversen Wohnbauten, ist die Stadtwildnis Holubstraße schon von außen als ungezähmtes Areal erkennbar. Dicht bewachsen, sieht man das Innere nicht, man erkennt aber gleich, dass dies keine gepflegte Parkfläche ist. Ein paar Bänke bieten Raum, um am Rand der Wildnis Entspannung zu finden, diverse Wege führen durch das Areal. Eichhörnchen und Vögel fühlen sich hier pudelwohl. Im Norden der Stadtwildnis verlässt man den kleinen Dschungel und erreicht eine stillgelegte Bahntrasse, auf der nun eine wilde Wiese wächst. Kräuter und Sträucher haben das Gebiet vollständig zurückerobert, und auch die Tierwelt floriert. Spätabends kann es schon passieren, dass man eine Maus über den Weg flitzen sieht.

 

Eine Wiese für den Schmetterling

Apropos Wiese: Wer wilde grüne Flächen mag, der wird ironischerweise in einem der größten künstlichen Parks der Stadt fündig, im Donaupark. Dort findet man diverse kleinere Wildflächen, aber auch die große Schmetterlingswiese. Direkt neben der UNO-City hat die Wiener Umweltanwaltschaft in Zusammenarbeit mit DIE UMWELTBERATUNG, den Wiener Stadtgärten und Stadt Wien - Umweltschutz ein Schmetterlingsprojekt mit dem Titel VANESSA, benannt nach Vanessa atalanta, dem wissenschaftlichen Namen eines der schönsten heimischen Tagfalter, ins Leben gerufen. Indem man typische Schmetterlingspflanzen ausgesät und auch Sträucher als Nahrungsquelle platziert hat, schuf man ein Areal, das Schmetterlingen den perfekten Lebensraum bietet.

Disteln, Nacht- und Königskerzen, Pfeilkresse, Beifuß, Sauerampfer, Salbei und natürlich Brennnessel: Hier wächst die Natur, wie sie will. Jetzt im Frühsommer sind die vielen Mohnblumen ein wunderbarer Anblick. Zwei kleine Teiche gibt es auch, vor allem Libellen haben sich hier niedergelassen. Die Wiese ist ein voller Erfolg: Über 45 Arten von Tagfaltern konnte man bereits vorfinden, darunter streng geschützte Arten wie der Große Feuerfalter, der Segelfalter und der Weiße Waldportier.

Die Natur erobert ihren Platz

Wenn man der Natur ihren Spielraum zugesteht, dann holt sie sich den Platz, den sie braucht. Das sieht man im Wertheimsteinpark besonders gut. Der alte Park im 19. Bezirk liegt genau zwischen der Döblinger Hauptstraße und der Heiligenstädter Straße. Der Park selbst ist ein verstecktes Kleinod, das man selbst dann verpassen könnte, wenn man fast direkt daran vorbeigeht. Im nördlichen Teil des Parks, zwischen der Mauer zur Bahntrasse und einem Steilhang, wird kaum gepflegt, und Stück für Stück werden hier Parkbäume und Zierpflanzen von heimischen Arten überwuchert. Robinie, Götterbaum und Ahorn, aber auch Blasenesche und Walnuss holen sich ihren Raum zurück.

Totholz wird hier einfach liegengelassen und ist meist mit einer dicken Moosschicht überzogen, die allerhand Waldbewohnern Nahrung bietet. Der Anblick kann getrost als wildromantisch bezeichnet werden. Vor allem nachts zeigt sich dann, wie gut es der Natur gelungen ist, sich mitten im 19. Bezirk wieder heimisch zu machen. Eulen und Fledermäuse drehen hier ihre Runden ebenso wie Marder und Ratten. Außerdem gibt’s einen sehr schönen und ursprünglichen Teich, in dem man sogar Teichhühner beim Brüten beobachten kann.

Bahntrassen als Naturwunder

Wie schon bei der Stadtwildnis Holubstraße angedeutet, sind Bahntrassen oft ein Hotspot für Gstett’n-Fans. Kein Wunder, verlassene Bahntrassen werden nicht gepflegt, wenig frequentiert und sind im Wesentlichen sich selbst überlassen. Ideale Voraussetzungen also. Aber auch aktive Bahntrassen bieten dank ihrer Abgeschiedenheit oft hervorragenden Lebensraum. Wer mit der S-Bahn aus dem dicht besiedelten Stadtgebiet rausfährt, kann schon mit einem Blick aus dem Fenster oft so einiges an Naturwuchs bestaunen.

In Wien sind es aber die verlassenen Trassen, die interessant sind. Und da gibt’s einige. Bahnhof Heiligenstadt und Bahnhof Breitenlee sind zwei heiße Tipps, rund um den Nordbahnhof gibt es auch einiges zu sehen. Geheimtipps sind dagegen die Parkanlagen Panoramaweg und Schütte-Lihotzky-Weg in Simmering.

Grob gesagt, liegt das Areal zwischen Medwedweg und Eyzinggasse, gleich neben dem Schütte-Lihotzky-Weg. Auf einem stillgelegten Bahndamm, Gleise gibt es teilweise noch, überwuchert die Natur mit Freuden die Reste einer ehemaligen Bahnanlage. Große und prächtige Sträucher, etwa Pfaffenhütchen oder Holler, findet man hier ebenso wie die typischen Gstett’n-Pflanzen, allen voran die Mohnblume. Sogar die hölzernen Bahnschwellen sind Teil des Schauspiels, dick von Moos überwuchert und stark verwittert.

Gstett’n gibt’s aber nicht nur an diesen Orten. Gstett’n gibt’s überall. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, wird immer wieder fündig. Ein überwuchertes Eckerl im Lieblingspark, ein wilder Abschnitt rund um ein Haus, das selten genutzt wird, die ungezähmten Sträucher neben dem Lieblingsradweg. Gstett’n gibt’s viele in Wien, und das ist auch gut so, denn als Rückzugsraum für heimische Tiere und Pflanzen sind sie einfach nicht zu ersetzen. Für uns Menschen sind sie ein schöner Anblick und ein spannender Ausflug weg von der geplanten Wiese hin zur ursprünglichen Natur.