Ernst Brajer, hier mit Lebensgefährtin, Manuela Eremiasch hat den Greißler in die Ameisbachzeile zurückgebracht. Extrawurstsemmeln und Krapfen zählen im Fasching zu den Bestsellern. © Bohmann/Andrew Rinkhy

 

Endlich ein Greißler im Gemeindebau

In der Ameisbachzeile 119-123 in Ottakring gibt es dank "Ernstl's Greisslerei" wieder einen Nahversorger. Höchste Zeit, wie viele BewohnerInnen finden. Schön langsam entsteht ein Grätzeltreff und die Gemeinschaft kehrt in die Nachbarschaft zurück.

Zwei schöne große Kartoffeln, eine Handvoll Tomaten und eine Gurke wandern in die Einkaufstasche. "Dann brauch ich noch ein paar Semmel und 20 Deka von der Extrawurst", sagt Barbara. Die Studentin der Theaterwissenschaften ist schon kurz nach acht in "Ernstl's Greisslerei", um einzukaufen. Die Waren sind aber nicht für ihre Küche bestimmt. "Ich kaufe heute für meine Nachbarin, Frau Berger, ein."

Ein Ort zum Einkaufen und zum Kennenlernen

Als Ernst Brajer die Greißlerei im November 2018 eröffnete, war es sein Wunsch, einen Grätzeltreff daraus zu machen. Schön langsam klappt das auch. Barbara zum Beispiel kannte ihre Nachbarin vorher gar nicht. Erst als sie sich beim Greißler trafen und Barbara im Gespräch anbot, hin und wieder Einkäufe mitzunehmen, lernten sie sich kennen. Heute plaudern die beiden sehr gerne.

 

"Die Idee schwirrte schon seit einigen Jahren in meinem Kopf herum", sagt Brajer, wenn man ihn über seine Geschäftseröffnung befragt. "Beruflich verändern wollte ich mich schon seit geraumer Zeit, jetzt war der Moment da." Den gelernten Verkäufer zog es in den Gemeindebau. Einerseits wollte er sich selbstständig machen, andererseits die Nachbarschaft beleben. "Ich würde mir wünschen, dass die Kommunikation wieder besser wird und die Leute wie früher zusammenkommen, Kaffee trinken und tratschen", sagt Brajer und erinnert sich an frühere Zeiten. Auch seine Mutter hat bei einem Greißler in der Penzinger Straße gearbeitet.

Leute nehmen das Angebot immer besser an

Beim Sortiment konzentriert er sich auf die Produkte des täglichen Bedarfs. Gemüse, Obst, Gebäck, Wurst, Käse, Zucker, Kaffee: Das sind die Eckpfeiler des Geschäfts. "Wenn es draußen warm wird, werden wir auch Eis verkaufen. Und seit Kurzem haben wir Magazine im Angebot", sagt Brajer. Leicht war das nicht immer. "Am Anfang hatten wir eine Durststrecke. Das muss man schon ganz offen sagen. Jetzt geht es aber schon deutlich bergauf und das Geschäft nimmt an Fahrt auf", sagt Brajer.

Dafür sind nicht zuletzt die Stammkundinnen und -kunden verantwortlich. Zwei Herren im hinteren Bereich des Ladens kommen fast täglich auf einen Kaffee vorbei. Sie sind sich einig: Die Greißlerei hat gefehlt und gibt den Leuten endlich einen Ort, an dem man sich ungezwungen treffen und bei einem Kaffee plaudern kann. Das Tratschen wird von Brajer und seiner Lebensgefährtin Manuela Eremiasch unterstützt. "Die Leute können jederzeit zum Reden vorbeikommen. Wir sind schließlich ein Greißler und kein Supermarkt", sagt Eremiasch. Die Idee mit dem Greißler findet auch sie super. "Sonst würde ich den Ernstl ja nicht so unterstützen."

Greißler im Gemeindebau

Hemmschwellen überwinden

Die Beziehung zu den Menschen der Nachbarschaft ist Brajer wichtig. Mit der Zeit werden aus Geschäftsbeziehungen Freundschaften. "Man spricht über Gott und die Welt, auch über persönliche Dinge. Kürzlich ist zum Beispiel der 16 Jahre alte Hund einer Bewohnerin gestorben. Da haben wir gemeinsam geschluchzt", sagt Brajer.

Bei vielen Kundinnen und Kunden merkt Brajer aber immer noch eine gewisse Hemmschwelle. "Ich denke, der Grund dafür ist, dass die Leute es nicht mehr gewohnt sind, beim Greißler einzukaufen. Viele kennen einfach nur mehr den anonymen Supermarkt. Da fällt es vielen, vor allem den Herren, direkt schwer, wenn sie dann in ein Gespräch verwickelt werden", sagt Brajer. Er betont aber auch, dass bei den allermeisten die anfängliche Scheu ganz schnell verfliegt.

Eine Erleichterung für die Menschen

Wenn es gelegentlich einen harten Tag zu bewältigen gibt, dann ist es die Dankbarkeit der Menschen, die Brajer Freude bereitet. "Wir sind sehr froh, dass wir einen Greißler haben", sagt Ingrid Rzeschabek. Die Pensionisten wohnt in der Spiegelgrundsiedlung, nur zwei Gehminuten entfernt. "Ich komme fast jeden Tag her, man braucht ja nahezu täglich Semmel oder Obst. Im Winter ist es eine enorme Erleichterung. Hier wohnen viele alte Menschen, die tun sich im Winter schwer, weite Wege zurückzulegen", sagt Rzeschabek.

Den sozialen Kontakt weiß die Dame ebenfalls zu schätzen. "Wir haben nette Greißler und da plaudert man natürlich gerne und teilt auch einmal seine Sorgen." Heute kauft Frau Rzeschabek Brot ein. "Ein halbes Kilo ist mir ein bisschen zu viel, da bleibt immer was über. Ich bin froh, dass man hier auch kleinere Mengen kaufen kann, weil nicht alles paketiert ist", sagt Rzeschabek.

Brajer verabschiedet die Kundin und gesellt sich in einer ruhigen Minute zu den Gästen an den beiden Kaffeetischen. Für einen kurzen Plausch ist der Mann hinter "Ernstl's Greisslerei" schließlich immer zu haben.