Apothekerin Karin Simonitsch (links) mit einer Kundin.
Frau Simonitsch mit einer Kundin: Ein Lächeln ist das Mindeste, was einem Menschen entgegengebracht werden sollte. © Marien Apotheke

Wo Gehörlose "Gehör" finden

In der Wiener Marien Apotheke findet sich Europas einziger gehörloser Apotheker. Eine unkonventionelle Erfolgsgeschichte.

Mariahilf. Der Name des Bezirks ist im Haus von Karin Simonitsch Programm. Die Marien Apotheke in der Schmalzhofgasse versteht sich seit über 100 Jahren als Anlaufstelle für die kleinen und großen gesundheitlichen Sorgen der Wienerinnen und Wiener: seit einiger Zeit gilt das auch für Gehörlose.

Als vor knapp sechs Jahren der erste Kontakt mit dem Thema „Gehörlosigkeit“ erfolgte, war der heute eingeschlagene Weg noch in weiter Ferne. Ursprünglich als Freundschaftsdienst, wurde der erste gehörlose Auszubildende angestellt. Doch der Start war mehr als holprig. Zunächst galt es, einen neuen, ganz eigenen Ablauf für die Lehre zu entwickeln. Schließlich können Gehörlose nicht so einfach in die Berufsschule gehen. Die Vortragenden werden ja nicht gehört, weshalb ständig jemand anwesend sein muss, der simultan übersetzt. Eigene Notizen blieben daher Utopie. Trotz dieser Hürden konnte die Ausbildung mittlerweile erfolgreich abgeschlossen werden.

Heute beschäftigt Frau Simonitsch zwei gehörlose Pharmazeutisch-kaufmännische Assistenten, PKA. Eine weitere Mitarbeiterin beherrscht die Gebärdensprache, da sie als Kind gehörloser Eltern, CODA: Children Of Deaf Adults, damit aufgewachsen ist. Europas einziger gehörloser Apotheker verstärkt das Team seit etwa einem Jahr.

Das Finger-Alphabet.
Buchstabieren für Gehörlose: Mit dem Finger-Alphabet. © Marien Apotheke

Aufklärung

Im Sommer 2014 ging das Team rund um Karin Simonitsch dann in die Offensive. Mit selbst produzierten Info-Videos will man gezielt Gehörlose ansprechen und präventiv mit Informationen rund um das Thema Gesundheit versorgen. So drehen sich die ersten Clips, ganz der Jahreszeit entsprechend, um Themen wie den Unterschied zwischen Grippe und grippalem Infekt oder die Stärkung des Immunsystems. Über ein verschlüsseltes System der Videotelefonie werden zudem bald Videokonferenzen mit dem gehörlosen Apotheker Sreco Dolanc möglich, wodurch vorsichtige Erstdiagnosen gestellt und so unnötige Wege und Sorgen vermieden werden können.

Darüber hinaus versucht man, vor allem für die ältere Generation, persönlich mit Gehörlosen in Kontakt zu kommen. In Zusammenarbeit mit dem WITAF, dem Wiener Taubstummen-Fürsorge-Verband, tritt man regelmäßig bei Vorträgen auf, versucht Ängste zu nehmen und Informationsmängel zu beheben. Die Resonanz zeigt, dass der Bedarf dafür mehr als gegeben ist.

Symbolbild der Gebärdensprache. © Marien Apotheke

Potenzial

Doch Frau Simonitsch denkt bereits in größeren Maßstäben. „Meine ursprüngliche Überlegung war es, wie man bei Gehörlosen eine psychische Erkrankung, wie etwa eine Depression, diagnostizieren kann. Ein standardisierter Fragebogen könnte hier vielleicht Hilfestellung leisten. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg“, ist sie sich der Schwierigkeiten durchaus bewusst. Zumal wichtige Komponenten fehlen: „Ich hätte gerne, dass Klischees wie ‚Blinde werden Masseure, und Gehörlose werden Köche‘ ein Ende haben und versucht wird, eine gehörlose Medizinerin oder einen gehörlosen Mediziner auszubilden. Noch immer bleibt fast allen Gehörlosen sogar die Matura versagt. Deutsch ist für sie ja schließlich die erste Fremdsprache, und ohne massive Hilfe aus dem sozialen Umfeld oder die Aufnahme der Gebärdensprache als Unterrichtssprache wird diese Hürde auch weiterhin bestehen bleiben.“ Auch ein auf gehörlose Pensionistinnen und Pensionisten spezialisiertes Heim hält Simonitsch für notwendig.

Bis es so weit ist, bleibt die Marien Apotheke für viele Gehörlose der erste Kontaktpunkt zum medizinischen System. In der Zwischenzeit, falls Ihnen jemand mit der flachen Hand auf Schulterhöhe von links nach rechts winkt: Lächeln Sie, und winken Sie zurück, ein freundliches „Hallo“ freut jeden Menschen.

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