"Im Ernstfall muss jeder Handgriff sitzen", soJens-Christian Schwindt, Neonatologe. © Bohmann/Lukas Beck

Ein Baby zum Üben

Paul wiegt 1.000 Gramm, ist 35 Zentimeter groß und hat zarten Haarflaum auf dem Köpfchen. Er ist ein Hightech-Gerät. Der weltweit kleinste Frühchen-Trainingssimulator kommt aus Wien.

Der kleine Brustkorb hebt und senkt sich, Paul atmet regel­mäßig. Plötzlich verändert sich aber seine Atmung, er läuft blau an. Jetzt liegt das Leben des viel zu früh Gebore­nen in den Händen des Neonatologen und seines Teams. Der Kleine muss sofort intubiert und künstlich beatmet werden. Paul ist so winzig, wirkt so schutzbedürftig, das Team gibt alles, um ihn zu retten. Kaum zu glauben, dass dieses Baby eine Puppe ist.

Mit der Hightech-Puppe Paul können medizinische Teams die Versorgung eines Frühgeborenen üben. Frühchen Paul wurde in Wien entwickelt und produziert. © Stadt Wien/Bohmann Verlag

Emotionale Bindung

Eine Hightech­-Puppe, ein Simulator für Trainingszwecke. Nicht nur auf den ersten Blick wirkt der Säugling verblüffend echt. Für die "Geburt" von Paul, der einem Frühgeborenen der 27. Schwangerschaftswoche nachempfunden wurde, ist ein Team von Expertinnen und Experten aus den Bereichen Frühgeborenenmedizin, Special Effects Design und Animatronics verantwortlich. Es hat sein realistisches Äußeres gemeinsam entwickelt. Dass die Trainingspuppe so lebensecht gestaltet ist, hat einen wichtigen Grund.

"Je realistischer Paul wahrgenommen wird, desto intensiver ist die emotionale Bindung des medizinischen Personals und damit auch der Lernerfolg", weiß Jens-Christian Schwindt, quasi der Vater von Paul. Hat doch der Neonatologe die Idee zu dem Simulator entwickelt. Schwindt hat viele Jahre als Oberarzt an der größten Früh- und Neugeborenen-Intensivstation Österreichs im Wiener AKH gearbeitet. "15 Millionen Kinder werden pro Jahr weltweit zu früh geboren, das sind rund zehn Prozent aller Neugeborenen. Jede dieser Geburten ist ein Notfall. Die meisten hätten ohne medizinische Betreuung keine Chance."

Via Monitor und Computer werden Werte wie zum Beispiel die Pulsfrequenz kontrolliert. © Simcharacters

Jede Minute zählt

Richtig versorgt hingegen haben die Frühchen hervorragende Überlebenschancen und sogar die Aussicht auf ein völlig gesundes Leben. Dafür ist jedoch rasches und richtiges Handeln notwendig. "Die Versorgung dieser Kinder ist hochkomplex, anspruchsvoll und es kommt auf jede Minute an. Hier muss im Ernstfall jeder Handgriff sitzen. Und um das zu garantieren, muss trainiert werden", erklärt Schwindt.

Gemeinsames Training

Das Training betrifft jedoch nicht nur technische Fähigkeiten wie Beatmen, Intubieren und Zugängelegen, auch Führungsverhalten, die Kommunikation im Team sowie die Verteilung der Aufgaben wollen geübt werden. "Denn die richtige Versorgung ist nie eine Einzelleistung, sondern immer die eines gesamten Teams", so der Frühchen-Spezialist. Als solches muss auch gemeinsam trainiert werden. Trainingspuppen gab es freilich bisher bereits, aber weder in Größe noch Realismus ausreichend. Paul verfügt deshalb nicht nur über ein täuschend echtes Äußeres, sondern auch über ein ebensolches Inneres.

Gerade das Intubieren ist bei so kleinen Körpern eine Herausforderung und will gut gelernt sein. © Simcharacters

Monitor kontrolliert Team

"Paul setzt ganz neue Standards", ist Jens-Christian Schwindt stolz. "Erstmals ist es möglich, Krankheitsbilder wie ein Atemnotsyndrom hochrealistisch zu simulieren." Die Behandlung frühgeborenenspezifischer Krankheitsbilder, die häufig Lunge, Kreislauf oder Darm betreffen, können so gezielt trainiert werden. Paul, der auch über einen tastbaren Puls an der Nabelschnur und an allen vier Extremitäten sowie über eine Lunge verfügt, wird dafür über einen dazugehörigen Laptop von einem Trainingsteam gesteuert. Dieses kann unterschiedlichste Szenarien entwerfen, auf die das neonatologische Versorgungsteam reagieren muss - etwa, dass sich Sauerstoffsättigung und Atmung von Paul verändern und der Säugling blau anläuft.

Der Simulator misst nun, ob genug Luft eingeblasen wird oder ob der Beatmungsschlauch korrekt platziert wurde. Der Zustand von Paul kann über einen dazugehörigen PatientInnenmonitor angezeigt werden, dieser gibt die erforderlichen Daten wie etwa Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung aus. Neonatologe Schwindt: "Durch die Kombination dieser erstmals simulierbaren frühgeborenenspezifschen Pathologien mit Pauls überzeugender Lebensechtheit werden die Trainingsteilnehmerinnen und -teilnehmer hochemotional involviert. Das führt zu einem tiefen Eintauchen in die Trainingsszenarien." Dem konzept "High Emotion" verdankt die Trainingspuppe auch, dass sie einen Namen bekommen hat. "Ein Junge ist es geworden, weil männliche Frühgeborene eine etwas schlechtere Prognose haben als weibliche", erklärt der Arzt. "Paul bedeutet 'Der Kleine' - das fanden wir sehr passend.

Für diesen Kleinen hat Schwindt übrigens seinen Job im Wiener AKH aufgegeben und das Start-up SIMCharacters gegründet. Ganze sieben Jahre dauerte die Entwicklung von der Idee bis zum Launch beim International Meeting for Simulation in Healthcare 2017 in Orlando, USA. Entwickelt wurde der Prototyp gemeinsam mit Expertinnen und Experten des Zentrums für medizinische Physik und medizinische Technik der Medizinischen Universität Wien.

Drei Versionen von Paul

Mittlerweile haben das Wiener AKH sowie verschiedene deutsche Kliniken einen Paul erworben. Die internationale Nachfrage - vor allem aus den USA - ist groß. Da der Kostenpunkt von 50.000 Euro für den High-End-Simulator nicht in jedes Klinik-Budget passt, arbeiten Schwindt und sein Team bereits an Variaten von Paul: "Ab Jänner 2018 soll es drei verschieden Modelle mit einem unterschiedlichen Grad an Komplexität geben." So könnten sich auch finanzschwächere Länder und Stationen einen Trainingssimulator leisten. 

"Was mich umtreibt, ist, dass die moderne Medizin Pflegekräfte und Ärzte, die alles für ihre Patientinnen und Patienten geben, immer wieder in Situationen bringt, die sie ohne entsprechendes Training nicht bewältigen können. Da möchte ich einen Beitrag leisten." Dementsprechend tüftelt der Spezialist für Kindermedizin auch shcon an einem Nachfolgeprodukt - einem etwas älteren Patienten. Details will er noch keine verraten, nur so viel: "Paul wird kein Einzelkind bleiben. Und das nächste wird wohl ein Mädchen werden."

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