Susanne Pils und Angela Heide inmitten alter Filmrollen im Wiener Stadt- und Landesarchiv. Sie zeichnen für den Themenschwerpunkt "Vom Lichtspieltheater zum Multiplex" verantwortlich. © Bohmann/Bubu Dujmic

 

"Film ab!" Wiener Kino im Wandel

Seit Ende des 19. Jahrhunderts werden in Wien Filme gezeigt, die ersten Lichtspielstätten folgten bald darauf. Das Wiener Stadt- und Landesarchiv widmet nun einen Schwerpunkt der Geschichte des Kinos in Wien. CLUB WIEN begibt sich auf Zeitreise.

Wer heute ins Kino gehen will, hat immer noch die Qual der Wahl, sich für das richtige Lichtspielhaus entscheiden zu müssen. Rund 30 Betriebe zeigen in Wien Filme, dazu kommen die Multiplexanlagen am Stadtrand und im Umland. Gerade bei diesen Großraumkinos spielt bei der Entscheidungsfindung die Qualität der Nachos oft eine größere Rolle als die des gebotenen Streifens. Das Angebot an Abspielstätten war freilich schon einmal bedeutend größer: Am Höhepunkt des Kino-Booms um 1950 gab es in der Donaumetropole nicht weniger als 220 Kinos. Innerhalb eines halben Jahrhunderts eine enorme Steigerung, waren es 1903 doch gerade einmal drei Lichtspieltheater in Wien: eines im siebenten Bezirk, zwei im Prater.

Begonnen hat die Ära der regelmäßig gezeigten bewegten Bilder ein paar Jahre früher. "1896 war ein Vertreter der Brüder Lumière in Wien und zeigte erste Aufnahmen. Kaiser Franz Joseph I. war ganz enttäuscht, dass es keine Filme über Österreich gab, woraufhin schnell erste heimische Filmchen gedreht wurden", erzählt Angela Heide, Theater- sowie Kinohistorikerin und mitverantwortlich für den Themenschwerpunkt "Vom Lichtspieltheater zum Multiplex" des Wiener Stadt- und Landesarchivs.

Anrüchige Anfänge

Die ersten Streifen waren in der Regel sehr kurz, sie waren auf Vergnügungsplätzen wie dem Prater eine Attraktion unter vielen. Viele Anbieterinnen und Anbieter zogen mit ihren Kinematographen, wie die Vorführgeräte genannt werden, von einem Ort zum anderen oder zeigten ihre Filme in großen Zelten. Allein im Prater befanden sich acht Kinos, darunter das 1920 gegründete Busch Kino. Es war aus dem Zirkus Busch hervorgegangen, mit fast 1.800 Plätzen bis zu seinem Abriss das größte Lichtspielhaus Wiens und galt als Wahrzeichen des Praters. "Zu Beginn war Kino an sich noch anrüchig, in der Nähe des Varietés und schlecht beleumundet", erklärt Susanne Pils, Historikerin und Mitarbeiterin im Wiener Stadt- und Landesarchiv. "Es gab eigene Sittlichkeitslampen, damit auch ja nichts Unzüchtiges im Dunkeln geschehen konnte."

 

Filmvorführungen liefen in der Anfangszeit des Kinos generell anders ab als heute. So gab es während der Stummfilmzeit bei größeren Kinos eigene Orchester, oft geleitet von prominenten Kapellmeistern. Weil die Filmrollen hochgradig feuergefährlich waren, herrschte in den Kinohäusern strenges Rauchverbot - sehr zum Leidwesen der rauchenden Musikerinnen und Musiker. Mitunter kam es auch zu turbulenten Szenen während der Vorführungen: "In einem Fall ist ein Film gerissen, woraufhin es einen großen Aufruhr gab, sich ein Besucher fürchterlich beschwerte und sein Geld zurückforderte", so Pils. "Die Polizei musste anrücken. Der Direktor konnte das Eintrittsgeld wegen der fehlenden Abrechnung nicht rückerstatten, aber man könne am nächsten Tag vorbeikommen und bekäme natürlich das Geld zurück oder eine neue Karte. Irgendwie hat der Operateur den Film flicken können und es ging weiter."

Stehplätze und Propagandafilme

Ins Kino gehen können sollten nicht nur Betuchte, die Preispolitik war niederschwellig angelegt, damit sich jede und jeder einen Besuch leisten könnte. "Ab dem Moment, als das Kino im Alltag angekommen war, konnte man mit dem Einbau von Logen und Foyers, dem Kopieren von Theaterräumen, die Preise staffeln", weiß Angela Heide. "In einem Kino wurden die Logen wieder abgebaut und gegen Stehplätze ausgetauscht. Es gab immer wieder bauliche Maßnahmen, um das Publikum zu binden."

Im Ständestaat und vermehrt während des NS-Regimes wurde dem Kino von den Obrigkeiten eine besondere Bedeutung beigemessen. Anders als das Geschehen auf Theaterbühnen, die 1943 gänzlich verboten wurden, konnte die Reichsfilmkammer das Kino kontrollieren. "Die großen Kinos mit 1.000 Plätzen waren für Propagandafilme und Premieren wichtig", erklärt Heide. "Die gleichen Filme wurden dann in sogenannte Bezirkserstspieler gebracht. Erst dann kamen die Nachspieler. Es waren immer die gleichen Filme, weil nur noch jene des Deutschen Reichs gezeigt werden durften." Aufgrund der Bombengefahr erwies es sich darüber hinaus als günstig, dass es in jedem Bezirk mehrere Kinos gab. So musste niemand weite Wege ins Kino auf sich nehmen. Mehr noch: "Kinos wurden sofort repariert, wenn sie nur leichte Bombenschäden hatten. Sie sollten immer erhalten bleiben."

Kinosterben in zwei Phasen

Nach dem Boom des Kinos in den Nachkriegsjahren mit besagten 220 Kinos in der Stadt setzte der Niedergang des Kinos ein. Angela Heide: "Das Kinosterben fand in zwei Wellen statt. Die erste Phase war durch das Fernsehen bedingt, die zweite durch das Aufkommen von Video. Als die Cineplexx-Kinos in den 90ern auftauchten, war das Kinosterben bereits in vollem Gange. Sie waren für die kleinen Kinos höchstens Konkurrenz, aber keine Bedrohung. Es gab immer neue technische Angebote für den Home-Movie-Gebrauch." Heute werden beispielsweise zunehmend Streaming-Angebote in Anspruch genommen.

Auch den Standorten ehemaliger Kinos sind neue Bestimmungen zuteilgeworden. In den meisten Fällen wurden daraus Supermärkte, auch Sonnenstudios sowie Post- und Bankfilialen haben Einzug gehalten, wo einst Filme aus aller Welt gezeigt wurden. "Klar, die Räume waren groß, ausgehöhlt und konnten optimal je nach Bedarf adaptiert werden", weiß Angela Heide. "Umgekehrt sind am Anfang viele Kinos in leer stehende Geschäftslokale gezogen, das waren die sogenannten Ladenkinos", ergänzt Susanne Pils. Ganz von der Bildfläche verschwinden werden Kinos wohl nie, dafür sorgen die Bemühungen mancher Betreiberinnen und Betreiber.

"Vom Lichtspieltheater zum Multiplex"

Auch der Themenschwerpunkt "Vom Lichtspieltheater zum Multiplex" soll dazu beitragen. Von 2. März bis 3. Juli 2020 sind im Ausstellungsfoyer des Wiener Stadt- und Landesarchivs Originaldokumente zu einzelnen Kinos zu sehen. Dazu werden Vorträge und eine Führung durch die neue Ausstellung im Filmarchiv angeboten. Außerdem wird "KINO WIEN FILM. Ein Film von Paul Rosdy" gezeigt - und zwar in den Breitenseer Lichtspielen, neben dem Admiral Kino eines der ältesten, durchgehend Filme zeigenden Häuser in Wien. Alle Infos zum Schwerpunkt finden Sie hier. Redaktionelle Schwerpunkte setzt außerdem Wien Geschichte Wiki, unter anderem mit einer Karte, auf der alle rund 500 Kinos verzeichnet sind, die je in der Bundeshauptstadt angesiedelt waren.