Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer ist Wissenschafterin des Jahres 2016 und macht sich für die Förderung von geschlechtssensibler Medizin stark. © Bubu Dujmic

Frauen in der Forschung: Gendermedizin kann leben retten

Frauen werden anders krank als Männer. Vor allem bei der Behandlung von Notfällen kann dieses Wissen entscheidend sein.

Jahrhundertelang war der Prototyp medizinischer Studien weiß, männlich, 35 Jahre alt und 80 Kilogramm schwer. Medikamente, künstliche Gelenke und Prothesen wurden ausschließlich an ihm getestet. Heute weiß man, dass es geschlechtsbedingte Unterschiede bei Krankheitssymptomen und Medikamentenverträglichkeit gibt. In Österreich ist dieses Bewusstsein, dass Frauen anders krank werden als Männer, vor allem auf Alexandra Kautzky-Willer zurückzuführen. Die Internistin ist seit 2010 Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien. Sie wurde 2016 als "Wissenschafterin des Jahres" ausgezeichnet.

inwien.at: Was genau ist Gendermedizin?

Alexandra Kautzky-Willer: Gendermedizin ist ein integrativer Gesundheitsansatz, bei dem biologische Faktoren ebenso wie Umwelt-, Erfahrungs- und Gesellschaftsfaktoren berücksichtigt werden. Es geht darum, wie Symptome, Mechanismen und Behandlung in Abhängigkeit vom sozialen Geschlecht variieren. Die geschlechtsabhängigen Unterschiede sind zum Teil auffällig, zum Teil subtil und in vielen Bereichen noch sehr wenig bekannt. Von den Erkenntnissen der Gendermedizin sollen sowohl Männer als auch Frauen profitieren, weil Behandlungen optimiert werden können.

Ein Beispiel dafür?

Es gibt bei Frauen und Männern unterschiedliche Anzeichen für einen Herzinfarkt. Bei Männern sind die Symptome häufig Schmerzen im Brustbereich, die in den Arm ausstrahlen. Bei Frauen können auch Übelkeit, Kurzatmigkeit oder Schmerzen im Oberbauch auf einen Herzinfarkt hinweisen. Seit man das weiß, können Diagnose und Behandlung schneller erfolgen. Abgesehen davon, dass die Betroffenen davon profitieren, ist das auch wirtschaftlicher.

Warum spielt das Geschlecht überhaupt eine Rolle?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen beeinflusst das Geschlecht, biologisch bedingt, ob wir gesund bleiben oder krank werden. Gene, Chromosomen und Sexualhormone sind dafür entscheidend. Zum anderen gibt es die soziokulturelle Ebene. Wie hoch das Risiko einer Erkrankung ist, welche Symptome auftreten, wie man damit umgeht und wie man die Krankheit behandelt, ist abhängig von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen jemand lebt.

Der persönliche Lebensstil hat auf eine Erkrankung keinen Einfluss?

Natürlich muss man jeden Fall individuell beurteilen und den persönlichen Lebensstil berücksichtigen. Auch die immer mehr verschwimmenden Rollenbilder müssen miteinbezogen werden. Früher galt der Konsum von Alkohol und Nikotin als männlich. Heute rauchen und trinken auch Frauen.

Achten Männer oder Frauen mehr auf ihre Gesundheit?

Männer bewegen sich mehr als Frauen. Allerdings kümmern sie sich weniger um ihre Ernährung und leben risikoreicher. Das scheint aber zum Teil mit ihrer Identifikation als "echter Mann" einherzugehen und auch testosteronbedingt zu sein. Wir wissen aber mittlerweile, dass Gene ein Gedächtnis haben und Informationen über Generationen hinweg weitergeben. Ein Umdenken wäre daher sinnvoll.

Welche Krankheiten betreffen eher Frauen?

Das ist abhängig von der Lebensphase. Frauen ab der Pubertät bis zur Menopause leiden öfter an Autoimmunerkrankungen sowie an entzündlichen Gelenks- und Wirbelsäulenerkrankungen oder Schwangerschaftsproblemen wie Schwangerschaftsdiabetes. Auch Migräne, Reizdarm, Rückenschmerzen, Depressionen, Ess- und Angststörungen treten häufiger bei Frauen auf. Nach der Menopause ändert sich das. Da häufen sich männliche Krankheitsbilder wie Stoffwechselerkrankungen, Herzschwäche, Herzinfarkt, Schlaganfall. Daran versterben sie auch häufiger als Männer. Osteoporose, geriatrische Syndrome und Alzheimer betreffen im Alter ebenfalls eher Frauen.

Woran erkranken Männer häufiger?

In jüngeren Jahren an Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen.

Wird dieser geschlechtsspezifische Unterschied in der Medizin bereits berücksichtigt?

In Forschung und Lehre schon. Es gibt Lehrstühle für Gendermedizin in Innsbruck und Wien. Auch zusätzliche Fortbildungen für Medizinerinnen und Mediziner, die mit einem akademischen Titel bei unserem Universitätslehrgang oder mit einem von der Ärztekammer anerkannten Diplom abschließen. Bei der praktischen Umsetzung herrscht allerdings noch etwas Nachholbedarf.

Gibt es zu wenig Bewusstsein für Gendermedizin?

Viele derzeit praktizierende Ärztinnen und Ärzte haben sich damit einfach noch nie auseinandergesetzt. Es wird noch dauern, bis sich eine neue Generation, die sensibilisiert und aufgeschlossen ist, etabliert. Gendermedizin muss auch im klinischen Alltag besser integriert werden. Das leitende Personal sollte offen für das Thema sein und das umfangreiche Wissen, das in vielen Bereichen bereits vorhanden ist, vorbildhaft anwenden. Bei der Österreichischen Diabetes Gesellschaft ist das zum Beispiel sehr gut gelungen. Da gibt es in den Leitlinien ein gesamtes Kapitel mit gendermedizinischen Empfehlungen zur Behandlung von Diabetes.

Sie stehen auch gängigen Testverfahren kritisch gegenüber, weil sie auf Männer ausgerichtet sind und zu Fehldiagnosen führen. Wie könnte man das ändern?

Eine Möglichkeit wäre, in allen medizinischen Leitlinien fix integrierte geschlechtsspezifische Empfehlungen zu verankern. Das setzt aber kontrollierte Studien und differenziertere Strategien voraus.

Wie verankert ist Gendermedizin eigentlich im Bewusstsein der Patientinnen selbst?

Sind Frauen mittlerweile kritischer geworden? Frauen waren immer kritischer als Männer. Sie wurden und werden aber immer noch weniger ernst genommen. Oft trauen sie sich nicht entsprechend nachzufragen. Auch wenn sie bei Medikamenten zum Beispiel mehr als 70 Prozent mehr Nebenwirkungen als Männer haben. Auch das ist ein Grund, warum wir mehr Gendermedizinerinnen und Gendermediziner brauchen.

Sie sind Österreichs erste Professorin für Gendermedizin. Jetzt wurden Sie zur Wissenschafterin des Jahres gekürt. Wie steinig war der Weg?

Natürlich gab es immer wieder Schwierigkeiten und Rückschläge. Entmutigt hat mich das aber nicht. Zu meiner Studienzeit musste man zum Beispiel noch drei, vier Jahre auf einen Ausbildungsplatz warten. Auch die erste Assistenzstelle und die erste Oberarztstelle waren mit Hürden verbunden. Mir hat Durchhaltevermögen, Optimismus und etwas Glück geholfen. Man muss auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Ideen sein. Dass ich Wissenschafterin des Jahres wurde, freut mich, macht mich stolz und motiviert mich, weiterzumachen. Nicht zuletzt ist es auch eine Anerkennung für die Gendermedizin.

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