20.FEBRUAR 2019 
Gesundheit
Beim Projekt "Pflanzenwerkstatt" erfahren die SchülerInnen Wissenswertes zu Pflanzen, Nutztieren und Co. © Bohmann/Rene Wallentin

Gemüse aus dem Klassenzimmer

SchülerInnen züchten beim Projekt "Pflanzenwerkstatt" Gemüse und Kräuter direkt in den Klassenzimmern. Sie lernen dabei nicht nur alles über den Lebenszyklus von Pflanzen, sondern auch wissenschaftliches Arbeiten.

Samuel, Timna, Mavie und ein paar ihrer Klassenkolleginnen und Kollegen einer Mehrstufenklasse spielen gemeinsam das "Kreislaufspiel". Dabei erfahren die Kinder in der Volksschule Ortnergasse, wie Pflanzen mittels Photosynthese aus Licht Energie erzeugen können, dass Pflanzen viele Nährstoffe zum Wachsen brauchen und Wasser vor allem über die Wurzeln aufnehmen. Vieles davon haben sie schon live beobachtet, haben sie doch im Zuge des Bildungsprojekts Pflanzenwerkstatt bereits selbst Gemüse in ihrem Klassenzimmer großgezogen. Wie dieses Bildungsprojekt genau abläuft und was die Schülerinnen und Schüler dabei alles lernen, CLUB WIEN klärt auf.

Salat aus Eigenbau

An dem Projekt, das von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG gefördert wird, sind mehrere Partnerinnen und Partner beteiligt: das Forschungsinstitut Alchemia­Nova, das Institut für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau der Universität für Bodenkultur Wien, PRIA (Practical Robotics Institute Austria), die Firma Austrosaat sowie das Unternehmen Ponix Systems. Fabian Schipfer von Ponix, das das Projekt initiiert hat: "Wir haben sogenannte hydroponische Anlagen für den Innenbereich entwickelt. Damit ist es möglich, Gemüse, Kräuter oder andere Pflanzen wie Erdbeeren in Räumen aufzuziehen. Man braucht kaum Platz, wenig Wasser und das anpassbare LED­Licht stellt sicher, dass die Pflanzen das richtige Licht bekommen." Genau solche Anlagen hat das Pflanzenwerkstatt­Team in den Klassenzimmern der VS Ortnergasse im 15. Bezirk sowie in drei weiteren Wiener Schulen bereits im März dieses Jahres aufgestellt. Ines Kantauer vom Forschungsinstitut Alchemia­Nova erklärt, wie sie funktionieren. "Diese vertikalen Gärten durften von den Kindern selber bepflanzt werden. Sie haben den Rucola oder das Basilikum auch die folgenden Wochen umsorgt und beobachtet."

Die ersten Pflanzen wurden zum Schulschluss im Sommer abgeerntet und mit Begeisterung verzehrt, erinnert sich Christian Schreger, Klassenlehrer der Mehrstufenklasse. "Wir haben einen großen Salat angerichtet, mit Basilikum bestreut und aus unserer Zitronenmelisse einen Saft gemacht." Dabei, so der Lehrer, wollten die Kinder ihr Gemüse erst gar nicht essen, nachdem sie es so liebevoll betreut hatten. "Jeden Tag sind sie vor den Anlagen gestanden und haben die Pflanzen beobachtet. Ab den ersten winzigen Blättern waren sie davon fasziniert." Zusätzlich haben die Kinder das Wachstum fleißig dokumentiert. Schließlich ist es ja ein Ziel des Projekts, Kinder verschiedener Altersstufen ganz allgemein für Forschung und Naturwissenschaften zu begeistern. Sie sollen die Themen Kreislaufwirtschaft und städtische Landwirtschaft konkret kennenlernen.

Nützliche Insekten

Ortswechsel in die NMS Sechshaus. Auch in der Neuen Mittelschule haben einige Schülerinnen und Schüler –  etwa jene der 2B – schon ihre eigenen Pflanzen im Klassenraum angepflanzt. Das Projekt Pflanzenwerkstatt ist noch umfassen­der angelegt, so haben die etwas größeren Schülerinnen und Schüler bereits Exkursionen zum Versuchsgarten der BOKU in Groß­-Enzersdorf unternommen, sagt Projektmitarbeiterin Ines Kantauer. "In mehreren Stationen präsentierte die Universität für Bodenkultur den Kindern in Kleingruppen verschiedene Forschungsfelder."

Würmer als Haustiere

Wissensvermittlung hautnah also – die Schülerinnen und Schüler haben noch alles lebhaft in Erinnerung. So erzählt etwa der elf­jährige Danijel begeistert von der Erforschung des Bodens mittels Lupe. "In einer Handvoll Erde leben mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt." Anastasia fand es toll, „den eigenen perfekten Boden zu mischen", und Mikael hatte Spaß daran, unterschiedlichen Samen und Früchten die jeweils zugehörigen Pflanzen zuzuordnen.

Kantauer ist zufrieden. "Ziel war, spielerisch die Kenntnis über und das Verständnis für Pflanzen und ihr Wachstum zu erhöhen und den Kindern zu zeigen, dass kleine Bodenlebe­wesen wichtige Nützlinge sind." Dass Insekten nicht automatisch "iiih" sind, sondern sehr nützlich, erfahren die Kinder sämtlicher teilnehmender Schulen am Beispiel der Wurmkiste. Diese ist eine Art Farm, in der Würmer leben. Biomüll dient ihnen als Nahrung, im Gegenzug erhalten die Farmer Kompost, den sie als Dünger für ihre Pflanzen verwenden können. Mittlerweile sind die Würmer bei den Kindern extrem beliebt.

Aufnahme im Lehrplan?

Das Projekt, das noch bis Juli 2019 läuft, kann via Online­Plattform www.pflanzenwerkstatt.eu verfolgt werden. Dort finden sich Blog­Einträge über die Aktivitäten verschiedener Schulen sowie Wissenswertes und Anleitungen für Experimente zum Nachmachen. Ein Wunsch der Projektinitiatorinnen und -initatoren ist, dass die Themen "Kreisläufe der Natur" und "Nutzpflanzenproduktion" über das Projekt hinaus einen langfristigen Platz in den schulischen Lehrplänen finden.

In der Volksschule Ortnergasse sind die hydroponischen Anlagen mit Schulbeginn wieder frisch befüllt worden. Sehr zur Freude der Schülerinnen und Schülern. Refika, Zelije und die anderen Kinder der 1A können es gar nicht erwarten, bis sich das erste zarte Grün zeigt.