Ein Ausgangspunkt für die SHADES TOURS Vienna ist der Hauptbahnhof Wien. Guide Barbara (l.) führt die Gruppe von dort aus zwei Stunden durch das Grätzel. © Bohmann

Bahnhof statt Belvedere

Sightseeing abseits gängiger Tourismus-Attraktionen. Das bieten die SHADES TOURS Vienna, deren Guides eine Zeit lang obdachlos waren oder noch sind.

Hauptbahnhof Wien, 13 Uhr. Barbara ist pünktlich. Mit großen Schritten geht sie über den Vorplatz. Schwarze Jacke, schwarze Hose, in der Hand eine schmale Mappe. Vor dem Haupteingang bleibt sie stehen, nimmt ein Taferl aus den Unterlagen und hält es in die Höhe. SHADES TOURS Vienna ist darauf zu lesen. Schnell versammelt sich eine kleine Gruppe. Sie wartet, bis die Runde vollzählig ist und sagt dann: "Ich bin Barbara, und ich werde Ihnen heute Wien von einer anderen Seite zeigen."

Tour abseits bekannter Sehenswürdigkeiten

Szenen wie diese stehen sind in einer Fremdenverkehrsmetropole wie Wien an der Tagesordnung. Man trifft sich mit einem ortskundigen Profi zu einer gemeinsamen Tour, um mehr über Stadt und Menschen zu erfahren. Bei den SHADES TOURS Vienna ist das nicht anders. Was diese Führungen allerdings von herkömmlichen Stadtführungen unterscheidet, sind die Stationen. Nicht Schönbrunn, Belvedere, Hofburg und Prater stehen auf dem Programm. Es geht um Bahnhöfe, Tageszentren, Notschlafstellen und Parks. Alles Orte, wo Menschen ohne Obdach zu Hause sind. Wo sie Ansprache finden, wo sie essen, duschen und Wäsche waschen können. Wo sie Ruhe haben, medizinisch versorgt werden und eine Postadresse bekommen. Es sind aber auch die Orte, wo Menschen verzweifeln, Motivation und Selbstwert verlieren, sich schämen, kämpfen und wieder und auf die Füße kommen.

Guides wie Barbara bieten soziale Bildung an und tragen dazu bei, dass Vorurteile gegenüber Obdachlosen abgebaut werden. © Bohmann

Information und Aufklärung stehen im Vordergrund

Barbara ist eine von ihnen. Keine fünfzig, selbstständig, schwere Krankheit, Wohnung weg. Sie weiß, wovon sie redet, wenn sie von den Stolpersteinen des Lebens erzählt. Wie es sich anfühlt, plötzlich an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Um persönliche Schicksale geht es bei SHADES TOURS Vienna aber nicht. Das stellt Perrine Schober, Chefin des jungen Unternehmens, von Anfang an klar. "Wir wollen keine Menschen vorführen", sagt die 33-Jährige. "Uns geht es darum, Menschen Informationen zu geben, damit sie dieses komplexe Thema verstehen und besser handeln können. Dank unserer Guides wird somit nicht nur soziale Bildung angeboten, sondern gleichzeitig werden auch Vorurteile abgebaut."

Einblicke in eine andere Welt

Die Touren sollen einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen und die Guides Informationen aus erster Hand liefern. Dass Menschen in einer Notschlafstelle übernachten, weiß man. Aber wie schaut so eine Einrichtung von innen aus? Wie funktioniert die medizinische Versorgung? Wo gibt es eine warme Mahlzeit? "Es verändert die Perspektive, wenn man direkt am Ort des Geschehens steht", sagt Schober. Wenn sich dadurch neue Chancen für die Guides ergeben, ist das auch so gewünscht. "Die Führungen sind ein Zwischenschritt, der von zukünftigen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern als Referenz für Zuverlässigkeit und Arbeitsbereitschaft verwendet werden kann."

Voyeurismus ist fehl am Platz

2015 hat die studierte Tourismusmanagerin das Start-up gegründet. Die Halbfranzösin gab dafür ihren gut bezahlten Job auf. "Obwohl alle sagten, dass ich spinne." Sie glaubte aber an ihre Idee, auch weil die SHADES TOURS in anderen Städten wie London, Amsterdam, Prag und Berlin bereits etabliert sind. „Mit Voyeurismus hat das nichts zu tun", betont sie wiederholt. "Man muss keinen Obdachlosen auf einer Parkbank aufsuchen, um das Thema erklären zu können und jeder Guide entscheidet für sich selbst wie viel er generell oder über sich erzählen möchte."

Radiobeitrag war der Auslöser

Barbara ist eher zurückhaltend, was ihre Lebensgeschichte betrifft. Von den SHADES TOURS Vienna hat sie in einem Ö1-Beitrag gehört. "Fremdenführerin wollte ich schon länger werden. Also dachte ich mir, das ist eine gute Gelegenheit, um damit anzufangen." Seit Oktober ist sie dabei. Teilt sich die Touren des kleinen Unternehmens mit zwei weiteren Guides. Dafür bekommt sie etwas Geld, vom Unternehmen und von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Dass sie einmal in dieser Situation sein würde, war nicht vorhersehbar. Ein Beweis mehr, dass es jede und jeden treffen kann. Am Beginn jeder Tour stellt sie daher auch die Frage: Warum werden Menschen obdachlos?

Gründe für Obdachlosigkeit

Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit, Sucht, Schulden. Die kleine Gruppe am Hauptbahnhof ist gut informiert. "Kennen Sie auch den Unterschied zwischen Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und versteckter Obdachlosigkeit?", fragt Barbara weiter. Auch da kommen die Antworten zügig. Obdachlose schlafen in Parks und Notunterkünften, Wohnungslose in betreuten Übergangswohnheimen. Versteckte Obdachlosigkeit betrifft in erster Linie Frauen. "Viele nehmen Abhängigkeiten und Gewalt in Kauf, nur um ein Dach über dem Kopf zu haben", bestätigt Barbara. Auch wer immer wieder bei Familie oder bei Bekannten unterkommt, fällt in diese Kategorie.

Stadt Wien investiert Millionen

Um Abhilfe zu schaffen investierte die Stadt Wien im Vorjahr 67 Millionen in die Wohnungslosenhilfe. Finanziert werden damit rund 5.700 Wohn-, Betreuungs- und Schlafplätze in hundert Einrichtungen sowie Straßensozialarbeit. Das ganze Jahr über stehen 300 Nachtquartiersplätze zur Verfügung. Im Winter, der härtesten Zeit für Menschen ohne Wohnung, werden bis zu 900 zusätzliche Schlafplätze geschaffen. Rund 10.000 Menschen pro Jahr nutzen die Angebote der Wiener Wohnungslosenhilfe. Rund 1.000 Menschen pro Jahr finden wieder eine eigene Wohnung. Wie viele im öffentlichen Raum tatsächlich schlafen bleibt jedoch eine Dunkelziffer, die Streetworkerinnen und -worker nur schätzen können.

Arbeit mit Flüchtlingen gab Kraft

Auch Barbara übernachtet derzeit in einer Notschlafstelle. Wenn sie das Haus um neun Uhr in der Früh verlässt, muss sie ihren Tag selbst organisieren. Kein Problem für die ehemalige Kulturmanagerin. "Als Selbstständige bist du das gewohnt", sagt sie. Wesentlich schwieriger ist es, keinen Rückzugsort zu haben. Einfach die Tür hinter sich schließen zu können. Das geht an die Substanz. Die nötige Kraft zum Durchalten hat sie aus der Arbeit mit Flüchtlingen bezogen. "Weil man sich wieder gebraucht fühlt." Daneben hat sie ein Studium begonnen. Das dritte übrigens. Zwei Abschlüsse hat sie schon in der Tasche.

Bahnhöfe sind ein Anziehungspunkt für Menschen, die nicht wissen wohin. © ÖBB

Bahnhöfe ziehen an

Die Gruppe geht mittlerweile durch den Hauptbahnhof, vorbei an jener Halle, wo 2015 zahlreiche Flüchtlinge betreut wurden. "Bahnhöfe sind immer ein Anziehungspunkt für Menschen, die nicht wissen wohin", erklärt Barbara. "Man ist nicht allein, es ist warm, es ist sicher und es gibt Menschen, die weiterhelfen. Hier am Hauptbahnhof ist zum Beispiel das sam-Team sehr aktiv." Deren Chef Guido Fritz wird im nahegelegenen Schweizergarten zur Runde stoßen. Auf dem Weg dahin erzählt Barbara weiter von den zahlreichen Herausforderungen, mit denen obdachlose Menschen leben. Zum Beispiel wenn sie krank werden.

Busse als Anker im Alltag

Eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen, kann zur riesigen Hürde werden. Wer ohne Wohnung und ohne Job ist, hat auch keinen Krankenschein. "Diese Menschen sind auf kostenlose medizinische Untersuchungen angewiesen. Deswegen hält der Louise-Bus, ein mobiler Medizindienst der Caritas, jeden Donnerstag hier", sagt Barbara, als die Gruppe in der Unterführung in der Canettistraße ankommt "Auch der Canisibus macht hier Station und teilt gratis Suppe aus." Für Obdachlose bedeutet das nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern auch aufbauende Gespräche und Sicherheit. "Sie können sich darauf verlassen, dass die Busse immer zur selben Zeit am selben Ort stehen."

Tageszentrum als Postadresse

Wenn es auf der Straße zu viel wird, steht das Tageszentrum am Wiedner Gürtel für eine kurze Auszeit zur Verfügung: Körperpflege, Aufwärmen, elektronische Medien nutzen. Auch eine Postadresse kann man sich holen. Vor allem für ausländische Obdachlose ist das von unschätzbarem Wert. So können sie Kontakt mit der Familie halten und Briefe und Pakete entgegennehmen. "Viele sind einfach zu stolz, um wieder heimzufahren, wenn sie es hier nicht geschafft haben", erzählt Barbara. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sprechen deshalb mehrere Sprachen und begleiten auch zu Ämtern und Behörden.

Im Tageszentrum am Wiedner Gürtel können sich obdachlose Menschen eine Auszeit und eine Postadresse nehmen. © Bohmann

Streetworking rund um den Hauptbahnhof

Letzte Station der Tour ist der Schweizergarten. Zu Zeiten des alten Südbahnhofs haben in dem großzügig angelegten Park viele Obdachlose ihr Quartier aufgeschlagen. Heute hat sich das geändert. Das ist auch auf die Arbeit von Streetworkern wie Guido Fritz zurückzuführen. Der Leiter des sam-Teams ist mit 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seit 2014 rund um den Hauptbahnhof im Einsatz. "Wir sind die ersten Ansprechpersonen, wenn es um gesundheitliche Krisen, Notfälle oder Konflikte im öffentlichen Raum geht", sagt er. "Wir informieren, schlichten, beraten. Rasch und unbürokratisch. Ohne Anmeldung. Ohne Termin. Damit haben wir uns Vertrauen erworben."

Konfliktpotenzial im öffentlichen Raum

Die auffallend roten Jacken sind in der Zwischenzeit ein Qualitätssiegel. Nicht nur bei Obdachlosen. "Jede und jeder, der sich hier in der Gegend unsicher fühlt, kann sich an uns wenden. Und es tun auch immer mehr." Gerade im öffentlichen Raum können gegensätzliche Weltanschauungen aufeinanderprallen. Das ist nicht schlimm, aber es kann auch irritieren. Der Schlüssel für ein friedliches Miteinander ist daher gegenseitige Akzeptanz.

Guido Fritz leitet das sam-Team und ist mit seinen MitarbeiterInnen seit 2014 rund um den Hauptbahnhof Wien unterwegs. © Bohmann

Nachdenklichkeit am Ende der Tour

Dem kann Barbara nur zustimmen. Nach rund zwei Stunden ist die Tour rund um den Hauptbahnhof Wien zu Ende. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind bewegt, nachdenklich und dankbar für den Einblick in eine Welt, die man normalerweise nicht betritt. Alle sachlichen Fragen sind beantwortet, viele persönliche werden aus Respekt nicht mehr gestellt. Eine aber dann doch noch: Worauf freut sich Barbara am meisten, wenn sie wieder eine Wohnung hat? Die Antwort: "Auf eine Badewanne."

Einige Zeit später

Barbaras Leben hat erneut eine Wende genommen. Dieses Mal zum Guten. Sie hat wieder eine Wohnung und macht eine Ausbildung zur Fremdenführerin, finanziert durch ein Investment einer Tour-Begleiterin.

Vorteilspartner CLUB WIEN

natural HIGH Zentrum

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten Ermäßigung auf alle Yoga 10er Blöcke im Yoga & Ayurveda Zentrum natural HIGH!

Erfahren Sie mehr 29624

Golfclub Hainburg

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 20 Prozent Ermäßigung im Golfclub Hainburg!

Erfahren Sie mehr 31050

Marionettentheater Schloss Schönbrunn

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung auf alle Vorstellungen im Marionettentheater Schloss Schönbrunn.

Erfahren Sie mehr 31171

Theater Akzent

Mit der CLUB WIEN-Vorteilskarte erhalten Mitglieder 10 Prozent Ermäßigung für viele Vorstellungen im Theater Akzent.

Alle Vorteilspartner