Molekularbiologin Maria Sibilia versucht mit ihrer Forschung den Krebs auszubremsen. © Bohmann/Lukas Beck

Frauen in der Forschung: Den Krebs ausbremsen

Wie macht man Immunzellen zu Killerzellen? Das versucht Molekularbiologin Maria Sibilia in einem fünfjährigen Forschungsprojekt herauszufinden. Der Europäische Forschungsrat hat ihr dafür den höchstdotierten Förderpreis zugesprochen.

Fragt man Maria Sibilia, warum sie Molekularbiologin geworden ist, sagt sie: "Ich wollte Krankheiten verstehen, nicht nur behandeln." Also verwarf sie den ursprünglichen Plan, nach der Matura Medizin zu studieren, und inskribierte Biologie. Dass sie sich im Laufe des Studiums auf Krebs spezialisieren würde, war nicht von Anfang an geplant. "Die Entscheidung fiel, als mein Opa an Lungenkrebs verstorben ist", erzählt sie. "Ich habe miterlebt, wie er gelitten hat. Wie er immer schwächer wurde, weil der Tumor gestreut hat. Für uns Angehörige war damals schwer zu verstehen, dass man gegen diese Krankheit nichts unternehmen kann. Gegen alles gab es ein Mittel, von Bluthochdruck bis zu Herzproblemen. Aber nichts gegen Krebs. Das war der Punkt, wo ich mir gedacht habe: Das will ich ändern."

Körpereigene Abwehr stärken

Rund 30 Jahre später leitet Sibilia das Krebsforschungsinstitut der Medizinischen Universität Wien. Die gebürtige Italienerin gilt als Koryphäe auf ihrem Gebiet, auch weil sie einen interessanten Forschungsansatz hat: Krebs soll über Antikörper ausgebremst werden. "Der Schlüssel zur Heilung liegt im Immunsystem", erklärt sie. "Die körpereigene Abwehr muss demnach so gestärkt werden, dass Krebszellen erkannt und am Wachstum gehindert werden." Klingt einfach, ist es aber nicht. "Zum einen sind Krebszellen schlau und setzen sich gerne eine Tarnkappe auf. Dem Körper fehlt also oft das Signal 'krank' oder 'fremd', wenn sie eindringen. Zum anderen muss erst der Mechanismus entschlüsselt werden, wie das Wachstum von Krebszellen verhindert werden kann."

DEN Krebs gibt es nicht

Dass das Forscherinnen und Forscher seit Jahren weltweit versuchen und trotzdem noch kein Heilmittel auf dem Markt ist, erklärt Sibilia so: "Krebs ist eine sehr komplexe Krankheit. Das eigentliche Problem ist nicht der Primär-Tumor, sondern die Metastasen. Deshalb wird auch die personalisierte Medizin zunehmend an Bedeutung gewinnen. DEN Krebs gibt es nämlich nicht. Es gibt nicht einmal DEN Brustkrebs, sondern viele unterschiedliche Arten. Daher wird es auch nicht DAS Heilmittel geben. Das Immunsystem ist aber ein wunderbares Therapeutikum. Entsprechende Therapien könnten den Durchbruch bringen und die Krebstherapie revolutionieren. Da gibt es bereits schöne Erfolge."

T-Zellen bekämpfen Eindringlinge

Eine wichtige Rolle kommt in dem Zusammenhang der Kommunikation zwischen Immunzellen und Krebszellen zu. "Aufgabe des Immunsystems ist es, den Organismus gegen Eindringlinge zu schützen", holt die Expertin aus. "Dabei handelt es sich um ein fein ausbalanciertes System, das hochfährt, wenn ein Fremdkörper in den Organismus eindringt und den Eindringling bekämpft. Diesen Job übernehmen die sogenannten T-Zellen. Ist die Aufgabe erledigt, werden alle Mechanismen wieder heruntergefahren und somit wird verhindert, dass das Immunsystem überschießt und auch gesunde, körpereigene Strukturen angreift. Bei Autoimmunkrankheiten ist das zum Beispiel der Fall."

Erreger nur beim ersten Mal gefährlich

Neben diesem angeborenen Immunsystem gibt es noch das erworbene Immunsystem. Da kommen die B-Zellen ins Spiel. "Sie haben die Aufgabe, Antikörper zu bilden. Damit können Krankheitserreger gezielt bekämpft werden. Für den Organismus ist ein Fremdkörper ja nur beim ersten Mal gefährlich. Infiziert sich der Körper ein zweites Mal, erinnert sich das Immunsystem daran, dass es den Virus schon kennt. Dieses immunologische Gedächtnis sorgt dann dafür, dass der Mensch nicht mehr krank wird, weil bereits Antikörper vorhanden sind."

Medikament schaltet Antenne aus

Dieses Zusammenspiel von Immunzellen, T-Zellen und B-Zellen liefert die Basis für Sibilias Forschungsarbeit. Im Gegensatz zu anderen Forscherinnen und Forschern, die sich auf die T-Zellen konzentrieren, liegt ihr Schwerpunkt allerdings auf den Immunzellen. "Ein Tumor hat die Fähigkeit, Proteine zu produzieren und auszusenden", sagt sie. "Aber auch Immunzellen verfügen über Proteine, zum Beispiel den EGF-Rezeptor. Der funktioniert wie eine Antenne. Er empfängt die Signale des Tumors, schüttet dadurch Eiweiß aus, legt aber so die T-Zellen lahm, wodurch der Tumor ungehemmt wachsen kann. Diese Antenne kann man mittlerweile mit Medikamenten ausschalten. Bei Lungenkrebs wird das zum Beispiel bereits angewendet."

Immunzellen werden Killerzellen

Was sie gemeinsam mit ihrem Team jetzt versucht, geht einen Schritt weiter. "Wir erforschen, ob es möglich ist, Immunzellen mit einem Medikament so zu modulieren, dass sie zu Killerzellen werden. Also Krebszellen direkt abtöten. Ohne Umwege über T- und B-Zellen. Wir bilden damit quasi eine Sturmtruppe gegen Krebs aus." Zwei geeignete Zelltypen wurden mittlerweile identifiziert. Jetzt geht es darum, den Mechanismus herauszufinden. Erste Erkenntnisse: Die Makrophagen, das sind die Fresszellen des Immunsystems, spielen beim Tumorwachstum eine Rolle. Erste Erfolge: Die direkte Abtötung von Tumorzellen durch angeborene Immunzellen hat in Mausmodellen bereits funktioniert.

Höchstdotierter Forschungsförderpreis

Damit sie diese wichtige Grundlagenforschung konzentriert vorantreiben und ein Modell daraus entwickeln kann, hat sie 2016 einen der höchsten Forschungsförderpreise des Europäischen Rates zugesprochen bekommen. Der mit 2,5 Millionen Euro dotierte ERC wird nur an etablierte Wissenschafterinnen und Wissenschafter vergeben, um ihnen Spielraum für bahnrechende, aber auch risikoreiche Forschungsprojekte zu geben. "Für mich, aber auch für meine Gruppe, ist das natürlich eine große Auszeichnung. Es zeigt, dass unsere bisherige, aber auch unsere künftige Forschungsarbeit wichtig ist", sagt die Molekularbiologin. Dass die Forschung möglicherweise nicht zum gewünschten Ergebnis führt, ist ihr bewusst. "Ja, es gibt ein Risiko dabei", sagt sie. "Aber es könnte auch bahnbrechend sein. Denn wenn wir erfolgreich sind, kann man möglicherweise ein Medikament entwickeln, das Menschenleben rettet."