Als Stadtplaner des New Yorker Bezirks Brooklyn setzt sich Winston von Engel für dichtes Wohnen ein. Er gilt als Fan der Wiener Gemeindebauten. © UFGC

Von Neubau bis Brooklyn

Winston von Engel ist Stadtplanungsdirektor des New Yorker Stadtteils Brooklyn. Seit über 40 Jahren in der US-Metropole beheimatet, verbrachte er seine Kindheit in Wien. Jetzt spricht er bei der Urban Future Global Conference.

Seine Kindheit verbrachte Winston von Engel im Wiener Gemeindebezirk Neubau, bevor er mit seiner Familie nach New York City zog. Beruflich tätig ist er in Brooklyn, einem der fünf Stadtbezirke der größten Stadt der USA. Im Vergleich zu Wien leben dort drei Mal so viele Menschen pro Quadratkilometer. An die 2,5 Millionen Menschen nennen in Summe Brooklyn ihr Zuhause. Als Stadtplanungsdirektor Brooklyns setzt sich von Engel für dichtes Wohnen ein. Denn entgegen der landläufigen Meinung erhöhe dies die Lebensqualität für die dortigen Bewohnerinnen und Bewohner. Und obwohl viele Menschen der Meinung sind, auf dem Land könne Nachhaltigkeit mit Leichtigkeit gelebt werden, haben diesbezüglich Städte die Nase vorn.

In den Achtzigerjahren zog es von Engel für sein Studium kurz zurück nach Wien. Dort widmete er sich im Rahmen seines Studiums an der Technischen Universität den Wiener Gemeindebauten. Diese faszinieren ihn immer noch, wie er im Interview mit CLUB WIEN erklärt. Im Rahmen der Urban Future Global Conference, die von 28. Februar bis 2. März 2018 in Wien stattfindet, tritt von Engel als Redner auf.

CLUB WIEN: Sie kennen Wien. Welche Parallelen gibt es zwischen New York City und Wien, welche sehen Sie zwischen Brooklyn und Wien?

Winston von Engel: Es gibt zwischen den beiden Städten viele Parallelen. Sowohl Wien als auch New York sind die größten Städte im jeweiligen Land. Trotz ihrer Größe wird auf beide Städte mit ein bisschen Neid geblickt. Gleichzeitig gelten sie als Städte voller wirtschaftlicher und künstlerischer Möglichkeiten, sind Einwanderungsstädte und stehen für eine gewisse Willkommenskultur. Beide Städte wachsen, was bei der Stadtplanung Herausforderungen und Probleme, aber auch Chancen mit sich bringt.

Was kann Wien von Brooklyn lernen und umgekehrt?

Dass Land, also Grund und Boden, sehr wertvoll für die Stadt ist, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Das ist nämlich ein Unterschied zwischen New York und Wien: New York kann nicht weiter in die Breite wachsen. Wir haben feste Grenzen, den Ozean und die Vororte rundherum. Da hat Wien ein bisschen mehr Platz. Hier gibt es immer noch Landwirtschaft und Plätze, wo etwa die Seestadt Aspern gebaut wurde.

Etwas, das Wien sehr gut macht, ist, den öffentlichen Verkehr auszubauen. New York hat das Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch gemacht, dann aber zurückgesteckt. Das spüren wir jetzt aufgrund unseres Bevölkerungswachstums. Unser öffentliches Verkehrssystem im Allgemeinen und unser U-Bahn-System im Besonderen sind voll ausgelastet und biegen sich unter dem Druck. Jeden Tag gibt es verspätete Züge, weil sie von zu vielen Menschen genutzt werden.

Wie kann man Menschen öffentlichen Verkehr überhaupt schmackhaft machen? Was treibt sie umgekehrt in den Individualverkehr?

Der Individualverkehr wird von jenen genutzt, die mit ihrem Auto fahren müssen. New York ist dabei die einzige Stadt in den USA, in der der Großteil der Bevölkerung kein Auto besitzt. Nicht, weil die Menschen keines haben wollen, sondern weil es sich nicht lohnt: Es gibt öffentliche Verkehrsmittel. Unsere Wohnkosten sind zwar sehr hoch, unsere Transportkosten dafür aber verhältnismäßig niedrig - ohne Auto. Wir können uns höhere Mieten leisten, weil wir weniger für den Verkehr ausgeben müssen.

Als Beispiel nenne ich gerne meine Mutter. Sie wohnt in einem der dichtest besiedelten Gebiete Manhattans. Als 80-Jährige kann sie überallhin zu Fuß gehen oder mit einem Bus oder einem Taxi fahren. Im Erdgeschoß hat sie einen Arzt, in der Nähe eine Apotheke und ein Kino, gegenüber einen Supermarkt und sie kann mit dem Bus in wenigen Minuten in ein großes Kaufhaus fahren. Außerdem kostet ein Parkplatz in einem Parkhaus fast so viel wie eine Wohnungsmiete. Dichte Bebauung ist schlussendlich entscheidend, weil sie es erlaubt, Wege zu verkürzen. Indirekt werden so keine Anreize zum Autofahren geliefert.

Sie haben sich ja intensiv mit Gemeindebauten beschäftigt. Was ist das Besondere an ihnen, aus städteplanerischer Sicht? Was macht sie nachhaltig?

Ich bin großer Fan der Wiener Gemeindebauten. Die Stadt hat sich zur Aufgabe gemacht, Wohnungen zu bauen für Arbeiterinnen, Arbeiter und Familien, die sonst nicht besonders gute Lebensbedingungen hatten. Sie hatten so zum ersten Mal eine Toilette und ein Badezimmer. Das andere Tolle an den Gemeindebauten ist, dass sie von der Architektur her sehr anspruchsvoll waren. Darüber hinaus war es nicht nur ein Wohnungs-, sondern auch ein Arbeitsprogramm, ein Stadtplanungsprogramm. Man hat Gebiete und Grundstücke bebaut, die leer standen. Schon die frühen Gemeindebauten wie etwa der Karl-Marx-Hof waren an das Verkehrsnetz angebunden und damit nachhaltig. Dadurch hatten und haben die Bewohnerinnen und Bewohner einfachen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wie nachhaltig ist denn Wien allgemein?

Wien ist sehr nachhaltig. Menschen, die in dichten Städten wohnen und öffentliche Verkehrsmittel benutzen, verbrauchen pro Person weniger Energie als Menschen außerhalb einer Stadt. Wien ist eine sehr alte Stadt, die in Grundzügen ihre heutige Form angenommen hat, als es noch keinen Individualverkehr gab und man somit quasi auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen war. Als Bewohnerin oder Bewohner Wiens benimmt man sich fast wie vor 150 Jahren. Es gibt zwar viele Autos, die vor allem von auswärts kommen, aber im Großen und Ganzen sind die Wienerinnen und Wiener sehr nachhaltig.

Viele glauben, dass es nachhaltiger sei, auf dem Land zu leben. Aber: Um auf dem Land wohnen zu können, benötigt man eine Auto. Ein Mehrfamilienhaus benötigt natürlich auch weniger Energie als ein Einfamilienhaus. Wo es weniger Wände gibt, verliert man Heizwärme oder im Sommer Kühlung. Mehrere Wohnungen aneinander dichten das ab.

Was macht die Stadt der Zukunft aus, wie sieht sie aus?

Dichter, höher und mehr miteinander verbunden. Die Stadt der Zukunft muss einfach dichter werden, ähnlich wie Wien, ähnlich wie New York und andere Städte. Dichte heißt ja nicht unbedingt, dass dadurch die Lebensqualität in Mitleidenschaft gezogen wird. Meine Mutter wohnt, wie bereits erwähnt, in einem der dichtesten Gebiete New Yorks und damit von ganz Amerika. Es ist auch eine der teuersten Gegenden, weil die Lebensqualität dort recht hoch ist. Es gibt einen Park in der Nähe, es gibt Museen, es gibt dort alles Mögliche.

Wenn ich an neue Städte in Asien denke, wo Hochhäuser zwar von Grünflächen umringt sind, wo es auf den Straßen aber keine Geschäfte zu sehen gibt, sondern man in Shopping Center gehen muss: Das ist keine Lebensqualität. Eine gute Stadt der Zukunft ist eine Stadt wie Wien, wie New York, wie Brooklyn, wo Menschen dicht aneinander wohnen, aber genügend Platz haben, wo innerhalb der Bevölkerung Vielfalt herrscht. Solche Städte sind dann auch wirtschaftlich erfolgreich. Wien und New York boomen ja deswegen, weil es vielfältige Städte sind, in denen auch Kunst und Kultur geschätzt werden.

Sie kennen Wien ja ganz gut. Haben Sie einen Lieblingsplatz in Wien?

Ich müsste natürlich sagen: der siebente Bezirk, weil ich dort aufgewachsen bin. Aber ich mag auch den zehnten Bezirk. Ich bin während meines Studiums an der Technischen Universität gemeinsam mit einem Kollegen in die Nähe vom Matzleinsdorfer Platz gezogen. Obwohl die Gegend bei der Knöllgasse nicht besonders schön war, war man innerhalb von 15 bis 20 Minuten am Karlsplatz. Und es gab einen Supermarkt in der Nähe. Das war sehr angenehm.

Urban Future Global Conference

Die Urban Future Global Conference findet von 28. Februar bis 2. März 2018 in der Messe Wien statt. Winston von Engel spricht am 28. Februar um 11.00 Uhr.

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