Der "BrailleRing" von TETRAGON ist klein, handlich und macht die Blindenschrift mobil. © TETRAGON

Wiener Start-up will Blindenschrift-Displays revolutionieren

Es begann an der TU Wien: Das Start-up TETRAGON entwickelt ein Verfahren, mit dem Blindenschrift-Displays in Zukunft einfacher und günstiger werden sollen. CLUB WIEN hat mit TETRAGON-Gründungsmitglied Wolfgang Zagler über die Innovation gesprochen.

Allzu oft gehen Entwicklungen an den Bedürfnissen behinderter Menschen vorbei. Displays für blinde Menschen etwa sind nicht nur teuer, sondern auch sperrig in der Handhabe. Das Wiener Start-up TETRAGON will das ändern. Seine Entwicklung "BrailleRing" passt in jede Westentasche und hat das Potenzial, ein E-Reader-Equivalent für Brailleschrift zu werden. CLUB WIEN hat Wolfgang Zagler, Universitätsprofessor im Ruhestand und Gründungsmitglied von TETRAGON, zum Interview getroffen.

CLUB WIEN: Wie kam es zu TETRAGON?

Wolfgang Zagler: Ich beschäftige mich seit 35 Jahren im Rahmen meiner Forschung unter anderem mit der Thematik Blindenschrift-Displays. Es gab damals allerdings noch nicht die Möglichkeiten einer Umsetzung in die Praxis. Ich habe seitdem Generationen von TU-Studentinnen und -Studenten in meinen Vorlesungen darauf hingewiesen, dass wir jede umsetzbare Idee sofort zum Thema einer Diplomarbeit machen könnten. Es kam dann wirklich zwei Jahre vor meiner Pensionierung, also zum ungünstigsten Zeitpunkt, eine E-Mail von Informatiker Michael Treml mit ein paar Skizzen und Ideen. Das hat mich gleich elektrisiert, und ich habe gesagt, wir nehmen das sofort in Angriff und machen eine Diplomarbeit.

Zur Umsetzung brauchten wir aber noch jemanden aus der Mechatronik, um auch das Mechanische hinzukriegen. Ich habe auf der Maschinenbaufakultät eine Arbeit zum selben Thema ausschreiben lassen, und so kam Dominik Busse ins Team. Die beiden haben dann die Machbarkeit gemeinsam ausgearbeitet und nachgewiesen. Die TU Wien hat die Entwicklung als Diensterfindung aufgegriffen, die Patentierung übernommen und ist somit Inhaberin des inzwischen erteilten Patents.

Was steckt hinter dem Namen TETRAGON?

Das ursprüngliche Konzept basierte auf einem achtkantigen Prisma, und wir nannten uns anfangs daher "Oktogon", also Achteck. Wir mussten das Ganze dann doch noch wesentlich vereinfachen und landeten so beim Viereck, daher der neue Name TETRAGON.

Warum brauchte es eine neue Lösung?

Das grundsätzliche systemische Problem der bisherigen Displays ist, dass man Leisten verwendet, in denen für jeden darzustellenden Punkt der Blindenschrift ein Loch ist, durch das ein Stift nach oben kommt, wenn man ihn zur Darstellung braucht. Für eine Zeile mit 80 Schriftzeichen, die jeweils bis zu acht Punkte haben können, braucht man also 640 solche Stifte mit ebenso vielen Hubantrieben. Das kann schon vom Prinzip her nicht billig sein. Man sollte keinem einen Vorwurf machen, wenn heutige Displays 5.000 Euro kosten, der Aufwand ist eben entsprechend groß. Unsere Mission war, die Komplexität drastisch zu reduzieren, ohne dabei die Lesbarkeit angezeigter Texte einzuschränken.

Man muss wissen, dass das Lesen von Blindenschrift nur funktionieren kann, wenn man mit der Fingerspitze über einen Buchstaben streicht. Den Finger nur fix an eine Stelle zu halten und einen unbeweglichen Buchstaben drunter zu haben, funktioniert nicht.

Was war also Ihre Idee?

Wir verabschiedeten uns von den einzeln bewegten Stiften und bauen die Punkte auf einem Trägerelement auf. Der Träger ist ein kleiner Quader, auf dessen Seiten jeweils zwei Punkte, ein Punkt oder keiner vorhanden ist. Legt man drei dieser Quader nebeneinander, sodass man sie wie bei einem Rubikwürfel beliebig verdrehen kann, ist es möglich, die klassischen sechs Punkte der Blindenschrift in allen erforderlichen 64 Kombinationen darzustellen. Es stimmt, dass die moderne Version der Brailleschrift acht Punkte nutzt. Durch Hinzufügen eines weiteren vierten Quaders ist diese Erweiterung beim BrailleRing aber ohne großen Aufwand möglich.

Der zweite Schritt war dann, die Zeile in einen Ring aufzuwickeln. Bewegt man diesen Ring rollend über eine Tischoberfläche, entsteht der Eindruck einer beliebig langen Zeile, und man kann theoretisch unbegrenzt viele Buchstaben darstellen. Während die Schriftzeichen im unteren Bereich mit dem Finger gelesen werden, sorgt ein zentraler Verstellmechanismus in der oberen Hälfte laufend für die Erzeugung von neuem Text. In Zukunft ist auch ein Motorantrieb für den Ring angedacht, sodass man den BrailleRing gar nicht mehr über eine Tischoberfläche bewegen muss.

Und: Der BrailleRing wird im Vergleich zu herkömmlichen Displays sehr leicht zu reinigen sein. Man kann das Innenstück selbst herausnehmen und einfach abwaschen. Unser Ziel ist ja, das neue Display möglichst bald gerade auch in der Dritten Welt nutzbar zu machen. Für die Menschen dort wäre dieses wartungsarme System eine erhebliche Erleichterung. Und natürlich würden auch Vorschulkinder bei ihren ersten Schritten mit Braille profitieren. Dort Braille-Zeilen um mehrere tausend Euro zu verwenden, die nur ja nicht verschmutzen dürfen, geht überhaupt nicht. Braille sollte man aber in möglichst frühem Alter lernen, was wir durch Robustheit und einen sehr attraktiven Preis möglich machen wollen.

Wie kommt jetzt der zu lesende Text in das Gerät?

Im Urmodell werden wir mit einer USB-Kabelverbindung beginnen. Ob der BrailleRing mit dem Smartphone, dem PC oder einem E-Reader verbunden wird, spielt dabei keine Rolle. Über das Kabel kommen die üblichen Text-Daten, die dann in die Brailleschrift konvertiert werden. Spätere Modelle könnten dann über Bluetooth oder WLAN direkt mit dem Internet verbunden werden. Das Konvertieren ist nicht die große Kunst. Braille ist ja nichts anderes als eine besondere Schriftart, die noch dazu international gleich ist, also immer aus sechs oder acht Punkten besteht, egal ob in China, Äthiopien, Dubai oder eben bei uns.

Was werden die nächsten Schritte in der Entwicklung sein?

Wir sind derzeit mit dem Inkubator INiTS unterwegs, der Start-ups berät und unterstützt. Das ist für uns der logische Weg, schließlich wird INiTS unter anderem von der TU Wien und der Wirtschaftsagentur Wien betrieben. Man muss aber bedenken, dass wir kein klassisches Start-up sind, das auf einen Massenmarkt ausgerichtet ist. Gott sei Dank gibt es nun einmal nicht Tausende blinde Menschen in Österreich, die auf den BrailleRing warten, sondern nur einige hundert. In Europa geht es aber schon in die Zehntausende, und weil es bei Braille ja wie erwähnt keine Sprachbarrieren gibt, können wir früh auch auf den Weltmarkt blicken. Bei unseren Kundinnen und Kunden kann ich aber schwer online Werbung machen oder Kickstarter nutzen. Blinde Menschen müssen das voll funktionsfähige Gerät erst einmal in der Hand haben, um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen. Aus Sicht von klassischen Investoren sollten wir aber schon vor der Investition einen gesicherten Markt und am liebsten auch bereits Vorbestellungen haben.

Realistisch gesehen, suchen wir also noch nach einem Investor, für den ein gesellschaftlicher und sozialer Nutzen im Vordergrund steht. Also im Sinne von "Social Entrepreneurship" einen Sponsor, einen Förderer oder eine Stiftung, die das nötige Startkapital zur Verfügung stellen können. Sonst geraten auch wir wieder in genau das gleiche Preissegment, das wir ja vermeiden wollen. Nur wenn es gelingt, die Entwicklungskosten nicht durch Verkaufserlöse abdecken zu müssen, wird der Schritt in die Dritte Welt gelingen. Ich will aber, dass auch blinde Menschen in Indien und Afrika von unserer Innovation profitieren können, Menschen, an denen die technologische Entwicklung leider allzu oft komplett vorbeigeht. Das ist zumindest das langfristige Ziel.

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