Numismatikerin Anna Fabiankowitsch erforscht die Medaillenproduktion zur Regierungszeit von Maria Theresia. © Lukas Beck / Bohmann

Die Decodierung der Künste

ForscherInnen entschlüsseln im Kunsthistorischen Museum Wien

die letzten Geheimnisse von Österreichs größter Kunstsammlung.

Und es geschah in uralten Zeiten, dass die Götter Jupiter und Merkur unerkannt auf Erden wandelten und Obdach suchten. Doch niemand lud sie ein. Nur zwei alte Eheleute voller Liebe und Güte, Philemon und Baucis, gewährten ihnen trotz bitterer Armut Gastfreundschaft. Hernach überzogen Jupiter und Merkur die verderbte Welt mit ihrem Zorn, schickten eine alles verschlingende Flut über das irdische Land, von der nur Philemon und Baucis verschont blieben.

Diese Episode aus den Metamorphosen von Ovid hat der Malerfürst Peter Paul Rubens (1577–1640) über zehn Jahre hinweg, von etwa 1615 bis 1625, in ein gewaltiges Gemälde gebettet – „Die große Gewitterlandschaft“. In düsteren Farben ergießt sich auf zirka 150 mal 210 Zentimetern Eichenholz eine apokalyptische Naturkatastrophe – der Himmel birst, die Wolken brechen, die Bäche stürzen, Mensch und Tier ertrinken, allein das Ehepaar wird von den Göttern in Sicherheit geleitet.

Die Topographie des Bildes

„Rubens hat dieses Werk immer wieder überarbeitet, erweitert, verbessert“, sagt Stefan Weppelmann, 45, der Direktor der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien (KHM). Was mit einer kaum 30 mal 50 Zentimeter kleinen Tafel, die den todbringenden, reißenden Bach zeigt, begann, wurde von Rubens später mit weiteren Holztafeln zu einem mächtigen Format angestückt. Ein Team aus KunsthistorikerInnen und RestauratorInnen hat dieses zentrale Exponat einer großen Rubens-Ausstellung im Herbst 2017 im KHM bis ins kleinste Detail analysiert und erforscht. Jeder Quadratmillimeter der „Topografie des Bildes“ – die Textur des Farbauftrags, die noch so dünnsten Risse, die Tektonik des Holzträgers – wurde mit einer speziellen Aufnahmetechnik erfasst. Es wurde sogar eine neue „Parkettierung“, also ein zugleich stabiler wie flexibler Gitterrahmen, entwickelt, um die Spannung aus dem beweglichen Holz zu nehmen und damit einem Arbeiten des Holzes vorzubeugen.

Stefan Weppelmann und Team
Das Team rund um Gemäldegalerie-Direktor Stefan Weppelmann bei Restaurierungsarbeiten in den Werkstätten. © Lukas Beck / Bohmann

Hightech-Labor und Werkstatt

Und so gleichen die viele Meter hohen Restaurierungs-Werkstätten des Museums, wo ein Meisterwerk neben dem anderen der Konservierung, Restaurierung oder wissenschaftlichen Untersuchung harrt, einer fast malerischen Mischung aus Hightech-Labor und Künstlerwerkstatt, wo man unbezahl­baren Bildern mit modernster Technik zu Leibe rückt. „Die Geisteswissenschaft der Kunstgeschichte hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert“, sagt Weppelmann. „Durch neue technologische Methoden ist sie mehr und mehr zu einem sehr Material-orientierten Fach geworden.“

Nicht zuletzt dank dieser Entwicklung fungiert das heuer 125 Jahre alte KHM als „größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung für kunst­historische Fächer“, wie Direktorin ­Sabine Haag stolz vermerkt. „Diese ­wissenschaftliche Arbeit bildet die Grundlage für das gesamte Ausstellungs- und Vermittlungsprogramm sowie für die Publikationen, die das Kunsthistorische Museum herausgibt.“ Haag umreißt damit die vier Grundpfeiler, auf ­denen jeder Museumsbetrieb fußt: Forschen, Sammeln, Bewahren, Vermitteln. Und rückt den am wenigsten sichtbaren Aspekt des Museums als Forschungsstätte ins rechte Licht. „Wissenschaft im Museum ist lebendig und spannend. Sie hilft uns dabei, die Objekte besser zu verstehen, für die Zukunft zu bewahren und damit auch mehr über unsere Geschichte und Identität zu erfahren.“

Video: Forschung im Museum

Immense Forschungsbandbreite

Derzeit arbeiten in allen KHM-Sammlungen etwa 75 wissenschaftliche Fachleute – KuratorInnen, RestauratorInnen, NaturwissenschafterInnen – an aktuell knapp 70 großen Forschungsprojekten. Rund zwei Drittel der Kosten werden von Eigenmitteln gedeckt, der Rest wird etwa aus Geldern vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, dem Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, der EU-Kulturprogramm-Förderung, der kalifornischen Getty Stiftung oder der Andrew Mellon Foundation in New York gespeist.

Das ermöglicht dem KHM eine beeindruckende Bandbreite von Forschungsarbeiten. Hier nur ein kleiner Auszug: In der ägyptisch-orientalischen Sammlung etwa wird der „Friedhof von Turah“, ein Gräberfeld aus dem 3. Jahrtausend vor Christus in Ägypten, neu unter die Lupe genommen, während die ExpertInnen der Antikensammlungen gerade den „Erotenfries“ des Theaters von Ephesos rekonstruieren.

In der Gemäldegalerie wiederum konzentriert man sich neben der Erforschung des Rubens-Bestandes (mehr als 50 Originale oder Werke aus seinem Umkreis) auf die Untersuchung der zwölf Bilder von Pieter Bruegel dem Älteren, die sich in KHM-Besitz befinden und den Kern einer umfangreichen Bruegel-Schau im Herbst 2018 bilden werden. Derweil steht in der Hofjagd- und Rüstkammer das sogenannte „Freydal“, das Turnierbuch von Kaiser Maximilian I., im Mittelpunkt. Und das Münzkabinett widmet sich gerade der „Medaillenproduktion des Wiener Hauptmünzamts unter der Regierung von Maria Theresia (1740–1780)“.

Auswurf-Pfennige fürs Volk

Aus numismatischer Sicht ist dies übrigens ein Megaprojekt. Denn im Gegensatz zu heute, wo Medaillen allenfalls im Sport begehrt sind, „zählte das Sammeln von antiken Münzen und modernen Medaillen im 18. Jahrhundert zum guten Ton“, sagt Anna Fabiankowitsch, 31, vom KHM-Münzkabinett. Die Leute waren ganz wild auf solche Trophäen, eigene Fachzeitschriften, die „Münzbelustigungen“, hielten sie über Neuprägungen auf dem Laufenden, im Münzamt herrschte Medaillen-Hochproduktion. Da gab es „Auswurf-Pfennige“, etwa zu Krönungs- oder Vermählungsanlässen, die in Auflagen von meist 3.000 bis 5.000 Stück wortwörtlich unters Volk verstreut wurden.

Goldmünze
Unter Maria Theresia wurden rund 300 Medaillientypen geprägt. © Lukas Beck / Bohmann

Manchmal – wie bei der Hochzeit von Karolina, einer Tochter von Maria Theresia, mit Ferdinand, König von Neapel-Sizilien – wurden sogar gleich 25.000 Stück ausgeworfen. Deutlich wertvoller war indes der ­„Op­ferpfennig“, der zur ungarischen Königskrönung Maria Theresias in Pressburg 1741 geprägt wurde. Ein,zwei Dutzend Mal pro Jahr wurden auch „Gnadenmedaillen“ für besondere Verdienste am Staat verliehen – ein substanzielles Geldgeschenk. Und fast schon ein kleines Vermögen repräsentieren die vier Medaillen, die 1767 zur Genesung der Kaiserin von den Pocken geprägt wurden.

Mehr als 300 verschiedene Medaillen­typen auf die Mitglieder des Hauses Habsburg sowie auf innen- und außenpolitische Ereignisse wurden in der Regierungszeit Maria Theresias hergestellt. Der für 2017 geplante Bestandskatalog dieser KHM-Sammlung ist nicht nur „ein langersehntes Desideratum“ (Fabiankowitsch), sondern soll auch eine Brücke zwischen der traditionellen Münzkunde und moderner Kommunikationswissenschaft schlagen. „Denn bis auf wenige Spezialanfertigungen sind die Medaillen eigentlich frühe staatspolitische Repräsentations-Massenmedien“, so die Numismatikerin. „Die Rekonstruktion von Empfängerkreisen und Reichweite der Medaillen fand in der Forschung bisher keinen Platz, ist für die Bewertung des Medienwerts der Medaillen aber grundlegend.“

Stefan Krause
Der Kunsthistoriker Stefan Krause nimmt die Turnierhandschrift „Freydal" genau in Augenschein. © Lukas Beck / Bohmann

Verherrlichung vom Feinsten

Eine ganz andere Form von Propaganda nimmt hingegen Stefan Krause, 37, Kurator der Hofjagd- und Rüstkammer, gerade ins Visier. Und zwar die ursprünglich 256 (eine ist verschollen) reich vergoldeten, in satten Farben gehaltenen Miniaturen der Turnierhandschrift „Freydal“, in denen 26 Meister die Ritterspiele und Feste von Kaiser Maximilian I. illustrieren – eine Verherrlichung vom Feinsten, entstanden um 1512/15.

Gezeigt werden 64 Turniere in jeweils vier Einzelbildern, auf denen sich die Ritter mit Streitkolben, Hellebarden, Schwertern, Lanzen und Dolchen in voller Rüstung zu Pferde und zu Fuß im Kampfe messen und danach beim Feste vergnügen. „Maximilian ist natürlich als meist siegreicher Ritter immer dabei“, sagt Krause. „Die Freydal-Miniaturen sind fast wie ein Daumenkino und eine einzigartige Quelle der damaligen Festkultur, der Mode am Hof, ja sogar der Architektur und Raumgestaltung.“

Alte Zeichnung
In der Freydal-Handschrift werden die Ritterspiele und Feste von Kaiser Maximilian I illustriert. © Lukas Beck / Bohmann

Eine gedruckte Version der prachtvollen Bilder wurde allerdings wegen der immens hohen Schulden des Kaisers – etwa das achtfache Jahreseinkommen – nie erstellt. Ein Versäumnis, das Krause nun in einem KHM-Prachtband, der alle kunsthistorischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Entstehung und künstlerischen Einordnung der Freydal-Bilder präsentieren soll, nachholen will.

Dieses Thema – Herkunft und Bedeutung – zieht sich auch durch das ­aktuell herausragendste KHM-Forschungsprojekt, die Interpretation des Werkes von Peter Paul Rubens, „des größten Meisters, ja Erfinders der europäischen Barockmalerei“, wie Weppelmann festhält. „Was Rubens über alle Maßen auszeichnet, ist seine Fähigkeit, aus Kunst Kunst zu schöpfen.“

Die KuratorInnen gehen vor allem der Frage nach, wer und welche Werke Rubens beeinflusst und inspiriert haben. Und siehe da: Rubens hat, gleichsam als „moderne Bildproduktions-Maschine fast so wie Andy Warhols Factory“, ungeniert Anleihen bei allen möglichen Kollegen genommen und „diese Quellen zu einem eigenen Vokabular und Stil vermischt“.

Die Pop-Art bei Rubens

Von seinen niederländischen Zeitgenossen Jan Brueghel, Anthonis van Dyck, Jacob Jordaens oder Frans Snyders hat er sich Darstellungen von Tieren und Landschaften abgeschaut, manchmal sogar gekauft. Während seiner Italien-Reise (1601–1608) hat er nicht nur bei Tizian Anleihen genommen, wie ein Vergleich seines berühmten Bildes „Das Pelzchen“ (1636/38) mit Tizians „Mädchen im Pelz“ (ca. 1535) zeigt. Und der berühmte, einzigartig gewundene Körper der Laokoon-Skulptur, heute noch eines der Hauptexponate des Vatikan, findet sich bei Rubens gedreht als Samson oder gestürzt im berühmten Ignatius-Altargemälde wieder.

Mal werden bloß Details abgekupfert, mal Figuren anderer Meister in Rubens-Bildern einfach gespiegelt, mal in andere Sinnzusammenhänge ­verwandelt. So konnte eine hocherotische Venus-Figur durchaus zur Vorlage für eine Heiligendarstellung werden. „Rubens hat sich selbst als populärer Künstler betrachtet“, sagt Weppelmann voller Respekt. „Sein Quellenumgang ermöglichte ihm Massenproduktion. Seine monumentalen Werke erhöhten wie ein Marketingmittel die Aufmerksamkeit seines Publikums. Er hat mit heutigen Künstlern wie Jeff Koons oder Damian Hirst sehr viel gemeinsam.“

Was zu einer der ewigen Fragen in der Kunst führt: Gibt es nun die Maler- Genies, die ihre Kunst göttlichen Eingaben verdanken? Oder ist Kunst zu schöpfen doch viel profaner? Eine Antwort darauf versucht die KHM-Rubens-Schau von 17. Oktober 2017 bis 21. Jänner 2018 zu geben. Kaum wo zeigt sich besser, wie spannend und ­lebendig Museum-Forschung wirklich sein kann.

Forschen & Entdecken

Diese und weitere Geschichten finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Forschen & Entdecken. Das Gratis-Magazin steht Ihnen als E-Paper zur Verfügung. Oder bestellen Sie das Abo frei Haus.

Vorteilspartner CLUB WIEN

Josephinum

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 2 Euro Ermäßigung auf den Eintrittspreis.

Erfahren Sie mehr 35884

Chocofalla – der Workshop für Genießer

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten eine Ermäßigung von 9 Euro!

Erfahren Sie mehr 41293

Kunsthalle Wien

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 25 Prozent Ermäßigung auf Ausstellungstickets.

Erfahren Sie mehr 43744

Tolle Modelle aus Holz

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten auf alle Bestellungen auf www.holzmodelle.at 5 Prozent Ermäßigung und ein kleines Minimodell dazu.

Alle Vorteilspartner