Eingezäunte Ballspielanlage am Gaudenzdorfer Gürtel, in der Jugendliche im Frühling Fußball spielen
Die Ballspielanlagen am Gaudenzdorfer Gürtel sind ein gutes Beispiel dafür, dass auch unattraktive Orte für manche Zielgruppen ein großer Gewinn sein können. © Izabela Idziak

"Neue, unerwartete Orte schaffen"

Die Bevölkerung Wiens wächst, nicht aber das Platzangebot. Öffentlicher Raum sollte deshalb kreativ genutzt werden. Wir haben mit Jutta Kleedorfer, Projektkoordinatorin für Mehrfach- und Zwischennutzung, über die spannenden Möglichkeiten gesprochen.

Als Raumplanerin kennt Jutta Kleedorfer von der MA 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung Wien wie ihre eigene Westentasche. Diese Kenntnisse kommen ihr in ihrem Job zugute: Sie sucht Orte, die sich dafür eignen, mehrere Funktionen zu erfüllen. Etwa der Schulsportplatz, der am Abend den Kindern der Anrainerinnen und Anrainer zur Verfügung steht. Und sie sucht Orte, die auf den ersten Blick unattraktiv wirken, aber für bestimmte Zielgruppen ein großer Gewinn sind. Wie die Ballspielkäfige am Gürtel.

club.wien.at: Derzeit liegt Mehrfachnutzung schon fast im Trend. Aber wie hat das Ganze begonnen, als Sie Ihren Job 1998 im Rahmen des Projektes "einfach – mehrfach" angetreten haben?

Jutta Kleedorfer: Begonnen hat meine Arbeit mit Anliegen von Kindern und Jugendlichen und der Suche nach zusätzlichen Outdoor-Bewegungsmöglichkeiten für sie. "Spielräume erweitern" hatte von Anfang an sozial- und demokratiepolitische Aspekte. Aktuell spielen ökonomische Gesichtspunkte im Sinne eines effizienten Umgangs mit knappen Ressourcen, wozu Raum gehört, eine große Rolle. Das fügt sich auch gut in die "Smart City Wien"-Strategie ein. Und es entspricht dem Ziel, die beste Lebensqualität für alle zu gewährleisten und dabei Ressourcen mithilfe von Innovationen zu schonen.

Frau Jutta Kleedorfer
Jutta Kleedorfer ist Projektkoordinatorin für Mehrfach- und Zwischennutzung. © MA 18-Stadtentwicklung und Stadtplanung

Was waren am Anfang die Herausforderungen?

Die herkömmliche, traditionelle Denkweise. Etwa, dass eine Schule für den Schulbetrieb und eine Sportstätte ausschließlich für den Sportbetrieb da ist. Aber Schulsportanlagen für viele, viele Stunden pro Jahr zuzusperren und nicht zu nutzen, ist absonderlich. Was mit öffentlichen Geldern gebaut wurde, muss auch für die Öffentlichkeit nutzbar sein. Die Stadt wächst stark und wir werden Raum teilen müssen.

Welche Möglichkeiten haben Sie in Ihrem Job?

Ich habe keine Weisungsrechte und kein spezielles Budget. Ich kann nur "gutes Wetter" machen, viel vermitteln, viel reden, Überzeugungsarbeit leisten, Verbündete suchen. Andere Mittel habe ich nicht. Ab und zu sehe ich auch Orte und frage mich: 'Kann das wer brauchen?' Und ich versuche, Interessierte zu finden. Meistens ergibt sich der Kontakt aufgrund von Konfliktlagen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Jugendarbeit und in der Parkbetreuung sind da ganz wichtige Informationsquellen. Sie wissen aus Erfahrung, wo Konflikte drohen und was ihre Zielgruppe braucht. Jugendliche wollen sich ungeniert treffen, Musik machen, sich bewegen, austoben und spielen können. Das geht in kleinen öffentlichen Parks oft nicht, ohne andere zu stören. Deshalb sind die Ballspielkäfige am Gaudenzdorfer Gürtel so gelungen. Dort wurde ein neuer, unerwarteter Ort geschaffen, wo die Jugendlichen sein dürfen, wie sie sind. Auch am Abend, dank der guten Beleuchtung. Hier muss man verschiedene Welten zusammenbringen – etwa die der Bezirksvertretung, der Jugendbeauftragten, der Verwaltung und der Jugendlichen. Am besten, man bindet alle so früh wie möglich in die Überlegungen ein.

Ihr anderer Tätigkeitsschwerpunkt sind die sogenannten Zwischennutzungen. Gibt es Branchen, die dafür besonders aufgeschlossen sind?

In der Kreativwirtschaft ist Zwischen- und Kurzzeitnutzung schon richtig schick und absolut in Mode! Die wollen sich oft nicht zehn Jahre für einen Standort verpflichten und probieren gerne mal was aus. So findet heute etwa nicht jedes kleine, ehemalige Gassenlokal leicht ein neues Geschäft. Aber für eine kleine Galerie, eine Cateringfirma oder Modeschaffende können sie ideal sein. Sie beleben mit ihrem Tun den Raum. Etwa in der Reindorfgasse im 15. Bezirk.

Welche Projekte planen Sie derzeit? Was würde Sie besonders freuen, wenn es gelingt?

Täglich bekomme ich neue Anfragen für günstige Zwischennutzungsmöglichkeiten für Events, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Kreativwirtschaft oder Start-ups. Hier freue ich mich auf die Erweiterung der Suchraster durch neue Akteurinnen und Akteure wie vor allem der Agentur "Kreative Räume Wien". Sie wird in Kürze ihre Tätigkeit offiziell aufnehmen, und auch die Zusammenarbeit mit "Leerstandsmobilisiererinnen und -mobilisierern" wie der Agentur NEST oder Paradocks. Das Prinzip Zwischennutzung mit Vorteilen für beide Seiten – Immobilienanbieterinnen und -anbietern und Nachfragenden – kann in Wien noch viel Argumentationsunterstützung und Best Practices brauchen. Es wäre schade, die Erfolgsbeispiele dazu hauptsächlich im Ausland nennen zu können.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie wird sich der Trend in Wien weiterentwickeln?

Bezüglich Bürgerinnen- und Bürgerbeteiligung und Do-it-yourself-Stadt sind noch viele neue Anwendungen zu erwarten und zu erproben. Ein gutes Beispiel ist das Modell "Urban Gardening", das sich an sehr vielen Wiener Standorten in den letzten Jahren als großer Sympathieträger bürgerschaftlichen Engagements durchgesetzt hat. Genauso sind, vor allem am Stadtrand, hinsichtlich urbaner Landwirtschaft, Trendsportanlagen und selbst organisierter Spiel-Freiraumaktivitäten noch aktivere Rollen der Anrainerinnen und Anrainer denkbar und wünschenswert. Beim Ausgleich der Interessen und der Vielfalt der Angebote wird die Projektkoordination sicher auch in Zukunft eine Rolle spielen, im Sinne von "Vermittlung findet Stadt". Die Kombination vieler unterschiedlicher Interessen durch effizienten Umgang mit öffentlichen Infrastrukturangeboten und ergänzenden privaten, vielleicht auch nur temporären Raumpotenzialen, scheint eine Zukunftsaufgabe zu sein.

Was waren Ihrer Meinung nach die bisher größten Erfolge?

Dazu gehören die vielen Beispiele der Wiener Schulhof-Öffnungen: Von stundenweiser Mitnutzungsmöglichkeit mit und ohne außerschulischer Jugendbetreuung über das Modell "Öffnung jeden Nachmittag sowie an den Wochenenden und in den Ferien" bis hin zur Schule ohne Zäune in Hirschstetten, dem sogenannten ACTiN-Park. Diese Projekte waren und sind Pioniere für die Bereitstellung der Outdoor-Ballspielanlagen von Campus-Schulen für die Anrainerinnen und Anrainer. Das wurde jetzt auch in die Schulbaurichtlinie für die Wiener Schulneubauten als Grundsatz übernommen. Eine der gelungenen Anwendungen kann man beim neuen Schulcampus in der Seestadt erleben.

Gibt es einzelne Projekte, über die Sie sich besonders freuen?

Sehr erfreulich finde ich die konstruktive Verwendung und Neugestaltung früherer "Unorte" wie den "Spielraum Underground" unter der Nordbrückenabfahrt oder das "Fluc" am Praterstern in der ehemaligen Fußgängerunterführung. Aber auch die Ballspielanlagen für Jugendliche am Gaudenzdorfer Gürtel sind toll. Stadtplanerinnen und -planer würden gar nicht so leicht auf solche Standorte kommen. Hier waren die konkreten Hinweise von Jugendlichen extrem nützlich. So bekommt das Prinzip Beteiligung/Partizipation besonderes Gewicht.

Sie machen diesen Job seit fast 18 Jahren. Was finden Sie besonders spannend daran?

Anlass für die Arbeit als Projektkoordinatorin ist meist ein Konflikt. Unerwartete Lösungen liegen oft in bisher nicht bekannten Orten oder Räumen, und so kann man das unerfreuliche Sieger- und Verlierer-System verlassen. Die Kreativität liegt nicht im "Planungsentwurf", sondern in der Vermittlungsstrategie. Der Umgang mit vielen Involvierten ist einerseits eine Herausforderung, andererseits auch sehr erfreulich. Der Erfolg ist nie einer Person zuzuordnen, sondern kann als gemeinsames konstruktives Lernen erlebt und geteilt werden. Das bringt Leute zusammen und macht einfach Freude.

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