Pharmakognostin Judith Rollinger verknüpft in ihrer Forschungsarbeit altes Kräuterwissen mit moderner Wissenschaft. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Frauen in der Forschung: Wurzelrinde gegen Grippe

Die Pharmakognostin Judith Rollinger will altes Kräuterwissen neu einsetzen. Dazu nimmt sie verschiedene Pflanzeninhaltsstoffe unter die Lupe, um daraus ein neues Mittel gegen Grippe zu entwickeln.

Judith Rollinger denkt kurz nach. "Eigentlich haben mich Pflanzen schon immer fasziniert", sagt sie dann. "Wenn man überlegt, was die alles aushalten müssen: Hitze, Kälte, Fressfeinde, Pilze, Mikroben. Das ist schon beachtlich und nur möglich, weil sie ein hervorragendes Abwehrsystem haben." Damit dieser Abwehrschild hält, muss er immer wieder angepasst werden. "Pflanzen verfügen dazu über ein eigenes Labor", erklärt die Forscherin. "Darin stellen sie chemische Stoffe her. Das sind die sogenannten Sekundärmetaboliten. Die schützen sie gegen Umwelteinflüsse. Ändern sich die Bedingungen, werden zum Teil auch neue Inhaltsstoffe produziert. Überlebt haben - evolutionär bedingt - nur jene Arten, die das beste chemische Arsenal aufzuweisen hatten." Für Rollinger und ihr Team ist diese Fülle an Pflanzeninhaltsstoffen ein wertvoller Fundus. "Wir wollen neue Naturstoffe finden und sie für den Menschen nutzbar machen. Als Mittel gegen Grippe zum Beispiel."

Altes Wissen mit neuen Methoden kombinieren

Seit Oktober 2014 forscht und lehrt die gebürtige Vorarlbergerin am Department für Pharmakognosie der Universität Wien. Volksmedizinisches Kräuterwissen mit pharmazeutischen Ansätzen zu verknüpfen, war ihr davor schon ein Anliegen. 

Macht Johanneskraut fröhlich und hilft Weinraurte wirklich bei Krämpfen? Eine Analyse der Inhaltsstoffe könnte Anwort darauf geben. © Bohmann/Andrew Rinkhy.

"Mit Alternativmedizin hat das aber nichts zu tun", stellt sie klar. "Auch wenn man schnell in einer esoterisch angehauchten Schublade landet, wenn es um Pflanzen und Medizin geht. Pharmakognosie, das Gebiet, auf dem ich forsche, ist die Lehre biogener Arzneimittel. Diese können von Pflanzen, Tieren, Pilzen oder diversen Mikroben stammen. Ein breites Feld, auf dem ausschließlich mit wissenschaftlichen Methoden gearbeitet wird."

Virenstämme verändern sich

Dass sich die 52-Jährige derzeit auf Grippeforschung konzentriert, begründet sie so: "Grippe ist nach wie vor eine schwerwiegende Infektionskrankheit. Weltweit trifft es jährlich drei bis fünf Millionen Menschen, bis zu 500.000 sterben daran. Wer einmal mit einer echten Grippe im Bett war, weiß, dass man damit nicht spaßen darf." Vorbeugende Maßnahmen wie Impfungen stellen zwar den wichtigsten Schutz dar, reichen aber nicht aus. Rollinger: "Virenstämme verändern sich immer wieder. Daher brauchen wir auch antivirale Medikamente, um gut ausgerüstet zu sein, wenn eine Grippewelle übers Land zieht. Gegenüber herkömmlichen Grippemitteln sind viele kursierende Virenstämme schon resistent." Das heißt, deren Wirkung lässt nach. Sucht man also nach neuen Verbindungen sind Naturstoffe eine hervorragende Quelle. 

Naturstoffe sind Vielstoffgemische, aus denen einzelne Substanzen analyiert. Das Foto zeigt einzelne Stadien des daraus gewonnenen Extraktes. © Bohmann/Andrew Rinkhy.

Sie haben in der Menschheitsgeschichte schon immer eine große Rolle gespielt. "Auf dieses Wissen jahrhundertelanger Anwendung greifen wir immer wieder gerne zurück." Ein Beispiel ist der Extrakt der Maulbeerbaumrinde. "Den molekularen Mechanismus sowie Inhaltsstoffe haben wir bereits identifiziert. Es fehlen aber noch detaillierte In-vivo-Studien, also Studien im lebendigen Organismus.“

Standardwerk aus dem 6. Jahrhundert

Basis für Rollingers Untersuchungen sind alte Kräuterbücher, allen voran der "Wiener Dioskurides". Diese handschriftlichen Aufzeichnungen in griechischer Sprache gehen auf den Militärarzt Pedanios Dioskurides zurück, den bekanntesten Pharmakologen des Altertums. Die Handschrift aus dem 6. Jahrhundert enthält Beschreibungen von Pflanzen mit Bildern und Illustrationen. Herzstück ist ein umfangreicher Kräuterteil, genannt Dioskurides-Herbarium, mit 383 aufgelisteten Heilpflanzen.

Der Wiener Dioskurides stammt aus dem 6. Jahrhundert und gilt als wertvolle Quelle für antike Naturwissenschaften. © Bohmann/Andrew Rinkhy.

Das Kompendium gilt als wertvolles Quellenwerk für antike Naturwissenschaften und zählt seit 1997 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Seit dem 16. Jahrhundert wird es in der Wiener Nationalbibliothek aufbewahrt. Faksimile immer griffbereit. Für Judith Rollinger ist der "Dioskurides" mehr als eine Arbeitsgrundlage. "Ich habe einen Faksimiledruck im Büro, in dem ich immer wieder gerne stöbere", erzählt sie, holt das Buch aus dem Regal und blättert darin." Als Militärarzt ist Dioskurides sehr viel herumgekommen. Die Medizinalpflanzen hießen in jedem Land anders, weshalb er erfreulicherweise auch Synonymlisten angelegt hat. Das macht die Identifizierung der Pflanzenarten leichter." Kleine Anmerkungen und Ergänzungen an den Seitenrändern belegen außerdem, dass das Buch tatsächlich jahrhundertelang im Einsatz war.

Begriff Influenza kam viel später

"Nur weil etwas oft angewendet wird, muss es aber nicht wirken", sagt Rollinger. "Es sind ja keine genauen Rezepte, sondern eher unklare Beschreibungen über die Herstellung der entsprechenden Arznei, wie etwa 'einzulegen in Essig' oder 'anzuwenden mit dem Saft der Pflanze XY'. Mit dem schulmedizinischen Wissen von heute kann man das nicht 1:1 übernehmen. Aber es sind wertvolle Anregungen." Außerdem gab es viele Begriffe, unter denen wir Krankheiten heute kennen, damals noch nicht. Die Bezeichnung Influenza zum Beispiel taucht erst im 20. Jahrhundert auf. "Kein Mensch in der Antike hat gesagt: 'Ich habe Grippe.' Man sagte: 'Ich habe Husten, Fieber, Kopfweh, Halsschmerzen, Atembeschwerden." Also haben Rollinger und ihr Team das Buch nach diesen Schlagwörtern durchsucht. "Das Problem dabei: Es gibt eine ganze Reihe von Krankheiten, auf die der Körper mit solchen Symptomen reagiert."

Zwei hochaktive Substanzen aus dem Maulbeerbaum

Dennoch ist es Rollinger und ihrem Team gelungen, aus 160 infrage kommenden Pflanzenextrakten zehn stark antivirale Kandidaten zu identifizieren und auf ihre Wirkweise zu testen. Derzeitiger Favorit: die Wurzelrinde des Maulbeerbaums.

Bis aus der einer Wurzelrinde ein brauchbares Extrakt entsteht sind viele Stunden im Labor notwendig. © Bohmann/Andrew Rinkhy.

Sie wirkt schleimlösend und wird in der Chinesischen Medizin seit Jahrhunderten bei einer Infektion der Atemwege und bei Lungenerkrankungen eingesetzt. "Wir haben aus der Wurzelrinde einen Extrakt gewonnen und daraus zahlreiche Inhaltsstoffe identifiziert. Zwei davon sind nicht nur potente Hemmer der viralen Neuraminidase, sondern auch der bakteriellen."

Noch ein weiter Weg bis zur Marktreife

Zur Erklärung: Eine Grippeinfektion ist zwar rein viral bedingt, geht aber oft mit einer Lungenentzündung, die durch Bakterien verursacht wird, einher. Das Ziel ist deshalb, ein Mittel zu finden, das sowohl Viren als auch Bakterien einbremst. Der Schlüssel dazu ist die Neuraminidase. Das ist ein Oberflächenprotein, das dafür sorgt, dass sich neu gebildete Viren von der Wirtszelle ablösen und sich dann im Organismus verbreiten und die Infektion vorantreiben. Rollinger: "Gängige Grippemittel hemmen nur die virale Infektion. Die nun aufgefundenen pflanzlichen Verbindungen aus dem Maulbeerbaum hemmen beide Neuraminidasen, wodurch diese Naturstoffe antibakteriell und antiviral wirken. Das macht sie so wertvoll und einzigartig. Bis diese jedoch Marktreife haben, ist es noch ein weiter Weg. Wir stehen noch ganz am Anfang. Aber die aktuellen Ergebnisse sind vielversprechend."

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