Vor dem Bau des Donauzentrums und danach: Lidovienna zeigt anhand zweier Orthofotos aus den Jahren 1961 und 2016 den Wandel in Kagran. © TU Wien, SRF

Wie sich Wien im Laufe der Zeit wandelte

Wien ist dynamisch und hat sich im Laufe der Jahrhunderte ständig verändert. Das lässt sich anhand von Online-Landkarten und interaktiven Luftaufnahmen anschaulich darstellen. Mit UCIT und Lidovienna widmen sich gleich zwei Projekte dieser Aufgabe.

Das Wachstum einer Stadt lässt sich besonders gut mit einem Blick von oben darstellen. Man denke an Landkarten, Stadtpläne und Orthofotos, also verzerrungsfreie und maßstabsgetreue Luftaufnahmen der Erdoberfläche. Bis ins 18. Jahrhundert datieren jene Karten, auf die Burcu Mikulcik und Emre Can Sönmez von der TU Wien für ihr Projekt zurückgegriffen haben. Ihre Webanwendung haben die Studentin und der Student "Urban Change In Time" getauft, auf Deutsch etwa Urbaner Wandel im Laufe der Zeit, kurz UCIT. Anhand interaktiver Onlinekarten wird nicht nur anschaulich gezeigt, wie sich Wien in den letzten Jahrhunderten verändert hat. Auch das Alter von rund 38.000 Gebäuden der Bundeshauptstadt lässt sich mithilfe ihrer Website feststellen.

Vom 1760 bis 2010 reichen die Karten, die im Rahmen von UCIT digitalisiert wurden. Hier ein Exemplar von 1870. © UCIT

Teil einer Doktorarbeit

UCIT ist dabei Teil von Burcu Mikulciks Doktorarbeit. Sie selbst zeichnet für Management, Design und die wissenschaftliche Umsetzung des Projekts verantwortlich. Über eine Plattform der TU suchte sie Hilfe für die technische Abwicklung und lernte Emre Can Sönmez kennen. "Er ist der Software-Entwickler hinter dem Projekt", erklärt Mikulcik. Wichtig war beiden ein niederschwelliger Zugang zu der Materie: Sie wollen Interessierte sanft an die Themen Stadtentwicklung und Stadtplanung heranführen. "Wir wollten alles einfach halten und das Publikum nicht mit allzu vielen Daten bombardieren." Für das Material machten sie sich das Open-Data-Projekt der Stadt Wien zunutze. Hier kann auf nicht personenbezogene und frei verfügbare Daten kostenlos zugegriffen werden. Dabei wurden sie von der Stadt tatkräftig unterstützt, wie Mikulcik nicht müde wird zu betonen.

Geschichte des eigenen Grätzels

Viele der alten Karten existierten bis dato nur in Papierform und mussten aufwendig digitalisiert werden. Außerdem waren Mikulcik und Sönmez mit einem weiteren Problem konfrontiert: "Manche waren in sehr schlechtem Zustand und sehr dunkel, weil sie bereits oxidiert waren", erklärt die Doktorandin. "Diese mussten zusätzlich bearbeitet werden, und das kostete viel Zeit." Jetzt kann man dafür wie bei einem Daumenkino durch die Jahrhunderte blättern und die Geschichte des eigenen Grätzels erforschen. Manche lassen sich bis in die Zeit des Josephinismus Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. Mit einer weiteren Funktion kann man auch Wiener Gebäude aus dem 12. und 13. Jahrhundert online aufspüren.

Auf UCIT kann derzeit das Alter von 38.000 Gebäuden in Wien abgerufen werden. Zu sehen ist eine Darstellung der aktuellen Gebäude-Situation in der Hauptstadt. © UCIT

Die Beschäftigung mit den über 200 verwendeten Karten hat bei Mikulcik jedenfalls tiefen Eindruck hinterlassen: "Die alten Karten sind wirkliche Kunstwerke. Sie sind in vielerlei Hinsicht spannend, sei es Genauigkeit, Lesbarkeit oder Ästhetik. Wenn man den Navigationsbalken bei UCIT von sehr alten zu aktuellen Karten schiebt, ist die Veränderung, die man sieht, faszinierend."

Vom Bau der Donauinsel bis zur Seestadt Aspern

In eine ähnliche Kerbe schlägt Lidovienna, ein Projekt des Departments für Raumplanung an der TU Wien. Dieses will einen Überblick über die Stadtentwicklungsgeschichte in Transdanubien liefern. Mit Floridsdorf und Donaustadt werden die beiden größten Bezirke Wiens im Laufe der Jahrzehnte beleuchtet. Online lassen sich bis ins Jahr 1938 zurückreichende Orthofotos mit aktuellen Luftbildaufnahmen der Gegend am linken Donauufer vergleichen. Der Bau der Donauinsel, die Entwicklung Kaisermühlens oder die Entstehung der Seestadt Aspern können so nachvollzogen werden.

Die Entwicklung Transdanubiens wird auf Lidovienna dokumentiert, hier die Entstehung des Knoten Kaisermühlen auf der Südosttangente (A23). Links eine Luftaufnahme von 1956, rechts eine von 2014. © TU Wien, SRF

Doch warum ausgerechnet der 21. und der 22. Bezirk? Projektleiter Johannes Suitner klärt auf: "Wenn man eine große Geschichte wie die der Stadtentwicklung erzählen will, kann man das schwer für ganz Wien tun. Man muss einen Fokus suchen und den Bezug zu einem Ort finden: Ah ja, diese Kreuzung, diese Autobahn. Da kenn ich mich aus." Außerdem sei in diesem Gebiet in Sachen Stadtplanung und -entwicklung in den letzten achtzig Jahren extrem viel passiert: "Das ist eines der dynamischsten Gebiete Wiens, ein Wachstumsgebiet, und das zeigt sich auch in der baulichen Veränderung."

Aufgaben wie zuletzt vor hundert Jahren

Auch bei Lidovienna wurde auf Open Data zurückgegriffen, laut Suitner die Grundlage für die Arbeit an dem Projekt: "Es war unser Anspruch, keine exklusiven Datenbestände, sondern offene, frei verfügbare Quellen zu verwenden. Das betrifft sowohl die Luftbildpläne als auch die technische Lösung, mit der die beiden Pläne jeweils übereinandergelegt werden." So kann jede und jeder mit ein wenig Web- und Programmierkenntnissen selbst die Quellen nachvollziehen. Eng zusammengearbeitet wurde an Lidovienna mit der MA 18 - Stadtentwicklung und Stadtplanung. Gemeinsam wurde die Idee geboren, auf lockere Art und Weise zu vermitteln, wie Stadtentwicklung passiert und welche Rolle Planung dabei spielt. Und das sollte eben in Form digitalisierter Luftbilder geschehen.

Johannes Suitner widmet sich als Projektleiter von Lidovienna der Erforschung der Stadtentwicklungsgeschichte von Floridsdorf und Donaustadt. © Johannes Suitner

Lidovienna bietet dabei einen unterhaltsamen Zugang zum Thema Stadtentwicklungsgeschichte. Mit wenigen Mausbewegungen erfährt man dank überblendeter Orthofotos, wie sich der Nordosten in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Schließlich ist die Stadtplanung in Gebieten wie dem Zentrum Kagran oder der Seestadt Aspern mit enormen Aufgaben wie zuletzt vor hundert Jahren konfrontiert. Suitner sieht aber anhand der Orthografien nicht nur den Wandel: "Spannender ist für mich, wie viel sich nicht verändert hat. Verkehrsachsen wie die Prager Straße, die Brünner Straße oder die Wagramer Straße sind zum Teil schon 200 Jahre alt. Sie sind aber immer noch sehr, sehr prägend für die Stadtentwicklung und bedingen teilweise auch die Planung."

Für die Zukunft von der Vergangenheit lernen

Das passt auch zu Suitners Credo, nämlich dass man für die Zukunft von der Vergangenheit lernen muss: "Was historisch passiert ist, prägt auch die nächsten zwanzig, dreißig Jahre der Stadtentwicklung. Entscheidend ist, egal, ob man es nachhaltig, smart oder kreativ nennt, dass jede Planung für die Zukunft auf einer Entwicklung in der Vergangenheit aufbauen muss." Auch für Burcu Mikulcik von UCIT ist die Beschäftigung mit Material aus der Vergangenheit essenziell: "Wir werden weiterhin Open Data verwenden und versuchen, den jeweiligen Sinn dahinter zu verstehen. Denn Open-Data-Initiativen wie die der Stadt Wien ermutigen smarte Bürger aktiv, selbst kreative Ideen zu entwickeln."

Ein Blick auf UCIT und Lidovienna sei jedenfalls allen schwer ans Herz gelegt. Die Beschäftigung mit Wiens Stadtentwicklungsgeschichte ist so spannend wie unterhaltsam.

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