Alte Handschriften werden mit moderner Technik wieder sichtbar gemacht. © Bohmann/Lukas Beck

Hightech für alte Schriften

Es klingt wie ein Drehbuchmix aus Indiana Jones und CSI: Wiener ForscherInnen entschlüsseln die Geheimnisse uralter abgeschabter und unleserlicher Texte.

Wäre da nicht der behutsame Griff zum Deckel der blassgrauen Schachtel, man würde den braunen Lederstücken darin wenig Bedeutung beimessen. Doch die unscheinbaren Lederstücke, sorgsam auf weißen Filz gebettet, bergen ein Rätsel für die Wissenschaft. Sie sind Überreste eines mittelalterlichen Schuhs, den Archäologen der Humboldt-Universität in Berlin 2007 bei einer Notgrabung auf der Nil-Insel Sur entdeckten. Die Fundstätte liegt mittlerweile unter dem Wasser des Merowe-Stausees im Sudan. Nur bei genauem Hinsehen werden einige verblasste Buchstaben auf dem Leder sichtbar.

Handschriften sichtbar machen

Um die Botschaft des Schuhs zu entziffern, ist das Fundstück nun zur Untersuchung am Wiener Center for Image and Material Analysis in Cultural Heritage (CIMA), einer interuniversitären Einrichtung von Universität Wien, Technischer Universität Wien und Akademie der bildenden Künste.

"Wir holen Schriften aus dem Verborgenen wieder hervor", erklärt Heinz Miklas vom Institut für Slawistik der Uni Wien und einer der Initiatoren des CIMA. "Mit modernen Geräten, die wir teils weiter-, teils neu entwickeln, können wir schwer bis gar nicht mehr zu entziffernde oder überschriebene Handschriften wieder sichtbar machen." Bereits im Mittelalter wurde recycelt, denn Schreibmaterial war knapp. Für zwei Folios, also zwei 20 mal 30 Zentimeter große Pergamentbögen, benötigten Schreiber ein Schaf oder eine Ziege. Für ein dickes Buch brauchte man also eine ganze Herde. So entstanden verborgene Schätze, verrät Miklas. "Wenn Texte nicht mehr interessant waren, wurde das Pergament abgeschabt und mit einem neuen Text überschrieben. Heute interessiert uns Philologen natürlich der abgeschabte alte Text mehr."

"Auch wenn ein Farbstoff verblasst, bleiben Reste erhalten", so Chemiker Manfred Schreiner.

Zerstörungsfreie Rekonstruktion

Um die notwendigen Techniken zur Analyse alten Schriftguts zu entwickeln und einem breiten Kreis in- und ausländischer Interessierter zur Verfügung stellen zu können, wurde 2014 aus Hochschulraum-Strukturmitteln das CIMA gegründet. Das zehnköpfige Team des CIMA besteht aus Philologinnen und Philologen, Chemikerinnen und Chemikern und Informatikerinnen und Informatikern.

Manfred Schreiner, Vorstand des Instituts für Naturwissenschaften und Technologie in der Kunst an der Akademie der bildenden Künste, ist federführend bei der chemischen Analyse am CIMA. "Wir untersuchen die verwendeten Materialien, etwa die Tinte, zerstörungsfrei. Auch wenn ein Farbstoff verblasst, bleiben Reste des Tintenmaterials am Beschreibstoff erhalten. Diese können wir mit Röntgenfluoreszenzanalyse oder Infrarot- und Raman-Spektroskopie visualisieren und ein Bild der Tintenreste erzeugen."

Informatikerinnen und Informatiker ergänzen die Suche nach verschwundenem Text. Spezialkameras nehmen Bilder der Handschriften bei entsprechender Beleuchtung mit zwölf verschiedenen Wellenlängenbereichen, von UV bis Infrarot, auf. Aus der Zusammenschau dieser Multispektral-Aufnahmen rekonstruieren die Informatikerinnen und Informatikern verschwundene Texte, erklärt Schreiner: "Die Aufnahmen liefern ungeheure Datenmengen. Es wäre unmöglich, sie händisch Pixel für Pixel übereinanderzulegen. Die Informatiker entwickeln also Programme, mit denen sie die Bilder mathematisch- statistisch auswerten."

Reste des Beschreibstoffes können mittels Röntgenfluoreszenzanalyse sichtbar gemacht werdern. © Bohmann/Lukas Beck

Untersuchen - an Ort und Stelle

Ziel des CIMA ist, die Hochtechnologie nicht nur im Labor anzuwenden, sondern auch unter schwierigsten Bedingungen vor Ort bestmögliche Aufnahmen und Analysen von sensiblen Handschriften zu machen. So begleiten Kameras, Spektroskope und noch mehr Zubehör das Team auf seinen Reisen. "Letztens fuhren wir mit dem Auto nach Ljubljana, zur Analyse eines Manuskripts aus dem 10. Jahrhundert, mit allen notwendigen Geräten im Kofferraum. Für den Flug zum Sinai engagierten wir allerdings doch eine Spedition", erzählt Miklas.

Seit 1. März läuft das aktuelle Projekt des CIMA, die Aufnahme und Untersuchung von altslawischglagolitischen Handschriften vor allem aus dem Katharinenkloster auf der Sinai-Halbinsel und vom Berg Athos. Es ist bereits das dritte einschlägige Projekt des CIMA. Das erste Mal im Projektteam dabei sind eine Restauratorin der Donau-Universität Krems und Mikrobiologinnen und -biologen der Universität für Bodenkultur. Mit ihrer Expertise wollen sie offene Fragen um die Herkunft und Geschichte der Manuskripte lösen, sagt Miklas. "Auf dem Sinai gab es kaum Tiere, aus denen Pergament hergestellt werden konnte. Durch eine DNA-Analyse des Pergaments und der Mikroorganismen darauf können die Mikrobiologen feststellen, woher die Tierhäute für das Pergament kamen. Das erlaubt Rückschlüsse auf die Kulturgeschichte: Woher kamen Handschriften original, wo wurden sie hingebracht, wo überschrieben?“

Die Botschaft des mittelalterlichen Schuhs müssen die Expertinnen und Experten noch enträtseln. "Warum schreibt jemand in einen Schuh? Es ist unglaublich. Wir sind gespannt, welches Geheimnis er birgt", sagt Miklas und verstaut den unscheinbaren Pappkarton mit seinem rätselhaften Inhalt.

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