Anthropologe Gerhard Weber ist ein Experte auf dem Gebiet der Geigenforensik. © Bohmann/Lukas Beck

Eine Stradivari im Labor

Stradivaris, Stainers und Guarneris gehören zu den wertvollsten Geigen. Ein Wiener Anthropologe entlockt ihnen in einem weltweit einzigartigen Mikro-Computertomografen ihre Geheimnisse.

Schädel und Unterkiefer im Büroregal zeugen von Gerhard Webers beruflicher Passion. Der Anthropologie-Professor an der Universität Wien studiert die Evolution des Menschen anhand der Geometrie fossiler Zähne und Knochen. Doch seit drei Jahren analysiert er auch wertvolle jüngere Schätze. Alte Geigen geben bei Untersuchungen in Webers speziell angefertigtem Mikro-Computertomografen ihre Geheimnisse preis. Ob die zum Verkauf stehende Stradivari von Holzwürmern zerfressen ist, wie oft und wie gut sie repariert wurde oder ob sie tatsächlich echt ist, all das können Weber und seine Kolleginnen und Kollegen durch hochauflösende Scans feststellen. Ähnlich wie ein CT im Spital macht der Mikro-Computertomograf (kurz: μCT oder Mikro-CT) Röntgenschichtbilder, aus denen der Anthropologe 3D-Modelle errechnet. Doch die Auflösung dieses Geräts ist um ein Vielfaches höher, es macht selbst winzige Details im Format einiger Mikrometer sichtbar. Zum Vergleich: Ein Haar hat den Durchmesser von zehn Mikrometern.

Weltweit einzigartige Gerät

Der Scanner im Vienna μCT Labor ist eine Besonderheit, wie der Anthropologe erklärt. "Unsere Maschine ist weltweit einzigartig. Normalerweise passen in μCTs nur zwischen zwei und zehn Zentimeter große Objekte. Doch wir können auch komplette Schädel und Oberschenkelknochen scannen, weil die Kammer im Inneren so groß dimensioniert wurde. In unserem μCT dreht sich nicht die Röntgenquelle, wie sonst üblich, sondern das Objekt. Und wo Platz für einen Oberschenkelknochen ist, ist auch Platz für eine ganze Geige." Das dachte sich auch Webers Kollege Hans Leo Nemeschkal, Theoretischer Biologe und Geigenfan. "Er brachte mich mit Rudolf Hopfner zusammen, einem Geigenbauer und Direktor der Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums in Wien."

Röntgenbilder und Geigen

Mittlerweile analysieren Hopfner und Weber in einem von der Österreichischen Nationalbank geförderten Projekt die Form und Struktur weltberühmter alter Geigen. "Interdisziplinärer geht es wohl nicht!", lacht der Anthropologe. Einen halben Tag verbringen die Stradivari- und Stainer-Geigen in Webers μCT, danach bearbeitet sein Team die entstandenen 7.000 Schichtbilder, mehr als 20 Gigabyte Daten, fast einen Monat lang. Am Ende sehen sie ein vollständiges Modell des Geigenkörpers auf ihrem Computer. Nichts bleibt dabei verborgen, verrät Weber. 

Video: Geigen im Scan

Mit modernster Technik werden Geigen an der Universität Wien gescannt. Ein faszinierendes Verfahren, mit dem man viel über das Musikinstrument erfahren kann. © Stadt Wien/Bohmann Verlag

"Wir betreiben Geigenforensik und sehen jeden Holzwurmgang, jeden Flicken und jede Leimstelle." Weber ist ein Pionier der "Virtuellen Anthropologie", bei der Fossilien digitalisiert und am Computer verglichen werden. Er wendet die Methoden dieser Forschung nun auch an, um die Unterschiede zwischen wertvollen Geigen wie Stradivaris, Stainers und Guarneris quantitativ zu erfassen. Um festzustellen, wie sehr sich etwa zwei Schädel ähneln, nutzen die virtuellen AnthropologInnen Vergleichspunkte oder Landmarks. Diese, wie zum Beispiel die Nasenwurzel, sind bei allen Menschen und ihren Vorfahren gleich und werden so zum Vermessen genutzt. Ähnliche Landmarks verwendet Weber, um die 3D-Modelle der Geigen zu vergleichen.

Geigen haben Lebensgeschichte

Der Unterschied liege im Detail, erklärt Weber. "Zwei Geigen ähneln einander viel mehr als zwei Schimpansen. Aber wir können zum Beispiel sehr subtile Unterschiede in der Wölbung, Dicke oder Asymmetrie der Geigen feststellen. So genau konnten Geigen noch nie analysiert werden. Wir beantworten damit Fragen nach dem Unterschied zwischen Stradivaris und Stainers und wie sich Stradivaris Geigen aus seinen verschiedenen Geigenbauphasen unterscheiden."

Die Analysen der Wiener Forscher können sich stark auf den Wert einer Geige auswirken. © Bohmann/Lukas Beck

Weil die Zeit auch an Geigen nicht spurlos vorübergeht, analysieren Weber und seine Kolleginnen und Kollegen im Rahmen des Stainer-Clone-Projekts den Nachbau einer Geige. Basierend auf einem ihrer Scans, baute die schweizerische Geigenbauschule Brienz eine Geige von Jakob Stainer aus dem 17. Jahrhundert nach. Diese vermisst Weber nun zehn Mal über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren.

Ergebnis bestimmt den Wert

"Wie Lebewesen haben auch Geigen eine Lebensgeschichte. Ihr Bau ist quasi ihre Geburt, da sahen wir sie uns zum ersten Mal an. Dann altert sie: Sie wird bespannt, bespielt, umgebaut und härter bespannt. Wir scannen und vermessen sie bei jedem dieser Lebensschritte und wissen so, wie sich eine Geige im Laufe ihres Lebens verändert." Der μCT entlarvt auch eine andere Art von Klon, die Fälschung. "Einmal vermaßen wir eine Geige, die Stradivari zugeordnet war. Doch ihre Geometrie war auffällig anders als die der bis dahin gescannten Stradivaris – sie war ein Fake", beschreibt der Geigenforensiker.

Auch sonst ist der Anthropologe nicht bei allen Geigenbesitzerinnen und -besitzer beliebt: "Verkäufer haben uns nicht so gern, die allerdings Käufer schon. Aus aller Welt kommen Leute zu uns, die genau wissen möchten, wie es einer Geige geht. So kann eine Geige, die zuvor neun Millionen Euro wert war, nach einer genauen Analyse von uns vielleicht nur mehr die Hälfte wert sein." Ein klares Ziel hat Weber: "Alle Interessenten wertvoller Geigen sollten sagen: Bevor die es in Wien nicht angesehen haben, kaufe ich nicht."

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