Kursleiter Wolfgang Markus Schneider bringt in der VHS sowohl Theorie als auch Praxis des Fliesenlegens näher. © Bohmann/Bubu Dujmic

 

Verfliesen muss keine Hexerei sein

Langsam, aber sicher erwachen die WienerInnen aus dem Winterschlaf. Für viele heißt das: Heimwerken! CLUB WIEN war zum Start der HäuslbauerInnen-Saison bei den Wiener Volkshochschulen zu Gast, um mehr über die Kunst des Fliesenlegens zu lernen.

Eines eint die meisten Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer: Sie haben es satt, dass sie so viele Dinge im Haus nicht selbst machen können. Im konkreten Fall dreht es sich um das Legen der Fliesen. Gut, dass die Wiener Volkshochschulen auch für Heimwerkerinnen und Heimwerker ein umfassendes Kursangebot haben, darunter den Programmpunkt „Do it yourself! Fliesen legen“. Unter der Anleitung von Leiter Wolfgang Markus Schneider, seines Zeichens selbstständiger Fliesenleger, starten wir in der VHS KunstHandWerk in der Schlossgasse in Margareten durch.

Die Theorie hinter der Fliese

„Mein Ziel“, sagt Schneider, „ist, dass alle nach diesem Kurs ihr eigenes WC verfliesen können, und zwar mit möglichst geringem Werkzeugaufwand.“ Am Anfang steht die Theorie, zum Beispiel die Frage: „Kann ich überhaupt überall Fliesen legen?“ Die Antwort: Ja, aber auf lebendigen Untergründen wie Holz ist das Fliesenlegen extrem schwierig und eigentlich nicht ratsam. Abgesehen davon ist alles machbar. Der erste Schritt ist, den Untergrund vorzubereiten. „Der Untergrund sollte keinesfalls lose oder biegsam sein, denn das wird die Keramik auf Dauer nicht aushalten.“ Außerdem unterscheiden wir zwischen saugenden Untergründen, zum Beispiel Estrich oder verputzten Wänden, und nicht saugenden, wie Fliesen. „Es wird sehr oft Fliese auf Fliese verlegt. Und da braucht man dann eine spezielle Haftbrücke. Sie werden sicher einmal hören, dass das unnötig ist, aber das ist ein Irrtum.“

 

Isolierung schützt vor Schimmel

Weiter geht’s mit der Isolierung, ein ganz grundlegender Schritt. Gerade hier passieren viele Fehler. „Fugen sind wasserdurchlässig. Jedes Mal, wenn Sie duschen, ist es hinter der Fliese nass. Bei vierköpfigen Familien ist es 365 Tage im Jahr feucht“, erklärt Schneider. „Haben wir keine Isolierung draufgespachtelt oder schlecht gearbeitet, wird das Mauerwerk nass und im schlimmsten Fall schimmeln.“ Auf die Isolierung ist aber Verlass, die im Baumarkt erhältlichen Produkte sind zu 100 Prozent wasserundurchlässig. Apropos Baumarkt: Beim Kauf der Fliese kann man nicht viel falsch machen. Allerdings sollte man darauf achten, dass alle Fliesen dieselbe Chargennummer haben. Ist das nicht der Fall, kann es Größen- oder Farbunterschiede geben. „Außerdem empfehle ich für das Vorzimmer eine stabile Bodenfliese, im Außenbereich müssen sie frostsicher sein.“

Dann geht es auch schon ans Eingemachte. Schneider wechselt von der Theorie in die Praxis und zeigt, wie man eine Grundierung aufträgt. Diese ist quasi das Fundament, auf dem die Fliese stabil und gerade liegt. „Sie können die Grundierung ruhig eine Woche vor dem Verfliesen auftragen“, sagt Schneider. Wichtig ist, die Unebenheiten auszugleichen, dafür gibt es Ausgleichsmörtel, Kleber und Nivelliermasse. „Gute Produkte haben eine Konsistenz wie Palatschinkenteig. Die leert man einfach auf den Boden und die Masse läuft dann fast von alleine in die unebenen Stellen.“ Wenn die Grundierung steht, kommt die Isolierung dran. Die wird einfach aufgespachtelt und ist, wie erwähnt, vor allem in den Nassräumen unerlässlich. Schneider empfiehlt auch, ein Dichtband anzubringen. Das fängt Spannungen ab und bietet zusätzliche Sicherheit.

Dem Auge kann man vertrauen

Jetzt ist der Zeitpunkt für kosmetische Planung gekommen. Da viele Fliesen geschnitten werden müssen, um in die Fläche zu passen, sollte man sich darüber Gedanken machen, wo man diese eher nicht sieht. Hinter Möbeln sind sie besonders gut versteckt. Im Vorzimmer etwa kann man solche Fliesenstreifen sehr gut hinter den Kommoden verstecken. Doch in jedem Raum gibt es Stellen, die man einfach weniger oft ansieht. „Da können Sie sich ruhig auf den Hausverstand verlassen“, sagt Schneider.

Das beste Mittel, um sich über die Anordnung der Fliesen klar zu werden, ist das Auflegen. Dabei werden die Fliesen probeweise im Raum angeordnet. Auch Wolfgang verfährt nach 17 Jahren Arbeitserfahrung noch nach dieser Methode, denn nur so kann man sicher sein, dass das Auge beim Betrachten des Raums durch nichts gestört wird. „Dafür nehmen wir uns gerne zwei, drei Stunden Zeit, denn die Fliesen sollen ja die nächsten 30 Jahre gut aussehen“, sagt Schneider. Von Fugenkreuzen, die beim Verfliesen in die Ecken der Fliesen gelegt werden, um für Gleichmäßigkeit zu sorgen, hält Schneider übrigens nicht viel. „Fliesen sind nie exakt gleich groß, die Kreuze aber schon. Ungleichmäßigkeiten in der Größe werden dadurch einfach weitergezogen oder sogar noch verschärft. Am Ende ist dann alles schief und unansehnlich.“ Stattdessen vertrauen wir auf das gute alte Augenmaß. Denn, wie Schneider zu bedenken gibt, erkennen wir Schiefe meistens ganz alleine.

Bitte mit Fingerspitzengefühl

Haben wir die Fliesen aufgelegt, sehen wir auch, welche geschnitten werden müssen. Dabei brauchen wir Fingerspitzengefühl. Die Fliesen sollten an den betreffenden Stellen ganz leicht angeritzt werden. „Nicht zu viel Kraft aufwenden, sonst bricht sie“, warnt Schneider. Nach dem Ritzen ist es in aller Regel möglich, die Fliese mit der Hand zu brechen. Reicht das Muskelschmalz dafür nicht, kann man sich mit einer Zange weiterhelfen. Braucht man ein Loch in der Mitte einer Fliese, gibt es dafür das Gerät mit dem wohl amüsantesten Namen im gesamten Baumarktsortiment: den Lochboy. Der ähnelt einem Schraubstock mit einem Loch in der Mitte. Die Fliese wird darin festgeschraubt, der Lochbereich kann dann mit einem Fliesenhammer ganz einfach weggeklopft werden.

Beim Kleben zählt gutes Timing

Wir gehen ins Finale und Konzentration ist angesagt: Wir rühren den Fliesenkleber an. „Bitte den Kleber nicht in zu großer Menge anrühren, denn der trocknet an der Wand recht schnell und wird dann unbrauchbar. Wir Profis sagen dann, er hat eine Haut“, sagt Schneider. Ist der Kleber fest und die Fliese nicht drauf oder schief, muss man den Kleber komplett wegkratzen und von vorne beginnen. Sobald man eine Fliese in den Kleber gedrückt hat, gibt es ein Zeitfenster von vier bis fünf Minuten, in dem man kleine Fehler korrigieren kann. Beim Selbstversuch wird die Bedeutung des Fensters klar: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer entdecken Schiefe und Unregelmäßigkeiten, die wir aber unter Anleitung von Schneider gut ausgleichen können. „Es muss nicht mit dem Geodreieck ausgemessen werden“, sagt Schneider. „Wichtig ist immer nur, dass es schön für das Auge ist.“

Als wir dann die fix und fertig verlegten Fliesen betrachten, wird allen klar, warum Heimwerkerinnen und Heimwerker so enthusiastisch sind. Ein erfolgreiches Arbeiten lässt die Brust deutlich anschwellen, alle sind sehr stolz auf das Geleistete. Auch Schneider ist mit dem Kursverlauf zufrieden. „Mir ist wichtig zu zeigen, dass man mit wenig Aufwand und ohne sündteures Equipment Fliesen verlegen kann. Und wie Sie sehen, klappt das auch ganz gut.“

Die VHS KunstHandWerk hat ein breites Kursangebot von Holzbearbeitung über Schweißen bis zu Nähen oder 3D-Druck. Mehr Infos finden Sie auf der Homepage der Wiener Volkshochschulen unter www.vhs.at.